Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-04-18 · Heft 30-31 (18.4.1895) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 30-31 (18.4.1895)
Date
1895-04-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448589--40591-2489510
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

593 Ein solcher junger Mann verdient reichlich, was er kostet." „Also einen Gummi willst Du anstellen, willst ihn sogar ins Haus nehmen, trotzdem Du eine große Tochter hast. —" „Nun, waS ist denn dabei? Sie werden sich gegenseitig nicht beißen." „Meinst Du? Ich habe Dich gewarnt. Man setzt keinen Marder in den Taubenschlag. Wenn Du Scholaum im Hause haben willst, laste jeden Fremden draußen." Aber Isidor Löb beharrte auf seinem Willen und am folgenden Tage mußte Röschen, welche Secretärdienste verrichtete, folgende Annonce an die Expedition einer weitverbreiteten jüdischen Zeitung einsenden:! - j ein tüchtiger junger Kaufmann für ein gutgehendes ) H Colonial- und Schnittwaarengefchäft in einem h lebhaften Landstädtchen, welches an I3*’i NIL? ge- H schloffen ist. Junge Leute, die auch schon gereist { | haben, wollen ihre Zeugniffe mit Gehaltsansprüchen { bei freier Station im Hause des Prinzipals einsenden an Isidor Löb in B. Persönliche Vor- __h Isidor Löb fiel ein Stein vom Herzen, als der Brief mit der Annonce abzeschickt war. Wenn er Glück hatte, und einen braven, tüchtigen Menschen fand, konnte er sein Geschäft vergrößern und selbst die Kundschaft gewinnen, die bisher ihren Bedarf in der nahen Stadt deckte. Acht Tage vergingen. Isidor war Wiederwahl und hatte das Schnittwarengeschäft wieder selbst übernommen, trotzdem er sich noch recht matt fühlte. Jeden Tag erwartete er mit der Post Offerten auf seine Annonce. Endlich kam der Postbote und brachte lächelnd einen ganzen Pack Briefe. Indem er sie Isidor gab, sagte er: „Ist wohl heute Geburtstag? Dann gratuliere ich auch schönstens." „Unsinn," sagte Isidor, „es sind wahrscheinlich Offerten auf eine Annonce." Der Briefbote entfernte sich und Isidor zog sich hinter den Ladentisch zurück, um die eingegangenen Offerten durchzusehen. Bedächtig nahm er seine Brille aus dem Futteral, putzte die Gläser und öffnete langsam den Brief, der ihm zunächst lag. Langsam las er die Worte, aber es schien, als ob er dieselben nicht verstehe. Er schüttelte den Kopf und las wieder, ohne klüger geworden zu sein. Er legte den Brief zur Seite und öffnete den zweiten. Beim Lesen desselben ging es ihm gerade so wie beim Lesen des ersten. Kopfschüttelnd legte er auch diesen fort und so ging es ihm bei dcn acht Briefen, die ihm die Post gebracht hatte. War denn die Welt verrückt geworden, oder war er es. Da kündigten ihm acht junge Leute ihren Besuch für nächsten Sonntag an, hoffend, daß sie Gnade finden würden vor den Augen der Fräulein Tochter und versprechend was in ihren Kräften stehe zu thun, um in diesen Falle das Mädchen glücklich zu machen. Waren das Offerten auf seine Annonce? Sicher nicht. Welcher Kobold hatte ihm diesen Streich gespielt, den er nicht mehr parieren konnte. Rasch eilte er an das Copirbuch, um noch einmal den Wortlaut der Annonce durchzulesen. Ersuchte und suchte. Mit zitternden Händen dmchblätterte er das ganze Buch — o weh, die Annonce war zu copieren vergessen worden. Eine schöne Geschichte hatte er sich da eingebrockt. Ihm graute, wenn er an Sonntag und an das Erscheinen der acht Hetraihscandtdaten dachte, was würde seine Frau sagen? So hatte er sich noch nie blamiert. Wenn das bekannt würde, würde er zum Gespött aller Leute. Es war ein Glück, daß jetzt Kunden kamen, die ihn fast zwei Stunden beschäftigten, so daß er die fatale Geschichte fast ganz vergessen hatte. Da brachte der Postbote abermals einen Pack Briefe und übergab sie lächelnd dem vor Schreck starren Isidor, indem er sagte: „Sie haben heute die stärkste Post, Herr Löb." Isidor wagte es nicht, die Briefe anzurühren. Er wußte, er sah es ihnen an, es waren Offertbriefe gleicher Art wie die vom Morgen. Jetzt kam Röschen, um den Vater zu Tisch zu rufen. Als sie die vielen Briefe und das betrübte Antlitz ihres Vaters sah, erschrack sie. „Et, Vater, was ist Dir?" fragte sie leise; „man meint Du habest Angst vor diesen Briefen." „Hab ich auch, mein Kind, Hab ich auch! Sei nur still, daß die Mutter nichts davon hört! Hätt' ich ihr gefolgt!" „Aber wieso? was ist denn los?" „Ach da ist der Soton mit im Spiel; nach dem Esten, wenn die Mutter schläft, komm in den Laden, dann sollst Du rS hören. Vielleicht weißt Du Rath." Röschen konnte sich das Benehmen des BaterS nicht erklären. Kopfschüttelnd trug sie daS Esten auf und wunderte sich im Stillen wie überaus liebenswürdig heute der Vater war. Auch Frau Löb fiel diese Liebenswürdigkeit auf und sie dachte bei sich: „Ich Hab doch einen guten Mann; er ist heute noch so wie er als Choson war." Gerührt ob seiner LtebenSwürdtgkeU wollte sie ihm eine Freude machen und fragte: „Sind noch keine Offerten auf Deine Annonce

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.