Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 29 (8.4.1895)
- Date
- 1895-04-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXXVI, Jahrgang. Erste Beilage M M 29 des „Israelit“. Der Httng Hladris . oder Eine Sedernachl in Teheran. Von Max Sta. ^Nachdruck verboten. Unendlich betrübt und fassungslos kauerte der mächtige Schah Nadrts von Persien auf einem Divan und blickte starr vor sich hin. In seinen bewegten Gesichtszügen prägte sich Angst, Sorge und Verzweiflung aus. Er schien in sein düsteres Hinbrüten ganz verloren zu sein, denn das reiche, üppige Mahl, das vor ihm aufgetragen war, blieb unbeachtet und unberührt. Plötzlich sprang er wie ein Rasender auf, lief aus eine im Gemache aufgestellte Truhe zu, die aus Ebenholz angefertigt, mit Gold und Edelsteinen reichlich geschmückt war. Er nahm den Schlüffe!, der an einer goldenen Kette an seinem Gürtel hing, schloß die Truhe auf und in wilder Hast durchsuchte er ihren Inhalt, das obere nach unten wendend. Er schien jedoch den vermißten Gegenstand nicht gefunden zu haben; denn wie vernichtet sank er auf seinen Sitz zurück und verfiel in eine dumpfe Apathie. Doch auch dieser Zustand währte nicht lange; abermals schnellte er empor und trat an den Tam-Tam heftig mit dem Klöpfel darauf hämmernd. Ein Gulam bescheh') erschien, warf sich zur Erde und erwartete in dieser Stellung geduldig seines Herrn Befehl. „Wer von den Muschir addauleh?) ist im Vorgemache des Divan, Sklave?" — herrschte ihn der Schah an. „O König aller Könige, Sonne Deiner Völker, der Muschir addauleh Gadjo harret im Vorgemache Deiner weisen Befehle." „Er soll kommen!" — war die kurze Antwort des Herrschers, deffen Züge sich aufklärten. Der Page eilte den Befehl des Schah dem Harrenden zu überbringen. Gadjo erschien, kreuzte die Arme über seine Brust und blieb in gebückter Haltung vor seinem Herrn stehen. Gadjo war ein Mann in den mittleren Jahren. In seinem nicht unschönen Gesichte, war soviel Verschlagenheit und Schlauheit, Selbstsucht und Grausamkeit ausgeprägt, daß jeden einen l) Page. 2) Rathsherrn. Schauder ergriff, wenn er die Linien dieser Züge einer sorgfältigen Prüfung unterwarf. Dieses Gefühl schien auch den Schah zu beschleichen; denn der Ausdruck seines Gesichtes wurde wieder fiufter und drohend. „Du befahlst, daß Dein niedrigster Sklave vor Deinem Antlitz erscheine. Sprich, o König der Könige, wodurch hat Dein Selave diese Gnade verdient? Wem hat er die Huld feines Gebieters zu verdanken, daß er sich ihm zu Füßen werfen darf? — Doch wehe! — Was sehe ich? Das Gesicht meines Herrn ist von schweren Sorgen umdüstert! Die glänzende Sonne Persiens ist von Kummer verschleiert? O, rede doch Herrscher der Herrscher, was ist geschehen? Vielleicht wird Dein Sklave Gadjo von Allah's Geist erleuchtet, daß er die Schatten Deines Trübsinns verscheuchen kann!" Der Schah warf einen prüfenden Blick über Gadjo's Gestalt, dann versetzte er jedes Wort besonders betonend: „Was hat Jman-Dschuma 8) Khosrev meinem Geschlecht prophezeiht, Gadjo? Weißt Du das Selave? „O Sonne Persiens.' Wer sollte auch diese Prophezeiung vergessen haben? Hängt doch von dieser das Wohl der Dynastie ab! Wenn der Siegelring des Urahns Schah Feth-Alt verloren geht — was Allah und der Prophet verhüten möge — und nicht wieder aufgefunden werden kann, so steht der Kadschavendynastie Schreckliches bevor." „Nun, Selave, dieser Siegelring ist mir verloren gegangen! Vergeblich habe ich mich bisher bemüht, ihn wieder zu finden! Er ist spurlos verschwunden. Begreifst Du nun meinen Kummer, Gadjo? Reichthümer und Ehre soll demjenigen werden, der mir den Dieb dieses Schatzes bezeichnen kann!" „O König der Könige! Wenn das bloS die Sorge Deiner lichtstrahlenden Seele ist, so laß nur die Sonne Deines königlichen Angesichts erglänzen. Allah hat Deinen Sklaven erleuchtet und er ist so glücklich, Dir den Räuber, den Dieb Deines Schatzes bezeichnen zu können." Das Gesicht des Schah heiterte sich auf. „So rede doch! — wer ist es?" „Ein mächtiger Mann — König der Könige! Aus dem Staube hast Du ihn zu der Sonne Deiner Gnade emporgehoben! Der Dieb ist Mustaufi el memalek^) Mordochai!" Enttäuscht sank der Schah auf seinen Sitz zurück und schüttelte zweifelnd sein Haupt. „Du betrügst, Sklave! Mordochai ist mein 3) Der höchste Geistliche. 4) Finanzminister.