Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 30-31 (18.4.1895)
- Date
- 1895-04-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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585 anwaltschaft zu Breslau bei der hiesigen Direction ein, des Inhalts, daß der Termin aufgehoben sei. Die Direktion gab sofort dem p. Feibel davon Kenntniß. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Prag. Der Statthalter von Böhmen Graf Thun hat unter dem Datum des 8. v. M. an die Directoren der Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten Erlässe gerichtet, welche die Pflege der Loyalität, die nationale und confessionelle Duldsamkeit, das Tragen von Abzeichen, endlich die Veranstaltung von Sammlungen von Geld oder anderweitigen Beträgen behandeln. Der Erlaß über nationale und confessionelle Duldsamkeit enthält folgende wesentliche Stellen: „Alle Gesetze und Vorschriften, welche die Schulbildung betreffen, legen Gewicht auf die Veredelung des Gemüthes der Schuljugend. Der Grundsatz der Nächstenliebe, durch welchen die Religion die Menschheit auf eine höhere Culturstufe gebracht hat, muß in der Schule die vollste Beachtung finden und derselbe hat namentlich auch in der nationalen und consessionellen Duldsamkeit zum Ausdruck zu kommen. In dieser Richtung mutz die Erziehung von dem jugendlichen Herzen Jrrthümer fernhalten und in dasselbe jenen Geist der Friedfertigkeit verpflanzen, welcher das Zusammenwirken der Menschen ermöglicht und den allgemeinen Fortschritt fördert. Nicht in der Hingebung an wechselnde Zeltströmungen, sondern in dem Bewußtsein, der Humanität zu dienen, sucht der wahre Pädagoge seine Bes iedigung. Und wie weit ist ein Lehrer von seiner Aufgabe entfernt, wenn er bei seinen Schülern Aeutzerungen der Zwietracht unbeachtet läßt, oder gar selbst den Schülern ein Beispiel der Unverträglichkeit gibt. An den Mittelschulen, an den höheren Bildungsquellen, und an den Lehrerbildungsanstalten, als den Pflanzstätten des guten Geistes, von welchen die künftigen Lehrkräfte der Volksschulen beseelt sein sollen, ist gegen gehässige Anwandlungen und Bestrebungen besonders streng aufzutreten. Die Lehrerschaft hat das diesfällige Verhalten der Schuljugend auch außerhalb der Schule im Auge zu behalten." Das ist ein klares gesundes Wort, umso bedeutungsvoller, als leider sogar der Boden der Schule manchmal mit den politischen und consessionellen Kämpfen mitvibrirt. Bewegungen ebenso heftig als verderblich, habm da und dort einen Theil der Lehrer und Schüler mit sich gerissen und haben das traurige Schauspiel ermöglicht, daß in den Köpfen der Lehrenden und Lernenden anstatt deS idealen Zuges zu der Wahrheit und der Schönheit der Dinge der nationale Haß und die religiöse Anfeindung in besorgnißerregender Weise sich einnisteten. Pretzvurg. Ein jüdisch orthodoxes Leichenbegängnitz mit Musik gehört zu den größten Seltenheiten. Ueber ein solches erhalten wir aus Preßbürg folgenden Bericht: Am Sonntag verschied im hiesigen GarnisonSipital der jüdische Zugführer Salomo» Brodi, der fich wegen seiner Frömmigkeit — die doch im Mll'tärstande mit großen Schwierigkeiten verbunden ist — bet der jüdischen Bevölkerung einer großen Beliebtheit und Achtung erfreute. Zu dem am Mittwoch stattgefundenen Leichenbegängniß, welchem ein großer Theil der hiesigen Gemeinde und Ober« rabbincr Schreiber beiwohnte, rückten zwei Kompagnien mit der Musikkapelle des Regiments aus, trotzdem die Eltern des Verstorbenen sich dies verbeten halten. Sämmtliche anwesende Offiziere begleiteten den Zug bis ans Grab. Prediger Friedmann widmete dem Verstorbrnen einen warmen Nachruf, in welchem er hervorhob, daß der Verblichene ein glänzendes Zeugnihdafür ablege, daß man ein frommer Jude und doch ein tüchtiger Soldat sein könne. Die herzergreifenden Worte der Trauer verfehlten nicht ihre Wirkung, und war es ein seltener Anblick, die abgehärteten Offiziere und Mannschaften in Thränen ausbrechcn zu sehen. Ein anwesender nichrjüdischer Oberstlteutenant sammt Frau und Tochter ließen es sich nicht nehmen, die letzten Erdschollen aus den Sarg zu legen. Die Offiziere drückten deni aus Wien herbetgeeilten Vater des Verstorbenen ihr Beileid mit dem Bemerken aus, daß sie in seinem Sohne einen ihrer bravsten Unteroffiziere verloren. Ans ittöirdien Vereint», Klhnien nnö Ktlstingeil Per i». Der Einladungsschrift der Religionsschule oer Israelitischen Synagogengemeinde (Adaß-JiSroel) zu Berlin zu der am 30. und 31. März 1895 in der Aula der städtischen Schule stattfindenden öffentlichen Prüfung vom Direktor Rabbiner Dr I. Hildesheimer entnehmen wir: Zum funfundzwanzigsten Male erstatten wir den Eltern, unserer Schüler und Freunden unserer Anstalt Bericht über den Bestand der Schule; auf ein Vierteljahrhundert eifrigen Strebrns und trefflichen Gelingens durfte dieselbe am 9. Oktober v Js. zurückblicken. Aus geringen Anfängen ist sie zu einer Anstalt emporgediehen, die mit gerechtem Stolze auf die erreichten Erfolge Hinweisen kann. Mit 60 Kindern und sieben Kiaffen ist die Schule eröffnet worden und in allmählicher Entwickelung stetig und sicher gewachsen; nach fünf Jahren zählte sie bereits 234 Schüler und 9 Klaffen, nach 10 Jahren 295 Schüler und i t Klaffen, nach 20 Jahren 375 Schüler und 13 Klaffen und im vergangenen Jahre wurden insgefammt 444 Kinder (302 Knaben und 142 Mädchen) in >5 Klaffen (9 Knaben- und 6 Mädchenklaffen) unterrichtet. Von diesen besuchten 161'Gymnasien resp. Realschulen, 142 Höhere Knaben- resp. Mädchenschulen und 141 Gemeindrschulen. Diese Vrrschiedenartigkeit der allgemeinen Vorbildung erschwert freilich — besonders in denjenigen Gegenständen, die an die Denkkraft der Kinder größere Anforderungen stellen, wie z. B. in Religionslehre