Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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^.WWWWMWWWW 552 f^Jit Rettung des Erstgeborenen. <8^f> Bon H. Berger. — (Alle Rechte Vorbehalten.) „9tmt, mein Männchen, mir zu Gefallen könntest Du in diesem Jahre den Seder geben. Es find jetzt drei Jahre verflossen, daß wir auS meinem Heimathstädtchen verzogen find, und feit dieser Zeit habe ich die trauten Erzählungen der Hagadah nicht gehört. Weißt Du, ich habe so recht Sehnsucht nach jenen Abenden." „Ach, Närrchen, wie sentimental Du heute wieder bist! Ich schreibe das Deiner Nervosität zu und will morgen, wenn ich den Geheimrath treffe, diesen zu Rathe ziehen." „Schicke mir nur nicht den alten Charlatan auf den Hals. Ich bin so gesund wie ein Fisch im Wasser, und bitte Dich nochmals inständig, meinen Wunsch zu erfüllen." „Aber Schatz, wie kannst Du mir zumuthen, diese alten abgedroschenen Mythen, die wir beide auswendig können, zum wievielten Male herzubeten? Nein, ich verspreche, Dich am ersten Sederabend in die Oper zu führen; vielleicht singt ein Gast in der Jüdin, dann hast Du auch Deinen Willen." „Pfui, mein Mann, das ist nicht schön von ^ir, -baß Du mit dem, was mir heilig ist, Spott treibst. Du brauchst mich weder in die Oper zu führen, noch brauchst Du, wenn Du nicht willst, Seder zu geben; aber wundere Dich nicht, wenn ich ebenso gegen Dich bin, wie Du jetzt mir gegenüber Dich gibst." Grollend verließ die junge Frau nach diesen Worten das Zimmer und ihren, verdutzt ihr nachbltckenden Gemahl. „Ei. ei", sagte dieser jetzt, „ich glaube gar, mein Fränzchen ist mir ernstlich böse. So habe ich sie ja noch nie gesehen." Und der Mann erhob sich und ging, eine Arie aus einer Operette vor sich hertrillernd, in dem luxuriös ausgestatteten Zimmer auf und ab. Jetzt blieb er am Fenster stehen und sah dem Treiben einer Schaar Spatzen zu, die sich mit großem Geschrei, als wollten sie sich gegenseitig umbringen, verfolgten, sich einander bissen, daß fie die Federn verloren, und zuletzt schön einträchtig mit einander nach Hause flogen, um zusammen ihre Nester zu bauen. Er lachte, als er diesem Treiben eine Weile zugesehen hatte und sagte: „Sind wir nicht auch Spatzen, und noch schlimmer als die Spatzen; wir könnten es so gemüthlich haben und beißen einander — aus reiner Liebe. Aus Liebe? Hatte ihn die Liebe mit seiner Frau zusammengeführt? War ihre Ehe eine solche, wie sie die Idealisten träumen, die Dichter schildern, eine fortgesetzte Kette von — Glück und Zufriedenheit?" Er trommelte mit den Fingern an den Scheiben und wagte es nicht, sich auf diese Fragen eine der Wahrheit entsprechende Antwort zu geben. Er lebte ganz glücklich mit seiner jungen Frau, und die Differenzen, die sich hie und da etnstellten — in welche Ehe bleiben dieselben aus? — hatten alle religiöse Ursachen. Dr. Kurt Blumenthal hatte eines der bedeutendsten chemischen Laboratorien in der Residenz. Obschon er einer sehr religiösen Familie entstammte, war er nur noch dem Namen nach Jude, während seine Frau, die Tochter eines Cultusbeamten, noch strenge an dem Glauben ihrer Väter hing. Als Kurt seine Frau zum ersten Male gesehen, war er von ihrer Schönheit geblendet gewesen, und da er ein für Schönheit besonders empfängliches Gemüth besaß, hatte er alles daran gesetzt, die vielfach Umworbene als sein Werb hetmführen zu können. Freilich hatte er seiner Braut und seinen Schwiegereltern versprochen, die Gebote des isr. Glaubens, der Religion seiner Väter, strengstens zu beobachten, und er hatte auch im ersten Jahre seiner Ehe sein Versprechen gehalten. Aber bald empfand er die Beschränkung der Freiheit durch die religiösen Gebote als unerträglichen Zwang und kehrte sich nicht mehr an dieselben. Seine Frau war darüber tief unglücklich und versuchte auf jede Weise bestimmend auf ihren Mann einzuwirken. Wie wenig sie bet ihm aasrichten konnte, hat der geschätzte Leser erfahren. Die junge Frau ging, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte, tu die Küche, woselbst ein sauberes Dienstmädchen mit dem Putzen von Gemüse beschäftigt war. Es war dies die einzige Arbeit, die sie dem Mädchen bei der Zubereitung der Mahlzeiten gestattete. Das eigentliche Kochen besorgte ste selbst, denn sie hatte zu keinem Mädchen so viel Vertrauen, um ihr das Koscher und Trefoh des Hauses zu überlassen und meinte außerdem, so sparsam und schmackhaft wie sie selbst, vermöchte kein Mädchen zu kochen. Ihr Mann war damit einverstanden, und fühlte sich wohl dabei, denn nirgends schmeckte es ihm so gut wie zu Hause und noch nie hatte er eine Minute auf das Effen warten müssen. Da nun bekanntlich sehr häufig der Weg