Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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657 dem Sklavenhause in das Land der aoldenen Freiheit; o errette auch mein Kind, meinen Erstgeborenen, den schon die Schatten der Fitttqe des Todesengels umschweben. Großer Gitt. laß Deine mächtige Hand, die in jener Nacht dem Todesboten gebot, die Häuser der Kinder Deines Volkes zu verschonen, ihn auch ferne halten von meinem Hause, von meinem Kinde. Auf Deine Hilfe hoffe ich, o, Ewiger, ich hoffe, o Ewiger, auf Deine Hilfe, Ewiger, auf Deine Hilfe hoffe ich. Amen." Eine Weile herrschte tiefe Stille. Franziska saß betend an dem Bettchen des Kindes, welches nun etngeschlafen war. Kurt schlich sich leise heran und blickte über die Schulter seiner Frau auf den schlafenden Liebling. „Schläft erd" fragte sein Blick, denn er wagte nicht zu sprechen. Franziska nickte bejahend und deutete auf die Stirne des Kindes, woselbst große Schweißtropfen perlten. Erleichtert atmeten die Eltern auf. Der ausbrechende Schweiß war ein Zeichen, daß die Krisis überwunden, die Kraft der Krankheit gebrochen war. Rasch hatte der Allmächtige das Gebet des Verirrten erhört nach dem Worte der Schrift: „Wenn Ihr mich anrufet, so werde ich Euch erhören." Die vorhin noch so unregelmäßigen Atemzüge des Knaben gingen so ruhig und regelmäßig, wie bei einem gesunden schlafenden Kinde. Kurt suchte die Hand seiner Frau und umschloß sie mit festem Drucke. Sie erwiederte seinen Druck und das war mehr als Worte hätten sagen können. Die Uhr des nahen Thurmes schlug Mitternacht. Aus das Bitten seiner Frau hin begab sich Kurt zur Ruhe, wahrend die Mutter bei ihrem Kinde wachte. Am Morgen ging Dr. Blumenthal zur Synagoge; ein seltener Gast im Gotteshause. Er fastete und betete, dankte dem lieben Gott, daß er thm sein Kind erhalten. Er hatte des Morgens viel im Laboratorium zu thun und konnte zu Tisch nicht nach Hause kommen. Franziska wurde von ihm benachrichtigt und erwartete ihn deshalb erst gegen Abend. Da das Kind bedeutend besser war und viel schlief, hatte sie genügend Zeit, den Sedertisch, das Sederbett und die Sederschüffel aufs Schönste herzurichten und es war schon alles bereit, als Kurt endlich kam. Er sah furchtbar blaß aus, so daß ihn Franziska erschrocken fragte: „Bist Du krank, Kurtd" „Nein, mein Kind," entgegnete dieser, „aber es ist erew pesach heute." Franziska verstand nicht, was er damit meinte und sie glaubte, das Fasten habe ihn so sehr angegriffen. Aber Kurt verneinte dieses und sagte: „Heute Abend sollst Du alles erfahren. Ich habe mein Laboratorium für acht Tage geschloffen." Franziska begriff, welches Opfer er gebracht habe und sie nahm seine Hand, drückte sie herzlich und sagte-. „Dank Dir, mein Guter! Gott wird Dirs lohnen." Kurt wandte sich ab und sagte leise, so daß Franziska es nicht hören konnte: „Er hat es schon g, lohnt," dann sah er nach dem Kinde, ging in das Schlafzimmer, um sich umzukleiden und kam, festtäglich angezogen, bald wieder heraus. Die Synagoge war fast zu klein, um alle Andächtigen zu fassen, denn gar Mancher, der in vorhergehenden Jahren die Sedernacht zu feiern vergessen hatte, war durch die Ereignisse des Xantener Prozeffes daran erinnert worden, daß der Jude die Pflicht habe: wehigadto lewincho bajaum hahu, Du sollst Deinem Sohne an jenem Tage verkünden! Ja, die Verkündigungsnacht war gekommen und Dr. Kurt Blumenthal saß mit seiner Frau am Sedertische und erfüllte die heilige Pflicht des Erzählens. Zwar verstand sein Sohn nicht, was er sprach, denn er lag ruhig schlafend, in seinem Bettchen, welches neben dem Platz der Mutter im Zimmer stand. Jeden Augenblick sah sie auf den schlafenden Liebling und während Kurt die in der Hagadah oorgeschriebenen Gebete und Erzählungen las, fiel Thräne um Thräne aus ihren Augen. Es waren Thränen der Freude und des Glücks, daß der Allmächtige ihr Kind gerettet und ihren Mann wieder auf den Weg des Glaubens geführt hatte. Die erste Abtheilung des Seder war vorüber. Ein schmackhaftes Mahl hatte die beiden Glücklichen gelabt. Kurt hatte das Tischgebet gesprochen und wartete, bis das Mädchen abgedeckt und seine Frau den Sedertisch wieder in Ordnung gebracht hatte. Da sah er seine Frau mit liebevollem Blicke an und sagte: ,Du kannst dem lieben Gott doppelt danken, für die Rettung unseres Kindes und für meine eigene Rettung." „Wieso?" ftagte Franziska ängstlich, „wieso für Deine Rettung? warst Du denn in Gefahr?" „In einer furchtbaren. Du weißt, mich beschäfttgt seit geraumer Zett eine Untersuchung über die Natur eines furchtbaren Giftes, dessen Geruch schon hinreicht, den Menschen zu tödten. Dieses Gift entwickelt Dämpfe, die lähmend auf die Lunge wirken und keine Spur dieser Wirkung hinterlaffen. Jene Erzählungen aus dem Alterthum, die uns