Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1895)
- Date
- 1895-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m wirthschaft und schlechte Verwaltung in ihrer Entfaltung gehemmt wird. Zu diesen Eigenthümlichkeiten gesellt sich noch die dritte, daß obwohl alle Welt dieses Land wegen seiner Güte begehrt und aufsucht, dasselbe doch ein geräumiges Land blieb, das Raum und Nahrung für eine Bevölkerungszabl hatte, die wohl nirgends sonst erreicht wurde. Das Großherzogthum Baden, dessen Bevölkerung ca. 1 */a Millionen zählt, gehört zu den am dichtesten bevölkerten Staaten Europas. Das heilige Land, das an Flächeninhalt wesentlich kleiner ist, zählte zur Zeit seiner Blüthe über fünf Millionen Einwohner! Ja. wenn die ganze männliche Bevölkerung des Landes an den heiligen Wanderfesten sich dreimal jährlich in Jerusalem zusammenfand, fühlte sich Nlemand beengt und beschränkt! Und die rechtmäßigen Erben dieses Landes, zerstreut in alle Richtungen der Windrose unterlassen bei der Aufzählung der Vorzüge ihrer Heimath nicht des Umstandes zu gedenken, daß es Raum für alle haben wird, wie es Raum für alle hatte. Im Besitze dieses Landes hatte der Auszug aus Mizrajim und die Befreiung aus dem Lande, in dem die Sklavert und der Kastengeist zu Hause waren, erst ihr letztes Ziel und die eigentliche Krönung erfahren. Während der vierzigjährigen Wüstenwanderung sehnte sich das Volk wiederholt zurück nach dem Vollendesten Culturstaat des Alterthums, der seine zweite Heimath geworden war, den es daher nur schwer und widerwillig verlassen hatte. Bis dahin glaubten sie, wie wir dies bereits bemerkt, nicht einmal, daß Gott es war, der sie aus dem liebgewordenen Lande herausgeführt habe, wenn sie auch die Befreiung aus dem egyptischen Sklavenloos auf Gottes Allmacht zurückführten. Sie hatten sich diese Befreiung anders gedacht, ihnen schwebte als Ideal ihrer Wünsche wohl die Freiheit von den unerträglichen Lasten vor, welche sie zu Boden drückten, aber nicht um den Preis des Auft gebens der Stätte, in welchen die Gebeine der Ahnen ruhten. In diesem Lande, das die Gräber ihrer Eltern barg, wollen sie leben, wollen sie sterben; „haben wir denn keine Gräber in Egypten, daß du uns weggenommen hast, um in der Wüste zu sterben V war daher die vorwurfsvolle Frage des Volkes an seinen Führer. Erst dem Nachfolger des großen Führers war es beschicken, das Gottesvolk zu seinem Gotteserbe zu bringen. Als ihr Fuß dasselbe zum erstenmale berührt hatte, waren sie mit dem Auszug aus Mizrajim nicht nur ausgesöhnt, so daß sie niemals wieder zurück nach Egypten verlangten, sondern sie erkannten nun auch, daß nicht Moscheh, daß Gott es war, der den Auszug aus Mizrajim ebenso wie die Befreiung von der egyptischen Sklaverei veranlaßt hatte. Das dürste die Wiederholung der Gottesnamen bei dem Auszug aus Mizrajim andeuten: n'2v irrrim dhsd 'n wnwnnw byi D’*oy. Was ihnen bis jetzt Gegenstand des Vorwurfs gewesen, war ihnen nun für alle Z it Gegenstand des Dankes gegen Gott geworden! Uns diese Ucberzeugung begleitet die Beter dieses Tischgebets durch die Jahrtausende ihrer Zerstreuung. Sie werden an ihrer Befreiung von allem, was ihren Geistesflug lähmen möchte, nicht irre, wenn sie auch hundertmal lieb und theuer gewordene Bande lösen und selbst den Wanderstab ergreifen müssen. Selbst wenn ihr Geschick sie fortweist von dem Boden, an den sie mit zahllosen Fäden sich verknüpft fühlen, sie haben es aus der Geschichte ihrer Väter gelernt, alles Leid als die Mittel einer neueren, besseren Zeit zu begreifen und danken es detzhalb Gott so innig rvutt um»i nnso ynsD unNSiru* by d nay. Die Nothwendigkett des Auszugs aus Egypten, die Unmöglichkeit die körperliche Freiheit zu gewähren und die Befreiten in dem Lande ihres hundertjährigen Aufenthalts Wetter zu belassen, wird uns vielleicht durch nichts so nahe gelegt, als durch das folgende Moment, dem nunmehr der Dank unserer Beracha gilt: mswa nenn» by — In Mizrajim war nicht nur die Knechtschaft, sondern auch die ausschweifende Stttenlostgkett zu Hause. Wohl mag das abrahamittsche Bundeszetchen, welches sie mahnte auch mit der sinnlichsten Sette ihrer Persönlichkeit Gott ganz — crvn — anzugkhören, die Glieder der erngewanderten Jakodsfamilte vor dem Pfuhl der Entartung gerettet haben, der Egypten zum pan nny zum Ausbund aller Sittenlosigkett machte. Aber wir wiss.-n auch andererseits, wie sehr diese Cardinaltugend des jüdischen Stammes bedroht war, wie sie dem Smne bestrickenden Einfluß erlegen wäre, wenn der Aufenthalt in Egypten um nur noch kurze Zeit länger gedauert hätte. So lange Israel während seines vierzigjährigen Wüstenaufenthalts dem unmittelbaren Verkehr mit den anderen Völkern entzogen war, war es leichter die Mahnung eines gorttreuen, stttenreinen Lebenswandels, wie ihn Mzwas Mila fordert, gerecht zu werden. Als aber mit dem Betreten des Landes Kanaan sich auch die Gefahren des Verkehrs mit seinen entarteten Völkern geltend machten, wurde eben Josua, dem Verfasser unserer Beracha, die Weisung naiv bto#’ aa hn air die Mila zum zweiten Male vorzunehmen oaer wie die Ueberlteferung lehrt, Mizwas Mila durch Mzwas Peria zu vervollständigen. Auch diese Erscheinung dürfte in der Geschichte einzig dastehen. Em Volk, im Begriffe den Kampf gegen einen übermächtigen Feind auszunehmen, mindert seine ohnedies geringe