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Der Israelit · 1895-04-18 · Heft 30-31 (18.4.1895) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 30-31 (18.4.1895)
Date
1895-04-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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577 welcher er wieder aus demselben fällt. — Nichtsdestoweniger lautet eine Regel: ttryt« n'ixb nDntcrDi zu by „Man lerne immerhin, selbst wenn man das Gelernte wieder vergißt." (Talmud Aboda sarah fol. 19.) Das Lernen ist eben Selbstzweck und bliebe uns heilige Pflicht, wenn es selbst denkbar wäre, daß man bereits alles zu Lernende in sich ausgenommen hätte. Das geistige Turnier, die sittliche Schulung und die Uebung unserer Geisteskräfte sind immerhin ein nicht zu unterschätzender Gewinn, der uns bleibt, wenn auch der eigentliche Zweck des Lernens, die dauernde Aneignung des Lehrstoffes, nicht erreicht würde. — Wenn man wohlriechendes Oel aus einem Gefäß in ein anderes schüttet, so bleibt an den Wänden des leeren Gefäßes doch der Wohlgeruch hasten. Der eigentliche Zweck des Lernens wird bei Jemanden, der das leicht Erlernte leicht vergißt, gewiß verfehlt, deßhalb heißt es hier, daß der Vorthetl durch den Nachtheil aufgehoben wird, aber ohne Erfolg bleibt das Lernen für die Schulung des Geistes und Empfänglichkeit des Gemüths deshalb doch nicht. Wer schwer lernt und schwer vergißt, bei dem wiegt der Nutzen den Nachtheil ans. Der Nachtheil an Zeit und Mühe, welche der Minderbegabte aus das Erfaffen eines Lehrobjekts verwendet, wird vollständig compensirt, wenn in Folge der größeren Anstrengung das Gelernte nun auch schwer» verlierbares geistiges Etgenthum des Schülers bleibt. Von zwei verschieden beanlagten Schülern sprach der weniger Begabte zu dem Fähigeren: Die Differenz zwischen uns beiden besteht nur in einem kleinen Stück Kerze, das ich Abends mehr brennen muß als Du, um mein Pensum zu bewältigen. — Er hätte noch hinzufügen können, daß dieses Stück Licht reichlich durch die Bürgschaft ausgewogen wird, die in der Schwierigkeit des Lernens für das dauernde Gedächtniß des Erlernten liegt; eine Sicherheit, die dem ohne Schwierigkeit rasch Begreifenden abgeht. Wer leicht lernt und schwer vergißt, der hat ein gutes Th eil. Eine andere Lesart hat hier oan statt mv p^n. Man kann diese Lesart als Definition der unsrtgen ansehen. Das gute Thetl, welches dem glücklich Begnadeten hier zugesprochen wird, der leicht lernt und schwer vergißt, besteht eben darin, daß er wie selten ein anderer die wesentlichen Bedingungen in sich vereinigt, um ein ajn zu werden. Durch seine leichte Fassungskraft kann er ohne großen Zeitverlust ein großes Wissen sich aneignen. Durch sein starkes Gedächtniß bewahrt er den rasch, leicht und zahlreich gesammelten Lehrstoff getreu bei stch und ist so jeden Augenblick in der Lage ihn für das Leben praktisch zu vecwerthen. Schwer zu lernen und leicht zu vergessen ist ein schlimmer Theil. Vielleicht ist auf diese vierte Art das Wort Rabats gesagt, dessen wir oben gedachten, daß man immerhin lernen solle, selbst wenn man das Gelernte wieder vergißt. Ist der Eifer, der auf das Lernen verwendet wird, nicht genügend, um das Gelernte zu behalten, so muß er erst recht voll und ganz eingesetzt werden, um möglicherweise das ersehnte Resultat zu erlangen. Bleibt aber diese Hoffnung selbst unerfüllt, so darf der, welcher redlich das Seine gethan, doch das beglückende Bewußtsein treu erfüllter Pflicht haben. Der Erfolg steht bei Gott. Bleibt er aus, so ist der Lohn doppelt groß die& n-iJn tnyy; da der Schmerz über die getäuschte Erwartung eines edlen Zieles, das wir erfolglos mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln anstreben, ebenfalls schwer auf der Gotteswaage wiegt. — Mit Rücksicht auf den Erfolg ist die Ausbeute des Schwachbegabten und leicht Vergessenden allerdings unbedeutend. Aber die redliche Absicht darf auch er stch zuerkennen, so daß alle vier Stufen nach dieser Seite hin, die füglich allein über den sittlichen Werth unseres Thuns und Laffens entscheidet, vollkommen ebinbürttg dastehen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Aus der Pfalz, 4. April. Tnnnoi l'vnriv in?' “jdd. Wir lesen in der „Straßb. Post": „Ein elsässischer Pfarrer hat die Güte, uns mttzutheilen, daß der Vater des modernen Antisemitismus in Frankreich, Herr Drumont, der Enkel eines Herrn Jonas Traumann aus Böchingen, sei, eines Israeliten, der nach Frankreich auswanderte und den Namen Jonas Traumann in Jean Drumont verwandelte. Es ist nicht festzustellen, ob Jonas Traumann stch hat taufen lassen, wahrscheinlich hat erst sein Sohn, also der Vater des Herrn Drumont von der „Libre Parole," dies gethan. In Böchingen (Rheinpfalz) leben noch Verwandte von Drumont. Aus Thüringen. Eine eigenthümliche Erfahrung ist es, die sich den Juden während ihres langen Schicksalslaufes schon oft schmerzlich aufgedrängt hat und auch heute noch aufdrängt, die Erfahrung nämlich, daß Gutes, welches sie Anders, gläubigen erzeigen, oder Andersgläubigen durch sie zufließt oft mit schnödem Undanke vergolten wird. Diese Erfahrung mußten sie schon während ihres ersten Aufenthalts in Aegypten machen, das hat stch seitdem oft wiederholt, sowohl in staatlichen

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