Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1895)
- Date
- 1895-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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519 leumdern irregeleitete russische Gesellschaft erst jetzt die Wahrheit über die jüdischen Ackerbaucolonien erfahren hat, eine Wahrheit, die dem unbefangenen Beobachter schon längst bekannt war. Die Hauptanklage gegen die jüdischen Ackerbaucolonien, welche die hiesigen Judenfeinde mit allerlei Mitteln vertraten, bestand bekanntlich darin, daß die jüdischen Colonisten sich angeblich dem Ackerbau persönlich fernhalten und sich dem Handel zuwenden. Geheimrath Jermolow machte nun all diesen Beschuldigungen mit einem Schlage ein Ende, indem er die wirkliche Lage der Juden in den Colonien in den Gouvernements Jekatrrinoslaw und Cherson auf Grund von officiellen Daten beleuchtete und sie, wenn man sich so ausdrücken darf, für Jedermann handgreiflich machte. Aus diesen Daten ergibt sich folgender Sachverhalt: Vor ungefähr 40 Jahren, unter Kaiser Nicolaus I., wurden die jüdischen Ackerbaucolonien in den genannten GouvernementS gegründet. Das den Juden damals zugewiesene Areale betrug durchschnittlich 4 Defljatinen Per Person, während die christlichen Colonisten fast doppelt so viel erhielten. Wie die officiellen Daten constatiren, war die jüdische Bevölkerung bei ihrer Ansiedlung in den Colonien nicht sehr groß, wuchs aber während der letzten vier Decennien fast auf das Vierfache. Während aber die jüdische Bevölkerung in den Colonien im Zeitraum von 40 Jahren einen solchen Zuwachs zu verzeichnen hatte, wuchs das ihr zugewiesene Areal, wie der Bericht treffend bemerkt, nicht um Haaresbreite, so daß es unmöglich war, alle arbeitsfähigen Colonisten beim Ackerbau zu verwenden. Im Kampfe ums Dasein mußten jene Coloniste", welche keinen Grund und Boden hatten, ihren Lebensunterhalt daher außerhalb des Ackerbaues suchen, umsomehr als alle ihre Bitten an die Regierung um Zuweisung von Grund und Boden unerhört blieben. Das ist deutlich genug, um .den Austritt jüdischer Colonisten aus dem Verbände der Ackerbauer vollkommen begreifen und rechtfertigen zu können. Nun will Geheimrath Jermolow dieses den Juden zugefügte Unrecht wieder gut machen und den in Umlauf gesetzten Beschuldigungen gegen die Colonisten die Spitze ab^ brechen. Einer Abordnung jüdischer Colonisten aus Jekate^ rinoslaw und Cherson, welche von Jermolow kürzlich in längerer Audienz empfangen wurde, sagte der russische Acker bauminister, er werde nunmehr trachten, alle berechtigten Wünsche der Colonisten zu erfüllen. Und ehe noch die Deputation Zeit hatte, ihre Heimathsdörfer zu erreichen, verfügte eine Verordnung des Ackerbauministers, den Söhnen, Schwiegersöhnen und anderen Verwandten der Colonisten, welche in den Colonien geboren und erzogen wurden, und welche aus Mangel an Areale gezwungen waren, dem Ackerbau den Rücken zu kehren, Grund und Boden nach Maßgabe der für orthodoxe Colonisten geltenden Bestimmungen zuzuweisen. Um jedoch die Wiederkehr eines Mangels an Arealen für die Zukunst unmöglich zu machen, räumte Jermolow den jüdischen Colonisten das Recht ein, Grund und Boden beim Aerar und bei Privatpersonen nach Bedarf pachten zu dürfen, d. h. er räumte ihnen ein Recht ein, welches bis jetzt nur die orthodoxen Colonisten genoffen haben. Aber Geheimrath Jermolow scheint für die Fähigkeit der Juden zum Ackerbau noch besonders schwerwiegende Beweise zu besitzen, denn er hat, wie die officiellen „JekaterinoSlawskija Wjedomosti" melden, den Beschluß gefaßt, in den jüdischen Ackerbaucolonien landwirtcischaftliche Schulen zu errichten, um den Heranwachsenden Colonisten moderne Kenntniffe der Landwirthschaft und der Agronomie beizubringen. Dieser Beschluß spricht schon deshalb für die Fähigkeiten der russischen Juden zum Ackerbau, weil auch Nikolaus I., der Begründer der Colonien, 'die Errichtung von landwirthschaftlichen Schulen in Aussicht stellte, falls er von der Fähigkeit der Juden zum Ackerbau sich überzeugen sollte. Jermolow hat offenbar diese Ueberzeugung gewonnen. Ebenso gerecht und unbefangen handelte Jermolow den jüdischen Soldaten gegenüber, welche dem ruffischen Heeresverbande mehr als ein Decennium angehört haben. Nach einem kaiserlichen UkaS aus der Regierungszeit Nikolaus I. wurden die jüdischen Soldaten der bezeichneten Kategorie als gleichberechtigt mit der orthodoxen Bevölkerung erklärt. Demnach konnten sie sich überall im Reiche niederlaffen, Grund und Boden ankaufen und pachten und alle anderen Unternehmungen leiten. Unter Alexander III. wurden jedoch diese Verfügungen aufgehoben und angeordnet, daß jüdische Soldaten. welche den Militärverband verlassen, in ihren „ursprünglichen Zustand", wie der betreffende Ukas sich aukdrückt, zu versetzen sind, d. h. in den Zustand der Rechtlosigkeit. In Folge dieser Verfügung wurden, wie noch erinnerlich, viele Familien jüdischer Soldaten, die für ihr Vaterland geblutet, aus dem Innern des Reiches in das sogenannte jüdische Niederlaffungsgebiet ausgewiesen und ihre durch Mühe und Arbeit gegründeten Existenzen vernichtet. Unmittelbar nach der Thronbesteigung Nikolaus' II. haben jedoch viele der ausgewiesenen jüdischen Soldaten an das Ackerb^uministerium Petitionen gerichtet, in welchen sie um Zuweisung von ärarischem Grund und Boden baten, um sich dem Ackerbau, von dem sie bis zu ihrer Ausweisung gelebt haben, neuerdings widmen können. Diese Wünsche der Petenten wurden nun kürzlich berücksichtigt, indem Jermolow vielen jüdischen Soldaten Grund und Boden im Taurischen Gouvernement zuweisen ließ. Man braucht also nicht ausgesprochener Philosemit zu sein, um den Juden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; es genügt, wenn man einen ehrlichen und unbefangenen Character hat, und den besitzt Geheimrath Jermolow. Doch die von uns angeführten Thatsachen berechtigen noch Niemanden, zu glauben, daß die Politik der Regierung Nikolaus' II. bezüglich der Juden eine vollkommen gerechte und humane geworden sei; sie sprechen nur dafür, daß unter Nikolaus II. eine menschlichere Behandlung der Juden nicht mehr als Verbrechen gilt, wie zur Zeit weiland Alexanders III.! Italien Uan Remo, 27. März. (An die Mitglieder des hebräischen Literatur-Vereins Mekize Nirdamtm.) Die Fertigstellung der Schriften für den zehnten Jahrgang ist durch den Umstand, das der Unterzeichnete zur Wiederherstellung seiner Gesundheit während der letzten Monate im Süden verweilen mutzte, verzögert worden. Gegen Ende April s. G. w. hoffe ich nach Berlin zurückkehren und dann meine wieder erlangten Kräfte auch den Angelegenheiten des Vereins widmen zu können, zuvörderst um den Druck der Schriften, welcher bereits in vollem Gange ist, zu Ende zu führen. Es werden tm zehnten Jahrgange erscheinen; 1. Jona ibn Gannachs hrbräisches Wörterbuch, bearbeitet von Dr. Bacher, zweite Lieferung. Neu etngetretene Mitglieder erhalten dieses Heft gratis. 2, Diwan Jehuda ha Levt's, unter Mitwirkung von namhaften Gelehrten bearbeitet von Dr. H. Brody, erste Lieferung. Diese Lieferung, wie auch die folgenden, enthalten die bisher noch ungedruckten Freundschaftslteder. Doch wird der ganze Diwan alle bekannt gewordenen Lieder, auch die bereits gedruckten, umfaffen. Düs Werk erscheint in splendider Ausstattung, würdig dieses klassischen