Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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von einem solchen Gifte berichten, hielt man seither für Märchen, aber sie sind es nicht, soweit sie das Gift und seine Wirkung betreffen." Kurt hielt einen Augenblick inne und trank einen Schluck feurigen Ungarweines. Dann fuhr er fort. „Ich habe es an mir selbst erfahren. Heute Morgen, als ich meine Untersuchunaen mit wenig Erfolg beenden wollte, platzte eine Retorte und im Augenblick war mein Laboratorium mit giftigen Dämpfen erfüllt. Ich war verloren. Noch ein Gedanke an Dich und an mein Kind — und ich stürzte bewußtlos nieder." „Grober Gott!" rief Franziska mit erdfahlem Gesichte, „und weiter, wie kamst Du wieder zu Bewußtsein?" „Ich mochte wohl zehn Minuten so gelegen haben, als ich ein furchtbares Brennen im Magen verspürte. Der eigenthümltche, durchdringende Geruch erfüllte noch das Laboratorium. Ich erkannt sofort die Gefahr, in der ich schwebte, kroch au, dem Bauche zu der Kette, welche das Oberlicht des Laboratoriums öffnet, ein Zug an derselben und das gläserne Dach hebt sich, läßt die giftigen Dampfe hinaus und gestattet der frischen Lust den Zutritt. Eine Viertelstunde blieb ich noch ruhig liegen, dann erhob ich mich. Ich war gerettet. Und weißt Du auch, was mich, wie ich glaube, gerettet hat? — Mein Fasten; hätte ich einen vollen Magen gehabt, so wäre das Bewußtsein nimmer wiedergekehrt. So aber. —" „Weowarti beerez mizrajim balailoh haseh sagte Franziska, „so aber hat unser Gott, gelobt sei er, Dich gerettet, hast Du der Erfüllung seines heiligen Gebotes Dein Leben zu verdanken. O, Seine Wege sind wunderbar, Seine väterliche Hand führt uns, ohne daß wir es merken, durch Nacht zum Lichte." Sie erhob sich und umarmte ihren Mann und weinte vor Freude. Ihr Herz war voll Dankes für den Allmächtigen, der ihr seine Gnade so wunderbar erwiesen. Wie freudig sangen sie die herrlichen Loblieder der Hagadah; wie glücklich fühlten sie sich bei einander an diesem Sederabende. Sie vergaßen in ihrem Glücke ganz an ihr Kind und als Kurt zum Schluffe die Worte ausrief: „Leschonoh habbooh bijeruscholajim,“ da tönten vom Bettchen des Knaben die Worte: „Papa! Mama!" Rasch eilten sie zu ihrem Liebling, der ihnen die Aermchen eutgenstreckte und sie mit seinen klaren Augen lachend ansah. Franziska nahm ihn auf den Arm und obschon der Körper abgemagert und schwach war, hatte die Seele des Kindes wieder ihre Kraft und im lauten Tone rief der Knabe: „Papa,- singen!" Und abermals klang das Lied von Kurts Lippen, in welchem wir Gott bitten, sein Haus bald wieder zu erbauen und bet diesem Gesänge schlief der Knabe wieder ein und die Eltern legten ihn wieder in sein Bettchen und beteten beide noch lange, lange Zeit. Der Morgen graute fast, als sie endlich ihr Lager aufsuchten. „War dieser Sed^r so, wie Du es erwartetest?" fragte Kurt. Franziska schloß ihm den Mund mit der Hand, dann zog sie sein Haupt heran und sagte ihm leise ins Ohr: „Lesebonob baboob bijeruscholajim.“ „Amen," sagte Kurt „und gute Nacht!" Und die Engel Gottes breiteten schützend ihre Flügel über die glücklichen Schläfer aus und verscheuchten die bösen Gewalten, die sich ihnen nahen wollten. Und als sie erwachten, da war der Morgen des Festes unserer Freiheit da, das Fest, welches ganz Israel daran erinnert, daß auf die dunkelste Nacht des Unglücks ein heller Tag des Glücks und der Freiheit folgen wird. O, möchte er bald erscheinen! .211P2 -p'Zl rUU H33 V« H32 Verantwortlich« Redaction: O-ear Lehmann in Mainz. — Expedition be8 „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Zoh. Wirlh'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.