Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 30-31 (18.4.1895)
- Date
- 1895-04-18
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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595 „Wohl hast Du Zeit," erwiederte die Mutter, „denn Du bist noch jung. Aber wir. Deine Eltern haben nicht mehr so viel Zeit. Wir sind über die Jugend hinaus und dann ist es gut, wenn man daran denkt, und zwar je eher, desto lieber, seine Kinder zu versorgen, sein Haus zu bestellen." Röschen erwiederte der Mutter nichts; sie dachte, kommt Zeit, kommt Rath und was in Gottes Rathschluß bestimmt ist, daran können die Menschen nichts ändern. Die Woche ging zu Ende wie alle vorhergehenden Wochen auch. Isidor war mit dem Geschäft zufrieden und wäre nur erst der Sonntag vorüber, so wäre er ganz glücklich gewesen. Am Freitag Abend zur bestimmten Zeit schloß er seinen Laden, badete und zog seine Fekrtagskleider an, um zur Synagoge zu gehen. Auf dem Wege dahin begegneten ihm einige Glaubensgenoffen, die ihn freundlich lächelnd grüßten. Ihr Gruß deuchte Isidor ganz anders wie sonst, aber er achtete nicht weiter darauf, sondern schritt bedächtig dem Gotteshause zu. Es war noch etwas zu früh und die Thüren der Synagoge waren noch nicht geöffnet. Isidor ging deshalb, wie er bei solcher Gelegenheit zu thun pflegte, in die neben der Synagoge gelegene Wohnung des Schammes, um mit diesem oder mit dessen Frau noch ein paar Worte zu plaudern. Er wurde freundlich empfangen, doch merkte er, daß es nicht wie sonst war; ein unbestimmtes Etwas lag auch hier in der Luft und er sollte nicht lange darüber im Unklaren bleiben. „Run, Herr Löb," sagte die Frau des Schammes noch einigen Worten, „haben Sie schon einen Choson für Ihre Tochter gefunden?" „Ich?" fragte Isidor, „was meinen Sie damit?" „Nun, Sie suchen ja durch Inserat einen Choson." Isidor lachte und sagte: „Ich glaub' die ganze Welt ist meschuggo geworden." Das war zu viel für die brave Frau. Mit einem Ruck stand sie neben Isidor und sagte: „Nein, ich glaub' eher, Ihr seit meschuggo. daß Ihr einem blind und dunim machen wollt. Was ich gelesen Hab, das laß ich mir nicht wegdisputieren." „Und was habt Ihr dann gelesen?" fragte Löb spitz. „Was ich gelesen Hab? Daß Isidor Löb in B. einen tüchtigen jungen Mann zum Einheirathen in sein Geschäft sucht und daß persönliche Vorstellung erwünscht ist." „Das habt Ihr gelesen? Wo denn?" „Fragt mich auch noch wo! In? unserer jüdischen Zeitung." „Seid mer's mochel, wenn ich das glauben soll, muß ich es selber sehen." „Ihr sollt es sehen und sollt es lesen." Mit eiligen Schritten ging sie ins Nebenzimmer und kam mit einer Zeitung zurück. Rasch hatte sie gefunden, was sie suchte. Sie deutete mit dem Finger auf eine Stelle und sagte: „Da lest!" Isidor nahm die Zeitung und las folgende Annonce. r %gr ( | II ur* P { Ein tüchtiger junger Mann, rechtschaffenen Chau racters, streng religiös und von guter Familie, Ende der Zwanzig, findet Gelegenheit in ein gutn gehendes Colonial- und Schnittwaarengeschaft k { einzuheirathen. Das betr. Mädchen ist achtzehn u »! Jahre alt, hübsch, gebildet, häuslich erzogen. Be- « : Werber wollen sich wenden an Isidor Löb int! [ B. Persönlich^Vorstellung^erwünscht^^_jj Isidor las und las wieder. Endlich blickte er auf und sagte: „Glaubt Ihr mir, wenn ich Euch sage, daß ich von der Annonce nichts weiß, daß mir da ein Schofel einen schlechten Streich gespielt hat! Aber Sonntag, f. G. w. werde ich an die Zeitung schreiben und mir Aufklärung verschaffen. Bis dahin glaubt meinem Worte." „Ihr habt Euch bei mir deshalb nicht zu entschuldigen," versetzte die Frau spöttisch. „Jeder thut das, was ihm richtig und gut erscheint. Ihr werdet schon wissen. —" Isidor hörte sie nicht zu Ende. Mit einem „Gut Schabbos" verließ er das Zimmer und begab sich in die Synagoge, die mittlerweile geöffnet worden war. Die Andacht, mit der Isidor sonst betete, wollte sich nicht einstellen. Immer wieder mußte er au die Annonce denken und an das. was man von ihm sagen würde. Denn, daß er dieser Annonce wirklich fern stehe, diese Versicherung, das wußte er, wird keinen Glauben finden. Um jeder Frage zu entgehen entfernte sich Isidor gleich nach dem Kidduschgebet, noch bevor der Gottesdienst sein Ende erreicht hatte. Mit finsteren Blicken schritt er seinem Hause zu. Als er aber in das Zimmer trat, in welchem die sechsarmige Sabbatlampe hell brannte und seine Frau und seine Tochter ihn mit freundlichen und glücklichen Gesichtern, auf denen die Sabbatfreude thronte, empfingen — da wich der düstere Ernst und der Aerger aus seinem Herzen und jubelnd wie sonst hieß er den Sabbat in seinem Hause willkommen, empfing er malachei haschores, malachei eljaun. Ihm schmeckte sein