Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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554 Ich richte deßhalb die Frage an Sie, Herr Doktor: Glauben Sie an die Existenz eines eintgeinzigen Gottes?" „Ja, obschon sicher mein Gottesbegriff ein anderer sein mag als der Ihrige." „Nun wohl, wenn Sie das Dasein Gottes nicht leugnen können, so müssen Sie auch an die Göttlichkeit seiner Lehre glauben, müssen sich nach den Geboten und Satzungen richten, die ewig unveränderlich sein müssen, wie der, der sie gegeben. Wenn sie aber so sein müssen, so können sie nicht reformbedürftig sein. Nein, wenn etwas reformbedürftig ist, so ist es unsere Zeit, die den wahren Glauben, das Vertrauen auf Gott verloren hat, mit ihrer sozialen Wissenschaft in die Geheimnisse einzudringen sich anmaßt, die Gott sich selbst bewahrt hat. Reform! wohin hat sie geführt? Sie hat den Glauben aus dem Herzen verjagt und nichts dafür gegeben. Oede und wüst sieht es darinnen aus und jede Thorheit, wenn es der schlimmste Wahnsinn auch ist, kann ungehindert einziehen, seitdem der treue Wächter, der Gottesglaube daraus' vertrieben worden ist. Ich habe nicht nöthig, Ihnen ein Bild unserer Zeit zu entwerfen. Wo finden Sie noch das Wort jenes Judenfeindes Bileam, der gegen seinen Willen Israel segnete, bewahrheitet? Nab ohelecho jaakauf, mischkenosecho jisroel! So lange die Familie in Israel auf den Pfeilern der Gotteslehre ruht, so lange ist das jüdische Haus eine Oh«!, ein Mischkan, so lange führt es den Namen des Gotteshauses, von dem es heißt: weosu li mikdosch weschochanti besauchom; wenn sie mir ein Heiligthum bauen, so werde ich in ihrer Mitte wohnen. Bedarf dieses Heiligthum einer Reform? Gleichen die Häuser unserer Reformjuden einem solchen Heiligthume? Wenn Sie mir das zugestehen, so will ich gerne bekennen, daß Sie im Rechte sind. „Nein das thun sie nicht, aber vergessen Sie nicht, Herr Dr., die Zeit der Naivität, der Kindheit unseres Vo'kes, für welche diese Gesetze Geltung hatten, ist längst vorüber. Wir stehen im Greifenalter und müssen bald an eine Verjüngung oder Wiedergeburt unseres Volkes denken." „Bitte recht sehr," versetzte Kurt „es war uns äußerst angenehm und ich bitte Sie, diesen Besuch recht bald zu wiederholen." Der Rabbiner verabschiedete sich und die Ehegatten blieben allein. Franziska ließ den Tisch abräumen und nahm eine Handarbeit zur Hand. „Willst Du noch arbeiten, mein Kind," fragte Kurt; „ich bin müde und ich denke, wir gehen za Bette." „Lege Dich nur nieder, wenn Du müde bist," entgegnete sie ruhig. „Ich kann doch noch nicht schlafen. Außerdem ist Ralph so unruhig." „Dann bleibe ich auch noch auf." Und Kurt nahm seine Zeitung, zündete sich noch eine Cigarre an und wollte, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, anfangen, das Interessanteste seiner Frau vorzulesen; aber diese sagte: „Latz das Vorlesen heute Abend, bitte. Der heutige Tag brachte mir so viel zu denken, daß ich mich freue, jetzt die Zeit dazu gefunden zu haben." „Ganz nach Deinem Belieben, mein Kind," und Kurt las ruhig weiter, während Franziska an einer Stickerei arbeitete. Aber sie sollten nicht lange ungestört fein. Bald erscholl aus dem Schlafzimmer ein lautes Weinen und als die Mutter an das Bettchen ihres Lieblings eilte, fand sie denselben fiebernd mit brennenden Lippen und glühenden Händchen vor. Auch Kurt war herbeigekommen und als er das fiebernde Kind erblickte, wollte er sofort zum Arzte schicken, aber die Mutter sagte: „Ich denke, es ist nicht nöthig; es wird von den Zähnen kommen und ein Leibumschlag und eine feuchte Compresse werden das Fieber schon Niederhalten." „Wie Du das so ruhig sagst! Wenn das Kind nun krank wird?" „So wird es der liebe Gott auch wieder genesen lassen." „Ich kann Deine Ruhe nicht begreifen; am liebsten hätte ich jetzt zwei Aerzte, damit nichts versäumt werde! —" „Das wird auch so nickt geschehen; lege Dich nur nieder." Noch bat er seine Frau, ihn zu wecken, wenn sich der Zustand verschlimmern sollte, was diese auch zu thun versprach. Bald verkündeten die lauten, regelmäßigen Athemzüge, daß Kurt eingeschlafen Ja, wohl muß Israel sich verjüngen, wohl verjüngt es sich, aber nicht derart, wie Sie es meinen. Allüberall beginnt es sich zu regen und das Studium der Thora, welches Manche seither vernachlässigt haben, beginnt sich von neuem zu beleben. Die überall entstehenden Vereine füralles jüdische Interesse sind die Vorboten dafür.— Doch es ist spät geworden und ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich meinen Besuch so lange ausgedehnt habe." war und er schlief so fest, daß ihn weder das Stöhnen und Jammern noch das laute Schreien des Kindes stören konnte. Gegen Morgen wurde der Kleine ruhiger und schlief endlich ein. Das Mutterauge jedoch fand keinen Schlaf; treu bewachte es den Schlummer des Kindes und fand Kraft und Stärke zur Erfüllung ihrer Pflicht im Blicke nach Oben.