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Der Israelit · 1895-04-18 · Heft 30-31 (18.4.1895) · page 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 30-31 (18.4.1895)
Date
1895-04-18
Page
– (sequence 22)
Language
German
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596 Essen heute auch nicht schlechter als sonst und als er den 8vkLr hamalaus anstimmte, dachte er nicht mehr an den Verdruß, den er gehabt hatte. Nach Tische erschallten die Ssmiraus-Gesänge, dann las er den Morgen zu verlesenden Thoraabschnitt durch und begab sich zu Bett. Am folgenden Tage sah man Isidor außer in der Synagoge nirgends. Er wollte nichts hören und Niemand sehen, denn er fürchtete neugierige Fragen und unverschämte Frager. So verging der Sabbat und der Sonntag kam. Ungeduldig erwartete ihn Röschen, weil sie sich großes Vergnügen davon versprach. Mit Herzklopfen und nervös aufgeregt sah ihm Isidor, der am liebsten sich versteckt hätte, entgegen, während Frau Löb, eine der Situation entsprechende Würde bewahrte und die Ehre des Hauses zu wahren hatte. Schon des Morgens früh saß sie wie eine Königin auf dem Stuhle, sie hatte ihr bestes seidenes Kleid angezogen, und erwartete das Kommende oder vielmehr die Kommenden mit der größten Ruhe. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn es war fast Mittag, als sich der erste Kandidat einstellte. „Guten Tag, kann ich Herrn Isidor Löb sprechen?" Mit diesen Worten führte sich der elegant gekleidete junge Mann ein. Frau Löb musterte ihn recht genau. Seine tadellose Eleganz mißfiel ihr, noch mehr aber fand das goldne Lorgnet ihr Mißfallen, welches an einem feinen goldnen Kettchen angebunden auf der riesigen Habichtsnase des jungen ManneS faß. Das war kein Mann für ihre Tochter — und sie sagte; „Bedaure recht sehr, mein Herr, mein Mann ist jetzt gerade beschäftigt." „£), bitte", versetzte der junge Mann höflich, „ich kann warten. Wenn man ein solches Geschäft vor hat, ist man nicht pressiert. —" „Geschäft? Was für ein Geschäft haben Sie vor?" „Ich komme in folge Ihrer Annonce." „Sie wollen sich also bei uns um die Stelle eines Commis bewerben?" „Davon steht nichts in der Annonce. Dort las ich, Sie suchen einen Mann für Ihre Tochter." „Und da meinten Sie, mein Herr, Sie seien der Gesuchte! Unsere Annonce ist falsch abgedruckt worden." Der junge Mann entfernte sich. Laut auflachend ging er die Straße hinab. Da sah er einen anderen jungen Manu daherkommen und auf das Haus zuschreiten, das er eben verlaffen hatte. Sollte er ihn warnrn? I' was! Laß auch ihn sein Heil versuchen und die Schwiegermutter in spe kennen lernen. Frau Löb rieb sich lächelnd die Hände. Dem hatte sie das Geschäft versalzen; der konnte zufrieden sein. Doch horch! da klopft es wieder an die Thüre. „Herein!" Ein junger Mann tritt ein. Ein echter Commis voyageur, dem man es am Gesichte schon ansieht, wes Geistes Kind er ist. Als er sich der Frau Löb gegenübersteht, zieht ein feines Lächeln über sein Gesicht — er hielt sich für unwiderstehlich. ,,'ne Morgen, 'ne Morgen", sagte er eintretend, „mein Name ist Mayer, Mayer mit ay, ich erwähne es nur der Adresse halber, der Name ist selten. Sind wohl die Frau Mama, wie? Und das Fräulein Tochter, die Hauptperson? Ach so, wird später erscheinen. Also ich komme —" „Bitte, mein Herr", sagte Frau Löb, „die Stelle in meinem Hause ist schon besetzt. —" „Was? Stelle ist schon besetzt! Suchen Sie denn nicht einen zärtlich liebenden Schwiegersohn, der das Töchterchen vergöttert, auf Händen trägt, der Schwiegermutter die Kur schneidet — ich meine, Sie könnten keinen besseren finden als mich." „Bedaure sehr, Herr Mayer mit ay, wir suchen einen Commis zum Verkaufe von Zucker, Kaffee, Häring, Syrup, Wichse wie auch von Bukskin etc: und diese Stelle ist besetzt." „Aber Ihre Annonce lautet doch ganz anders." „Das ist nicht unsere Schuld." — „Ich verlange Entschädigung — Reisegeld und Tagesspesen." „Wenden Sie sich an die Zeitung, die den Fehler gemacht hat." „Fehler? So haben Sie am Ende gar keine Tochter —" „Das kann Ihnen einerlei sein. Sie geht meine Tochter nichts an und damit basta. Adieu Herr Mayer!" „Vielleicht kann doch noch was daraus werden, Frau Löb; ich bin ein seltener Mensch. Ich kann alles und bin, wenn ich in ein Geschäft einhetrathen kann, mit einer bescheidenen Mitgift zufrieden. Die Frau ist ja doch immer die Hauptsache, nicht wahr. Der Dichter hat Recht, wenn er singt: Ja die Frau'n, Frau'n, Frau'n Nicht schöneres gibts zu schau'n, So lange noch die Welt besteht, So lang der Erdenball sich dreht." Mit einer guten Tenorstimme hatte der junge Mann diesen Vers aus irgend einer Operette herausgesungen, so daß Isidor aus dem Laden herbeigesprungen kam und mit offenem Munde an der Thüre stand, während Röschen, die gelauscht hatte, in der Küche stand und sich die Seiten hielt.

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