Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 27-28 (4.4.1895)
- Date
- 1895-04-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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534 ArituugSuachrichten uud Correspoudeuzeu Deutschland. Gietze«, 3. April. Als vor neun Jahren am hiesigen Platze 30 jüdische Familien zusammen gingen, um eine Religionsgesellschaft zu bilden, haben die Gegner derselben behauptet: Erstens: Ein Boden für das orthodoxe (gesetzestreue) Judenthum ist hier nicht vorhanden. — Zweitens: Die Gesellschaft hat mit der Religion nichts zu thun, die Constituirung ist nur geschehen, um Geld zu sparen; aus Sparsamskeitsrücksichten sind 30 Familien aus ihrer Muttergemeinde ausgeschicden. — Nun sind 9 Jahre verstrichen! Wenn man gefragt wird: Sind die religiösen Zustände hier seit dieser Zeit besser geworden, oder nicht, so kann Jeder, der die jüdischen Verhältnisse vor 9 Jahren kannte und sie jetzt kennt mit bestem Gewissen diese Frage bejahen. — Vor 9 Jahren war ein Religionsunterricht nicht vorhanden. — Wenn ein jüdisches Kind mso na wurde; so schrieb man ihm die mens, die ein niso na in der Synagoge vortragen soll, mit lateinischen Buchstaben auf — der Knabe mußte selbe auswendig lernen — und sie vor dem rmn ncD ohne Neginoth hersagen. Tie nmnp war in zweifelhaften Händen. — Der frühere Bros? hat das Siegel an viele Metzger (irnaj) abgegeben und ließ das Fleisch von letzteren zeichnen. — Wie anders ist es heute! Die Religionsgesellschaft sowohl wie die alte Gemeinde haben junge tüchtige Religionslehrer engagirt. Der Religionsunterricht ist obligatorisch geworden, es gibt hier kein jüdisches Kind, welches nicht am Religionsunterricht theilnimmt. Die nDTiff ist in bewährten Händen, sie ist von beiden Gemeinden dem Religionslehrer der Religionsgestllschaft einem religiösen und zuverlässigen Manne übertragen worden, und wird gewissenhaft besorgt. Es hat sich ein Verein für jüdische Litteratur und Geschichte gebildet, an welcher sich eine große Anzahl von Juden betheiligt haben, und jeden Samstag wird ein Vortrag über den Wochenabschnitt gehalten. Nun war unstreitig eine hochwichtige Frage für die Erhaltung unserer Religion, die Rabbinerfrage. Das oberhessische Rabbinat zu dem 108 Gemeinden gehören, ist beinahe das größte Rabbinat in Deutschland und unmöglich kann der großherzogliche Rabbiner der im 90. Lebensjahr steht, alles so versehen, wie es wünschenswerth ist. Die Juden der Provinz Oberhessen sind zumeist religiös, sie verlangen, daß ihre Kinder im Glauben ihrer Väter unterrichtet werden, daß der Rabbiner sich um den Religionsunterricht und die und um alle Institutionen kümmere. Es haben sich deßhalb im Januar dieses Jahres etwa 50 Vorsteher der Landgemeinden hier versammelt. An der Versammlung nahmen Theil die Mitglieder der Religiousgesellschaft, auch beehrten die Versammlung mit ihrer Anwesenheit: Herr Dr. Marx-Darmstadt, sowie Herr Dr. Cahn-Fulda. Letztere Herren haben durch ihre zu aller Herzen gehenden Reden die Anwesenden begeistert und man faßte den hochherzigen Entschluß die Mittel für die Anstellung eines gesetzestreuen Rabbiners aus der Versammlung vorläufig durch freiwillige Zeichnungen aufzubringen. ES hat sich zu diesem Zweck ein Cultusverein gebildet. Die von jeher gerühmte Opferwilligkeit der Juden, hat sich auch hier bewährt, und man konnte sofort zur Rabbinerwahl schreiten. Nachdem man sich mit verschiedenen Kandidaten ins Einvernehmen setzte, wurde einstimmig Herr Rabbiner Dr. L. Hirschfeld gewählt, der von vielen gesetzestreuen Rabbinern warm empfohlen wurde. Herr Dr. H. ist 27 Jahre alt, geborner Deutscher, ein vorzüglicher Redner, beherrscht meisterhaft die deutsche Sprache und besitzt, was die Hauptsache ist ein hervorragendes jüdisches I Wissen. — Auf einen Besseren und Würdigeren konnte die Wahl nicht fallen und es herrscht hier in den Kreisen der Gottesfürchtigen allenthalben die größte und aufrichtigste Freude über diese glückliche Acquisition. Herr Dr. H. hat sofort sein Amt angetreten und ist bereit seine Kraft in erster Linie der Provinz zur Verfügung zu stellen. Möge die Wirksamkeit des Herrn Dr. Hirschfeld eine gesegnete sein zum Nutzen und Frommen aller Derer, die an Gott glauben und ihn anrufen. Frankfurt a. M Nach dem Jahresbericht der Realschule der Israel. Religions - Gesellschaft in Frankfurt a. M. 1894 — 95 vom Dtreclor Dr. Mendel Hirsch betrug die Anzahl der Schüler in der Realschule 244, in der Vorschule 97 und in der höheren Mädchenschule 207. 36 Abiturienten verließen Ostern 1895 mit dem Zeugntß der Reife die Anstalt. Auch in diesem Jahre hatte sich die Schule vielfacher Beweise freundlichen Wohlwollens zu erfreuen. Von einem ungenannten Gönner der Anstalt wurde dem Pensionsfonds der Betrag von 5000 Mark überwiesen. Ein ehemaliger Schüler überwies durch den Director den Betrag von 2600 Mark zur Stiftung eines Frerplatzes. An Geschenken gingen ein für die Witwen- und Wmsenkaffe 2217 M., für den Pensionsfond 1206 M., für die Talmud-Tbora- Kasse 3789 M., für die Schulgelder-Kasse 1061 M., für die Schreibmatertalten-Kaffe 595 M.. für die Zuschuß Kasse 346 M.. für die laufende Schulk. sie 512 M. und für die Hachnossas Kallo-Sltftung 295 M. Bad Homburg. Wie alljährlich gelangte auch in diesem Jahre der Rechenschaftsbericht des „Jsr. Hol -Vereins" sowie des „Vereins zur Ausstattung isr. Mädchen" zur Verausgabung. Wiederum sehen beide Vereine auf ein Jahr segensreichen Wirkens zurück. Erstgenannter Verein gewährte zwölf hiesigen und vier auswärtigen Hilfsbedürftigen Unterstützungen an Brennmaterialien. Der wackere