Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1895)
- Date
- 1895-03-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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497 fachen und Papiere und fragte ihn allerlei, was den Zweck ihrer Reise betraf, dann gina sie mit dem Kapitän in die Stadt und ließ sich zu den Leuten führen, die sie beköstigen wollten. Es sah ärmlich, aber rein daselbst aus, und die Frau, eine Deutsche, gewann sich rasch Annys Sympathie. Der Kapitän entfernte sich jetzt und Anny bat um etwas Essen. Die Frau brachte ihr einen Suppe, die erste seit drei Wochen, die Anny mit großem Behagen aß. Dabei erzählte die Dame, wie schwer es sei, in der großen Stadt koscheres Fletsch zu erhalten und wie sie oft Geflügel essen, das ihr Gemahl selbst schächte, wenn kein anderes Fleisch zu haben sei. „Wohl wird geschächtet", fuhr sie fort, „aber Schächter und Metzger verdienen so wenig Vertrauen, daß Leute, die auf Kaschrus halten, oft in Verlegenheit kommen können. Man nimmt es im Allgemeinen hier leider nicht so genau wie in Europa." „Auch in Europa", versetzte Anny, „ist man im Allgemeinen in Bezug auf die Schechita viel zu nachlässig und vertrauensselig. Wenn Jemand seine eigenen Waare für koscher ausgiebt, so ist dies der größten Menge genügend, um dies Kaschrus anzuerkennen und die Waare als zum Genüsse erlaubt zu betrachten. Und wie steht dies „koscher" oftmals aus! Mir sind Fälle bekannt, daß jüdische Metzger, die selbst die Schechitah versahen und niemals ein zum Genuß verbotenes Stück Vieh schlachteten, die am Sabbat und Jomtof Fleisch aushackten und verkauften, ein bedeutendes Geschäft mit Wurst und Fleischwaaren selbst nach auswärts machten, weil die Anonnce, die ihre Maaren in jüdischen Zeitungen anbot, mit den drei Buchstaben verziert war." „Ich habe in dieser Hinsicht mich nie auf andere verlassen", erwiederte die Frau „und will lieber Fleisch entbehren, als Gott bewahre, trefa essen." Anny war durch die Unterhaltung überzeugt, daß sie mit Ruhe und ohne irgend welches Bedenken in diesem Hause essen konnte; aber sie war damit noch nicht zufrieden und wußte es herbeizuführen. daß sie einen Einblick in die Küche erhielt, der ihr jeden Zweifel benahm. Nachdem sich Anny zum ersten Male seit ihrer Abreise an Speise und Trank wieder recht gelabt hatte, erhob sie sich und wollte sich zu Fuß in das Hotel begeben. Da es dunkel geworden war, riet ihr die Dame jedoch davon ab und ließ durch ihre Dienerin einen Wagen holen, welcher Anny rasch ins Hotel brachte. Am anderen Morgen machte Annh dem deutschen Consul einen Besuch und erzählte demselben den Zweck ihrer Reise. Mit unverhohlener Bewunderung betrachtete dieser das junge Mädchen und sagte dann lächelnd: „Mein liebes Fräulein, Sie wissen nicht, an welch schwere Aufgabe Sie sich gewagt haben. Ich befürchte, sie ist für eine Dame zu schwer." „Mit Gottes Hilfe werde ich sie lösen und ich bitte Sie nur, mir mit Rat und That dabei zur Seite stehen zu wollen." „Meine Hilfe ist Ihnen zugesichert; dazu hätte es auch nicht einmal der guten Empfehlung meines Berliner Freundes bedurft, denn Muth und Gerechtig» feit finden stets meine Unterstützung. Aber wie die Sachen liegen, werde ich wenig helfen können." „Nicht doch, mein Herr! Können Sie mir einen in jeder Weise zuverlässigen Mann empfehlen, der jederzeit zu meiner Verfügung steht?" „So eine Art Privatdetektiv, nicht wahr?" „Wenn Sie es so nennen wollen, ja. Es muß ein kluger, ehrlicher Mann sein, dem man sich anvrrtrauen kann; auf das Honorar soll es mir nicht ankommen." „Ich will einmal Nachdenken und Ihnen Morgen Bescheid senden." Anny erhob sich, dankte dem Herrn für seine Liebenswürdigkeit und wollte sich entfernen, als der Consul sagte: „Seien Sie zum Diner mein Gast, daß ich Sie meinen Damen vorftellen kann, die sich freuen werden, eine so resolute, muihige junge Dame kennen zu lernen." „Ich danke Ihnen recht sehr für Ihre außerordentliche Liebenswürdigkeit und bin gerne bereit, einen Theil Ihrer freundlichen Einladung anzunehmen." „Einen Theil nur?" fragte der Consul erstaunt. „Ja," versetzte Anny lächelnd. „Es wird mir eine, große Ehre sein, Ihren Damen vorgestellt zu werden und dieselbe kennen zu lernen. Ich werde mir also das Vergnügen machen und denselben einen Besuch abstatten. An Ihrem Diner jedoch kann ich, da ich Jüdin bin. mcht theilnehmen." „Et, das schadet nichts; es habm schon viele Ihrer Glaubensgenossen an unserer Tafel gespeist." „Das mag wohl fein, aber dann haben dieselben jedenfalls die Speisegesetze unserer Religion nicht beachtet; diese gestatten uns nur rituell zubereitete Speisen zu genießen." „Aber, mein liebes Fräulein, wer hat Ihnen denn auf dem „Nubian" rituell zuberettete Speisen gegeben?" „Auf dem „Nubian" habe ich während der Ueberfahrt nur erlaubte Speisen gegeff<n: Brod, Eier, Thee rc." „Und davon haben Sie sich drei Wochen genährt? Das ist ja ein Martyrium! Und wo speisen Sie hier?"