Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-03-28 · Heft 25 (28.3.1895) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 25 (28.3.1895)
Date
1895-03-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448585--40482-2489397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

406 meinden auf Grund einer königlichen Verordnung vom Jahre 1869 gibt; daß sich auf Grund der Ministerial-Veror-nung vom Jahre 1871 250 orthodoxe Gemeinden gebildet haben und daß endlich 50 sogenannte Status «luo-Gemeinden bestehen, die nur nach erlangter Genehmigung des CultusministeriumS sich vrganisiren durften. Das religiöse Bekenntnitz aller Juden sei das gleiche, nur der Ritus sei verschieden. Man habe auch die Frage aufgeworfen, weßhalb von den Juden nicht die Unterbreitung der Glaubensartikel gefordert werde. DaS ist ganz überflüssig. Der Staat befindet sich in fortwährender Verbindung mit den Israeliten; er habe ihnen alle Rechte eingeräumt, wie den Bekennern recipirter Religionen. Und nun soll der Staat nach den Dogmen forschen? Das sei weder noih'g noch billig. Auch andere Receptionen wurden ohne Vorlage von Glaubensartikeln durchgeführt. Davon ganz abgesehen muß gesagt werden, daß die jüdischen Mitbürger des Landes zu den nützlichsten, opf^rfähigsten Mitgliedern unserer Nation gehören. Gerade im Gegensätze zu der sonderbaren Behauptung des Vorredners sind die Juden ein außerordentlich wichtiger Factor der ungarischen Cultur, des Erwerbs¬ und industriellen Lebens, sowie der ganzen intellektuellen Entwicklung unserer Nation. (Lebhafte Zustimmung bei den Liberalen.) Sie haben bei jeder Gelegenheit bewiesen, daß sie treue und gute Patrioten sind. (Neuerliche Zustimmung der Liberalen.) Es wäre engherzig, ihnen diesen Wunsch zu versagen, engherzig, ihnen in einer Zeit der vollen Rechtsgleichheit auch die Segnungen der Reciprocität vorzuenthalten. Die im Jahre 1668 ausgesprochene Emancipation war ein Torso; diesen zu ergänzen, ist der Beruf der Vorlage. Das Staatsintereffe fordert, daß alle s.ine Elemente und Bürger sich immer fester aneinanderschließen und aneinandergliedern. Wenn es überhaupt ein Land gibt, welches des Gefühles der Zusammengehörigkeit aller seiner Bürger bedarf, so ist es Ungarn. Wir besitzen in unseren israelitischen Mitbürgern treue, zuverlässige und gute Ungarn (laute Zustimmung der Liberalen), genau so, wie Jene gute Ungarn sind, die mit den Pantherfellen auf dem Rücken in das Land kamen. Der Minister erwartet die Anerkennung der Richtigkeit seiner Behauptungen und empfiehlt dem Hause die Annahme der Vorlage. Budapest, 26. März. Im liberalen Club erklärte der Ministerpräsident Baron Banffy unter großem Beifall, daß die Regierung die Vorlage über die Rcceptlon der Juden unverändert dem Oberhaus zurücksenden werde, ebenso die Vorlage über die freie Reltgtonsübmw, bei weißer sie infolge der Eliminirung der Konfessionslosigkeit die ralen Prinzipien für verletzt erachtet. __ Vermischtes. Wiirzburg. Unter Bezugnahme auf meine Mittheilungbezüglich der gefälschten Empfehlungsschreiben, welche ein russischer Bettler, M. Rosenstein, mitsich führt, diene zur Nachricht, daß der Genannte auch die Unterschrift und den Stempel des Herrn Oberrabbiners Jsac Horwitz in Stanislau gefälscht hat._^ ^_ Neu eingegangene Bücher, nos mnn kin onöttry? ppn Hagadah für die zwei heiligen Seder-Abende. Zum Schulgebrauche bearbeitet und mit Erklärungen und Erläuterungen versehen von Leopold Bnxhanm Wien, M. Hnschler. Politische Schriften von 1848 bis 1868. Von Ludwig Bamberger. Berlin, 1895. Rosenbaum L Hart. Feuilleton. ^5 Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 29.) (Alle Rechte Vorbehalten. Kaum war der Wagen abgefahren, so löste sich aus der Menge der müßigen Gaffer ein Mann los und schlug den Weg nach dem Hotel Victoria ein. Anny hatte ein Zimmer im ersten Stock des fashionablen Hotels. Der Capttän hatte sie der Sorge des Wtrthes ganz besonders empfohlen und war, nachdem er sie gut untergebracht wußte, seinen Geschäften nachgegangen. Anny stand am Fenster und sah auf das fremdartige Leben und Treiben der Straße hinab. Dieses Treiben hatte eine ganz andere Phystgnomie als das der heimatlichen Städte und sie kam sich fremd unter all den neuen Eindrücken und Erscheinungen vor. Sie fühlte sich einsam und verlassen und es bedurfte ihrer ganzen Energie, die Thranen ntederzukämpfen, die ihr jetzt in die Augen treten wollten. Sie dachte an die Heimath, an den Vater und an Willy, die sich jetzt gewiß nach ihr sehnten, und das Heimweh, welches ihr seither fern geblieben war, erfaßte sie mit unwiderstehlicher Gewalt. Laut schluchzte sie auf und warf sich auf das Sopha. Nach kurzer Zeit ging der Anfall vorüber. Sie dachte jetzt an die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte und überlegte, wie sie ihre Thätigkeir beginnen sollte. Bald stand der Weg, den sie gehen wollte, klar vor ihrem Geiste, und als der Kapitän nach zwei Stunden wiederkehrte, trat sie ihm lächelnd entgegen und sagte: „Nun, haben Sie gefunden, was Sie für mich gesucht haben?" „Ja", erwiederte der Kapitän. „Ich habe eine einfmye Familie gefunden, die sich bereit erklärt hat, Sie zu beköstigen. Der Mann ist Vorbeter in einer Privatsynagoge und die Leute leben, wie man mir allseits versichert hat, streng religiös. Doch müssen Sie im Hause der Leute essen, da die Frau sich entschieden weigert. Ihnen die Mahlzeiten ins Hotel zu schicken." „Ich danke Ihnen recht sehr, Herr Kapitän; es ist mir recht, und ich bitte Sie, mich der Dame vorzustellen. Zuvor möchte ich jedoch meine Werthsachen und Papiere dem Wirthe zur Aufbewahrung übergeben." „Das ist recht", sagte der Kapitän „und ich hätte auch daran denken können." Er schellte und befahl dem eintretenden Kellner, den Wirth zu schicken. Nach einer Weile erschien dieser und fragte nach dem Befehl der Herrschaften. Anny übergab ihm gegen Quittung ihre Werth-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.