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Der Israelit · 1895-04-04 · Heft 27-28 (4.4.1895) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 27-28 (4.4.1895)
Date
1895-04-04
Page
– (sequence 26)
Language
German
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556 «Ich kann Deine eisige Ruhe nicht begreifen; hast Du denn gar keine Angst um das Leben unseres Kindes?" «Angst? Nein! der liebe Gott, der uns das Kind gegeben, wird es uns auch erhalten, wenn wir unsere Pflicht thun." «Ich beneide Dich um dieses Gottvertrauen. Mir läßt die Angst keine Ruhe. Ich kann im Laboratorium nicht arbeiten, im Hause nicht stille fitzen." Und wieder ging er fort, wieder trieb ihn die Angst aus dem Hause und ruhelos wanderte er in seinem Laboratorium auf und ab. Es war ein Tag vor dem Rüsttag zum Passahfeste. Franziska hatte alles zum Feste und zum Seder Erforderliche besorgt und fragte am Abend ihren Mann: «Wirst Du nun Morgen für Ralph fasten?" „Wenn Du meinst, daß unser Ralph dadurch wieder gesund wird, thue ich es gerne, ja ich will sogar Seder geben und den Schabbos und Jomtow wieder halten, nur damit mein Kind am Leben bleibe." Ein trauriges Lächeln huschte über das bleiche Antlitz der jungen Mutter. Ans solchen Füßen stand also der Glaube ihres Mannes, der ihr Stab und Stütze fürs Leben sein sollte! Mit der Erkenntniß der Glaubensschwache war der Entschluß in ihr reif, nicht nachzulaffen, bis ihr Mann seinen Glauben und seinen Gott wiedergefunden und sich freiwillig, ohne Erwartung von Lohn in seinen heiligen Dienst gestellt habe. Vergessen war die Beleidigung, vergessen aller Kummer, den sic seinethalben gehabt hatte und nur das Eine erfüllte ste, der Wunsch, den Gatten für den Glauben wiederzugewinnen. «Das kann ich Dir nicht versprechen," sagte ste «daß der liebe Gott uns unfern Ralph am Leben erhält, wenn Du einmal eines seiner Gebote erfüllst. Aber der Allbarmherzige, der jn Egypten alle Erstgebornen der Väter unseres Volkes vom Tode errettete, die sein Gebot beobachtet und das Blut des Opferlammes an die Pfosten ihrer Thüren gestrichen hatten, Er wird auch unser Gebet erhören und gnädig auf uns herabschauen, wenn er steht, daß wir seinen Dienst verrichten. Nicht weil wir hoffen, daß Gott unser Gebet erhöre, wenn wir seine Gebote befolgen, wollen wir unsere Pflicht thun, sondern weil er es uns geboten hat und weil es uns Herzensbedürfniß ist, seinen Willen zu erfüllen, deshalb üben wir die Vorschriften unserer Religion und wer seine Religion so hält, dessen Gebet wird der Allmächtige erhören. Stehst Du, welchen Werth Deine Reformphilosophie hat? Bei der ersten Gelegenheit verläßt sse Dich. —" «Laß diesen Streit heute ruhen", bat Kurt; „ich werde morgen fasten und Seder geben und so Gott will, wenn unser Kind wieder gesund ist, wollen wir über unsere Glaubensdifferenz reden." Franziska schwieg. Sie sah es ihrem Manne an, welche Ueberwindung ihn diese Worte gekostet hatten und sie begnügte sich fürs erste mit dem Versprechen, das Kurt ihr gegeben. Der Arzt kam und fand das Befinden des Knaben nicht besser. Er verlangte, daß während der Nacht bei dem Kinde gewacht werde, da vielleicht eine Krisis eintreten könne. Kurt wollte dieses Amt übernehmen, aber Franziska gab es nicht zu. «Du bedarfst Deiner Kräfte für Deinen Beruf", sagte ste „und bist auch am Krankenbette nicht zu gebrauchen." „Dann will ich Dir bis Mitternacht Gesellschaft leisten." Das nahm Franziska an und so saßen die beiden Gatten beisammen am Krankenbette ihres Sohnes. Diese Wache söhnte die Gatten wieder aus. Franziska sah, wie ihr Mann durch seinen Mangel an Gottvertrauen litt und er that ihr leid. Sie vergaß, was er ihr gesagt hatte und verzieh ihm, was er gethan. Als die Gluth des Fiebers immer mehr zunahm, als der Athem pfeifend durch die brennenden, halb geöffneten Lippen drang, war Kurt fast verzweifelt. Er wollte zum Arzt senden, doch Franziska hielt ihn zurück. «Der Arzt kann ihm nicht helfen; er hat mir Verhaltungsmaßregeln gegeben, die ich ausführen will. Bete zum lieben Gott, während ich den Knaben in kalte Tücher einpacke." Während Franziska dieses that. fing Kurt an zu beten. Anfangs wollten ihm die Worte nicht über die Lippen, da er sich schon lange nicht mit seinem Gotte beschäftigt hatte und wie ein Kind, das von seinen Eltern etwas erbittet, stotterte er beim Beten. Aber bald hatte er sich selbst wtedergefunden und unaufhaltsam flössen die Worte über seine Lippen: «Herr, mein Gott! Mit Sünde beladen erscheine ich kurzsichtiger Mensch vor Dir, mich anklagend, Deine Verzeihung für mich, Deine Hilfe für mein Kind erflehend. Wie erbärmlich habe ich gehandelt, daß ich wähnte, aus eigener Kraft schaffen und wirken zu können; aber ich sehe wie einst Pharao, daß ohne Deine Hilfe allein menschliche Macht, alles menschliche Wissen eitel ist und deshalb komme ich beschämt zu Dir und rufe: Herr, hilf! Du hast einst, als Du die Erstgebornen Egyptens erschlugst, die Erstgeborenen unseres Volkes verschont, sie gerettet und htnausgeführt aus

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