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Der Israelit · 1895-04-04 · Heft 27-28 (4.4.1895) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 27-28 (4.4.1895)
Date
1895-04-04
Page
– (sequence 23)
Language
German
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553 zum Herzen des ManneS durch den Magen geht und Dr. Blumenthal gar eitel auf feine schöne Frau war, hatten sie sich seither so ziemlich mit einander vertragen. Das Verhältniß hatte sich sogar gebeffert, als ihnen vor Jahresfrist ein Knabe geboren wurde. Da schien es, als ob Kurt sich seines gegebenen Versprechens erinnere, denn er hielt wieder den Sabbat und übertrat keines der Speifegefetze. Aber es währte nicht lange, und der böse Trieb und die Verführung hatten den Steg über ihn von Neuem errungen. Alles Bitten und Flehen seiner Frau blieb vergebens — selbst die Feier des Sederabends hatte er ihr verweigert. Sie wußte die Thränen, die ihr in die Augen traten, zu verbergen, und wendete ihre ganze Aufmerksamkeit der Thätigkeit des Kochens zu. Sie hielt die Sache fürs Erste für erledigt und wollte Zeit gewinnen, um trotzdem ihr Ziel zu erreichen. Das Mittagessen ging ziemlich einsilbig vorüber. Der Doktor machte zwar verschiedene Versuche, sein, auch im Zorne schönes Frauchen zu versöhnen, aber es gelang ihm nicht. Nach Tische begab sich Kurt in sein Laboratorium, wo ihn eine schwierige Arbeit, eine der subtilsten Analysen bis spät am Abende beschäftigte. Als er endlich müde und abgespannt seine Wohnung betrat, wunderte es ihn, daß ihm seine Frau nicht wie sonst entgegenkam. Er fragte das Mädchen nach ihr und erfuhr, daß Besuch im Zimmer sei. „Wer kann das sein," fragte er sich selber, „der uns noch so spät am Abend heimsucht?" Er trat in das Zimmer und stand einem Manne gegenüber, der ihm bekannt vorkam, dessen er sich aber nicht sofort erinnern konnte. „Guten Abend," sagte er, auf seine Frau zuschreitend und ihr die Hand entgegenstreckend, die sie aber unbeachtet ließ. „Guten Abend," erwiederte seine Frau und auch der Fremde sagte mit feinem sonoren, wohlklingenden Organ: „Guten Abend, Herr Doktor." „Herr Dr. Jacobsohn, mein Mann," stellte die junge Frau die Herren einander vor. „Der Herr Doctor ist ein Freund meiner Eltern alsksm hascholaum gewesen und seit einigen Monaten wohlbestallter Rabbiner der hiesigen Religionsgesellschaft." „Sehr angenehm," sprach Dr. Blumenthal; „halten Sie, bitte, Platz und lassen Sie sich in Ihrer Conversation nicht stören." Der Rabbiner setzte sich wieder und die Herren unterhielten sich, während die junge Frau für den Abendtisch sorgte. Endlich kam sie mit gerötheten Wangen zurück und sagte: „Darf ich Sie zu unserem frugalen Mahle einladen, Herr Rabbiner." Freundlich, aber bestimmt refüsirte der Rabbiner und fügte hinzu: „Aber wenn Sie gestatten, leiste ich Ihnen noch eine Weile Gesellschaft." Dr. Blumenthal war das Verweilen deS Rabbiners nicht unangenehm. Ueberhub es ihn doch der Pflicht, sich ausschließlich mit seiner Frau zu unterhalten. denn er fürchtete, daß dieselbe nochmals auf den Sederabend zurückkommen werde. Man begab sich also in das Eßzimmer, woselbst auf dem einfach gedeckten Tische ein Samovar summte. Nachdem sich Dr. Blumenthal zu Tisch gesetzt hatte, sagte die junge Frau: „Eine Tasse Thee trinken Sie doch mit, Herr Doktor?" Aber auch jetzt erhielt sie einen Korb und der Rabbiner sagte: „Ich danke Ihnen recht sehr, es ist mir un» möglich irgend etwas zu genießen." „Sie können auf Ehre und Gewiffen ohne irgend welches religiöse Bedenken in unserem Hause genießen, was Ihnen vorgesetzt wird, Ehrwürden," sagte jetzt der Hausherr, „meine Frau gehört noch zu den Frommen in Israel." „Das freut mich in der That. Auch habe ich es nicht anders von der Tochter so frommer Elters erwartet. Aber Sie sagen das in einem Tone, als' ob die Frömmigkeit Ihrer Frau Gemahlin Ihnen , wenig Freude bereiten würde." „Sie haben den Nagel auf den Kops getroffen; ich bin ein Feind all der antiguen Ceremonien, an denen mein Weibchen mit ganzer Seele hängt. Ich kann nicht begreifen, wie man diesen alten verknöcherten Gesetzen und Lebensanschaunngen heute noch Geschmack, abgewinnen kann!" „Aus den Geschmack," entgegnete die junge Frau, „kommt es meiner Ansicht in Religionssachen nicht an. Das sind Dinge, die unser Verhältniß zu unserem himmlischen Vater betreffen und solchen Dingen hat sich jede Geschmacksrichtung unterzuordnen." Der Rabbiner merkte an der Schärfe des Tones, in dem diese Entgegnung gesprochen worden war, daß zwischen den beiden Leutchen da eine Differenz walte, und er sah mit Staunen bald aus den Mann, bald auf die Frau. „Ich unterwerfe mich Deinem weiseren Urtheil," entgegnete Kurt spöttisch, „doch meine ich, daß gerade die jüdische Religion durch ihr hohes Alter und die total veränderten Zeiten sehr reformbedürftig sei." „Verzeihen Sie," entgegnete der Rabbiner, „die Unterhaltung spielt sich auf ein Gebiet hinüber, in dem Sie mir wohl das entscheidende Wort überlaffen müssen.

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