Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 30-31 (18.4.1895)
- Date
- 1895-04-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Seil.;u M 30 8- 31 i>es „Israelis. Literarische Umschau. 8. Das B.dürfniß, die Kenntnitz der jüdischen Geschichte zum Gemeingut zunächst der jüdischen Kreise zu machen, und sie auch in die nichtjüdischen Kreise zu tragen, stellt sich immer mehr als ein dringliches heraus. Nur ein Volk, das seine Geschichte kennt, weiß die Gegenwart richtig zu würdigen und sich selber zu erkennen und nur ein Volk, dessen Geschichte man kennt, ist vor Verkennung geschützt. Daß dem größeren Theile der Juden seine eigene Geschichte bis auf den biblischen Abschnitt derselben bisher ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch geblieben, ist eine traurige Thatsache, die nicht abzuleugnen ist, und daß noch heute vielen, die sich für gebildet halten, denen die Namen aller möglichen Schw.rt- und Geisteshelden aus der allgemeinen Geschichte geläufig sind, Namen wie Abaja, Raba, Nagdila, Alfassi, Bedarschi, Aderet u. s. w. u. s. w. so unbekannt sind, wie die Herrschernamen der Zulukaffern, von denen sie jedoch vielleicht noch etwas mehr wissen, ist eine Thatsache, die alltäglich sich bekundet. Diesem Bedürfniß entgegenzukommen, ist man in neuerer Zeit mehr denn je bemüht: die Schulen nehmen den Stoff der jüdischen G-schichte in den Lehrplan aus. Vereine suchen durch Vorträge das Publikum zu belehren, populär geschriebene Geschichtswerke bringt man auf den Büchermarkt. Gin bereits schon im Jahre 1893 zu erscheinen beginnendes Wcrk: „Geschichte der Juden und ihre Literatur vonDr. M.Brann (Breslau. Wilh. Jacobson u. Co) liegt jetzt durch die Herausgabe des zweiten Bandes vollendet vor uns. Nicht nur für die Schule, sondern auch für das Haus berechnet, wird es durch seinen angenehm erzählenden Ton, wie durch die vornehme Ruhe im Urtheil sich recht viele Leser erwerben. Der Parteihader der G. genwart ist nicht in die Vergangenheit getragen, die Achtung vor den Früheren, ist in wohUhuendcr Weise gewahrt, die Persönlichkeiten sind aus ihrer Zeit, und darum gerecht, behandelt. Auch in der Behandlung der Gegenwart hat der Verf. es verstanden im Urtheil objcctiv zu bleiben, wenn er sich auch über die dauernde Wirksamkeit des Breslauer Seminars in einer Täuschung befindet, die allerdings erklärlich, aber nicht historisch begründet ist. So bildet dieses Werk, das nicht, wie so manche ähnliche, erst mit der nachbiblischen Geschichte beginnt, sondern mit der biblischen Geschichte anfängt, eine willkommene Bereicherung unserer jüdischgeschichtlichen Literatur. — Eine recht originelle undbeachtenswertheLeistung bietet unsE. Roller in seiner hebräischen Schrift: nbv w oder „Lichtstrahlen über den Prediger Salomo" (Krakau 1895. Selbstverlag.) Roller hat sich in der gelehrten Welt bereits einen berühmten Namen gemacht; die Grabinschrift deS Sidontschen Königs Eschmunezer, an der so viele Gelehrte vergebens herumstudirten, hat durch ihn die richtige Lösung gefunden. Auch die vorliegende kleine Schrift, welche von einer deutschen Vorrede begleitet ist, legt von dem Scharfsinn des Verf. ein glänzendes Zeugniß ab. DaS Buch Kohelet mit seinen dunkeln Partien sucht der Vers, aus dem Leben und Geschicke des Königs Salomo zu erklären und in Wirklichkeit gelingt es dem Verf. auch, auf manches unverständlich Scheinende Helles Licht zu werfen. Das Büchlein ist darum sehr interessant, schon als Vers ch eine neue Erklärungswetse des „Predigers" a^zubahnen, und selbst da, wo des Verf. Ansichten den Unbefangenen nicht befriedigen, geben sie doch Anregungen, die der Wissenschaft zum Vorthetl werden können. — „Nulla dies sine lineal“ darf auch der Bücherrecensent sagen. Keine größere Sendung an Büchern ohne eine Schrift für oder gegen den Antisemitismus. Es liegt eben eine recht gut gemeinte und zum Theil auch gut ausgeführte Schrift von Dr. Adolf Rothenbucher vor uns „Sohar. Talmud und Antisemiten" (Berlin, Neufeld und Henius.) Ja acht Kapiteln behandelt der Verf. wichtige Punkte, die in der Geschichte des Antisemitismus eine große Rolle spielen. Wenn die Antisemiten den Sohar als eine Geheimschrift erklären, die die schrecklichsten Verbrechen den Juden nicht nur erlaubt, sondern diese Verbrechen mit einem mystischen Heiligenschein umkleidet, daß diese Verherrlichung geradezu zu einer Aufforderung, das Verbrechen zu begehen, wird; wenn die Antisemiten die Kabala als Zauberei und Hexenwerk verschreien, die zu den größten Entsetzlichkeiten anreizt: so wlist der Verf. durch Mittheilungen aus diesen Schriften die Lügenhaftigkeit der Anklagen nach. Was die Talmudverleumder der Neuzeit an Unwahrheit zusammengeschmiedet, worüber man sich ja nicht wundern kann, wenn man ihre Persönlichkeit kennt, wird hier ebenfalls kurz zusammengestellt, ein Blick wird auf Lesstng, den Vorkämpfer der Emanc pation, geworfen, und dann werden fünf Heilmittel genannt, durch welche die Krankheit des Antisemitismus geheilt werden kann, die alle bis auf eines recht gut find. Allein auf dieses eine, es ist das dritte, verzichten wir, die Taufe. Um Mißverständnissen vorzubeugen, wollen wir jedoch gleich bemec-