Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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555 Die Zeit vor dem Ueberschreitungsfeste ist für jede jüdische Hausfrau doppelt anstrengend. Da heißt es, das Haus zu säubern vom Giebel bis zum Keller; da wird mit einer Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit verfahren, als ob man in jedem Hanse einen kostbaren Schatz suche und kein Fleck im ganzen Hause bleibt unberührt. Wasftr und Seife, Besen und Schrubber kommen überall hin und verjagen den Staub und den Schmutz, der sich im Laufe der Mona»e an unzugänglichen Stellen festgesetzt hat. Wenn er auch ein ganzes Jahr unbeläfttgt dort bleiben sollte, zu Peßach bat feine Ruhe ein Ende, dann wird er verjagt. Selbstverständlich wird bei solchem Scheuern und Putzen dem Manne der Aufenthalt im Hause oft ungemüthlich, aber er ergibt sich darein im Bewußtsein, daß dadurch ein Gebot der Schrift und — ein Gebot der Reinlichkeit erfüllt werde — wenn er gläubig ist. Für Kurt war diese Zeit die schrecklichste des ganzen Jahres. Er konnte keinen Schenereimer, keinen Besen sehen, ohne daß es ihn gruselte und jetzt ließ seine Frau diese Arbeit mit einer Gründlichkeit und peinlichen Genauigkeit besorgen, als ob davon das Wohl des ganzen Hauses abhinge. Kurt wäre am liebsten den ganzen Tag in ftiuem Laboratorium geblieben, aber das Unwohlsein seines Knaben zog ihn öfters nach Hanse und als er sah, daß seine Bitten, das Scheuern in diesem Jahre doch sein zu lassen, nichts fruchteten, ergab er sich mit knirschenden Zähnen in sein Schicksal. „Auf diese Weise suchst Du Dich also für meine Weigerung, Seder zu geben, zu rächen", warf er ihr vor; „nun diese Rache ist echt weibisch." „Wenn Du die Erfüllung meiner Pflicht als Hausfrau für einen Racheact hältst, so thust Du mir leid. Nichts liegt mir ferner als die Rache. Ich erfülle nur meine Pflicht und ich hoffte noch immer, daß Du auch noch zum Bewußtsein der Deinigen kommst, denn das verspreche ich Dir, den Seder werde ich hören und nach Vorschrift Mazah und bittere Kräuter genießen und wenn ich ihn nicht im eigenen Familienkreise hören kann, so werde ich in einer fremden Familie daran theilnehmen." „Ich kann gar nicht begreifen, wie Du aus einer solchen Kleinigkeit eine eause celebre machen kannst." „Mag sie für Dich eine Kleinigkeit sein, für mich ist es eine wichtige Sache. Ein Gebot der Thora unterläßt man nicht ungestraft." „So verlangst Du am Ende auch, daß ich am Erew Pesach fasten soll?" „Ei, gewiß hoffe ich darauf. Unser Ralvh ist Bechor und so lange er selbst nicht saften kann, ist es deine Pflicht als Vater für ihn zu fasten. Willst Du Dich aber auch dieser Pflicht entziehen, so sage; es nur frei heraus. Ich übernehme dieselbe als-! dann ohne zu murren."! „Höre einmal, mein Kind, Du hast Dir eine i eigenthümliche Art und Weise angewöhnt, mir eine! Sache abtrotzen zu wollen. Du baust dabei aus; meine große Geduld; nimm Dich in Acht, sie hat! auch ein Ende!" > Bei diesen Worten ihres Mannes traten der jungen Frau die Thränen in die Augen. Sie gab keine Antwort, sondern richtete einen flehendenBlick gen Himmel. Kurt hatte diesen Blick und auch die Thränen feiner Frau gesehen und er ärgerte sich über sich selbst. Thal dieses junge, hübsche Weib denn nicht alles, was in ihren Kräften stand, um ihm nach ihrem Dafürhalten sein Haus angenehm zu machen! Hatte er nicht im Voraus gewußt, daß sie zu den Frommen in Israel gehöre und hatte er selbst nicht das Versprechen vor der Hochzeit gegeben, „nicht abzuweichen von den Wegen dieser Lehre, weder nach rechts noch nach links." Hatte er dieses Versprechen gehalten? Wohl wäre er ihm treu geblieben, wenn nicht feine Freunde und Collegen — aber wer stand ihm näher, sein Weib und sein Kind oder seine Freunde? Sie hatten Schuld, daß er der Mutter seines Kindes jetzt so entgegengetreten war, daß sie seinethalben Thränen vergossen hatte. O, wie schämte er sich! wie brannten diese Thränen auf seiner Seele! Er konnte den Blick seiner Frau nicht ertragen und verließ deshalb das Zimmer. Die letzten Worte ihres Mannes hatten Franziska tief verwundet, aber sie ertrug auch diesen Schmerz ohne es ihrem Manne zu zeigen. Sie hoffte noch immer, daß er sich eines Besseren besinnen werde. Das Kind war auch noch nicht ganz wohl und verlangte doppelte Aufmerksamkeit und Pflege. Kurt verzweifelte fast und hätte am liebsten alle Acrzte der Stadt an das Krankenbett des Kleinen gestellt, um ihm — wenn es gegangen wäre — mit einem Male die Gesundheit wtederzugeben; seine Angst, seine Nervosität ließen ihm keinen Augenblick Ruhe und gerade die stete Ruhe und Sicherheit, das unbeugsame Vertrauen seiner Frau empörten ihn. „Sie hat keine Liebe zu dem Kinde," sagte er oft zu sich selber, „sonst könnte sie nicht so ruhig sein, wo seinem Leben Gefahr droht." Aber gerade diese Ruhe, die alles übersah, die Sicherheit, die nichts versäumte, waren mehr als alle Medizin für den kleinen Ralph. Er wurde unruhig, sobald der aufgeregte, ängstliche Vater an seine Seite trat und war erst dann wieder stille, wenn die Mutter sein heißes Händchen erfaßte und ihn mit zärtlichem Auge arbftck^. Dann fuhr Kurt oft auf und sagte: