Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1895)
- Date
- 1895-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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517 geworfen, dennoch ihre Weide sucht und mit Gottes Hilfe findet. Die einzelnen Glieder dieser Heerde verlangen und bedürfen nichts als freien Raum für die Entfaltung der Geistes- und Herzensgaben, mit welchen sie der Vater der Menschheit ausgestattet hat. Sie erhoffen ihr Lebensglück von keiner Güte und Gnade von Fleisch und Blut, ste hängen mit jedem Athemzug ausschließlich an Gottes mächtiger Vaterlicbe und erhoffen die Bedürfnisse ihres Lebens lediglich aus Seiner mächtigen Vaterhand. Sie ist reichlich gefüllt — ni6ö — und hat mehr als genug, um alles zu gewähren, was wir schüchtern hoffen. Sie steht offen — nninv — für die Bedürfnisse jeder einzelnen Kreatur des ganzen Universums und steht somit zum Spenden und Helfen bereit. Aber ste ist auch heilig — nssrnp — sie giebt und nimmt nur den Anforderungen und Gesetzen gemäß, auf welchen sich das Heiligkeits- Ideal erhebt, für welches und zu welchem Gottes Vaterliebe mit ihrem Gewähren und Versagen jede Menschenseele erzieht. Innerhalb dieser Grenzen und Gesetze hat uns Gottes erziehende Baterhand für Entfaltung unserer Kräfte einen viel weiteren Spielraum gelassen, — mm — als das gewöhnliche Menschenauge glaubt. Die sinnliche, an der Oberfläche der Dinge haftende Anschauung steht in dem von Gottes Baterhand geleiteten jüdischen Leben nur Beengungen und Erschwerungen, für deren gewissenhafte Beobachtung wir das höhnende Kopfschütteln einer ganzen Welt ertragen. Das grobe Auge des großen Trosses hat für die Seligkeit kein Verständniß, die eben in der treuen Erfüllung dieses von Gottes Hand geregelten Pflichtlebens liegt. Man muß es leben und an sich selber erfahren, um mit dem 119. Psalm auszurufen -2^ 2'mn '3 pn« i'mrv pn. Den Weg deiner Geboten gehe ich ruhig, denn du schaffst meinem Herzen die Weite! Es ist Gottes mmn rp weit und frei machende Hand, die uns für den Spott einer ganzen Welt entschädigt und uns dafür bürgt, daß wir uns in Wirklichkeit nie zu schämen und nicht zu erröthen haben. Zeituugsnachrichteu und Correspoudenzeu. Deutschland. Leipzig. (DerschlaueLehmann.) Unter diesem Titel leuchtet ein Dresdner Anttsemitenblatt dem enf&nt terrible der „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens"Herrn Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden recht gründlich heim. Was das Blatt dabet Gereimtes und Ungereimtes gegen Herrn Lehmann vorbriogt, interesfirt uns nicht so sehr als die fanatische Gehässigkeit an und für sich, welche sich dabei äußert. Denn man steht daraus, daß alles Ausspielen seines deutschen Staatsbürgerthums auf Kosten des jüdischen Glaubens verlorene Liebesmüh' ist und bleiben wird. Dabei verräth der Haß gar nichts von der Blindheit, die man ihm gewöhnlich "nachsagt. Es sieht im Gegentheil sehr scharf die Blößen, die sich sein Don Ouixotte bet der Verteidigung seines Judenthums gibt. Wir erfahren bei dieser Gelegenheit, daß der schlaue Herr Lehmann ein Flugblatt zur Verteidigung des Judenthums veröffentlicht hat, das die antisemitische Kritik in hohem Grade herauszufordern scheint. Es sind nun allerdings meist Verdrehungen und Silbenstechereien, mit denen das Lehmann'sche Flugblatt widerlegt werden soll. Aber, daß Niemand das Judenthum vertheidigen kann, der wie Herr Lehmann öffentlich erklärt hat: Vom Talmud wissen wir nichts und wollen wir wtchts wissen," das ist jedenfalls eine zutreffende Bemerkung, der wir hier unter dem Wust platter antisemitischer Redensarten begegnen. Was dabei aus dem Familienleben des Herrn Rechtsanwalt Emil Lehmann zum Besten gegeben wird, lassen wir als antisemitischen Klatsch ebenfalls unberührt. Wenn der Vater so warm für Moral und Sittlichkeit eintritt, während der Sohn in einem öffentlichen Playdoyer die Manipulationen einer Schwtndelfirma, für keinen Betrug erklärt und sich von dem Richter sagen lassen muß, daß hier allerdings die gemeinsten Formen des Betrugs vorlägen, so klingt das allerdings nicht sehr erbaulich. Aber das ist das Schlimmste noch nicht, von dem was Herrn Lehmann schon passtrt ist. Wenn aber das antisemitische Blatt ernstlich glaubt, daß Herr Lehmann vielleicht Antisemit wird, so wird man diese Möglichkeit nicht so lächerlich nehmen, als ste für den ersten Augenblick klingt. — Der Jude Lehmann, der im Laufe der Zeit es zum deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens gebracht hat, ist gewiß noch mancher Metamorphose fähig. — Wenn wir lange leben, werden wir alt und können noch manche Ueberraschung an Herrn Rechtsanwalt Dr. Emil Lehmann in Dresden erleben. Aus dem Grabfeld. Die Regierung hat die Wahl des Herrn Dr. Bamberger in Bingen zum Rabbiner in Burgprepprch bestätigt und die Proteste abgewtesen. Mauaheim. Herr R o s e n t h a l, bisheriger Prediger und Lehrer in Spandau, hat am 25. März seine hiesige Stelle als Klausrabbiner angetreten. Wir wünschen, daß sein Wirken zum Segen der ganzen Gemeinde gereichen möge.