Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 25 (28.3.1895)
- Date
- 1895-03-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448585--40478-2489393- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
492 Wie es geschrieben steht: „Hast Du gegessen und Dich gesättigt, so segne Gott Deinen Gott für das gute Land, das er Dir gegeben. Gesegnet seist du Gott für das Land und für die Speise." Diese zweite Beracha unseres Tischgebets — p«n — welche das Gedächtniß unseres eigentlichen Heimathslandes mit jedem Mahle verwebt, zu dem wir uns niedersetzen, hat Josua beim Betreten des heiligen Landes verfaßt. (Berachoth fol. 48.) Bevor wir die Bedeutung dieser Beracha für uns zu ermitteln suchen, dürfte es auch hier geboten erscheinen, uns in die Zeit, die Verhältnisse und die ganze Seelenstimmung zu versetzen, aus welchen heraus sie zum erstenmale gesprochen wurde. Im Begriff das Schwert zu ziehen, um das Land unserer Verheißung seiner Bestimmung durch Besitznahme deffelben zuzuführen, dankt beim Betreten des heiligen Bodens der Führer des Goltesvolkes in einem Kampf mit sieben Völkern und 31 mächtigen Königen nicht in erster Reihe für das Land, sondern dafür, daß es sich hier nicht um einen Eroberungskrieg in dem gewöhnlichen Sinne des Worvs handle. Daß Josua nicht die rechtsmäßiaen Eigenthümer, sondern nur die angenblick lichen Inhaber des heiligen Landes zu. verdrängen hätte, weit Gott dieses Land bereits den Vätern als Erbe angewiesen hatte, das ist der erste G?gen stand des Dankes, den diese Beracha ausspricht. Es ist dies eine so bedeutsame Wahrheit, daß unsere Wersen daran erinnern, wie die ganze Thora deßhalb auf ihren ersten Blättern Gott als Schöpfer der Welt und ihrer Güter lehre, damit man uns Niemals den Vorwurf machen könne, dok D’öDb, auch Israel hätte räuberischer Weise durch Vergewaltigung anderer Völker, sich den Boden für seine spätere Entfaltung erobert. Gott, der die Welt geschaffen und damit das Recht hat über dieselbe zu verfügen, hat das Land unserer Bestimmung a s Erbe bereits den ersten Stammvätern Israels überwiesen. Wohl braucht nach den Satzungen des üblichen Staaten-« und Völkerrechts die einmalige brutale Veraewoltigung eines Volkes durch Eroberung und D possedirung nur verjährt zu sein, um überall als Recht anerkannt zu werden, aber dem Gottesvolkc, das Jahrhunderte unter dieser brutalen Staatsräson geirrten hatte und ohne Gottes wundermächtiges Einareifen ihr unterlegen wäre, diesem Volke hätte es schlecht angestanden, durch gewaltthät'ge, unrecktsmäßige Kriegsführung sich seine Heimarh zu erobern. Deßhalb dankt der Führer, daß Gott den Vätern das Land, das sie soeben betreten, bereits seit Jahrhunderten als Erbe zugewiesen habe. Dieser Dank feiert somit nach jedem Mahle für die Ge sammtheit Israels dieselbe Thatsache, welcher für jeden Einzelnen das Händewaschen vor dem Mahle symbolischen Ausdruck gibt, indem es mahnend erinnert, daß die Hand rein sein müsse, die ein Stück Vrod zum Genüsse bricht. In dem Pflichtcodex der Privat- und Einzel-Moral hat diese Forderung heute auch weit über den jüdischen Kreis hinaus Geltung und Anerkennung gefunden. In der Staats- und Völker moral unserer Politiker und Diplomaten entscheidet jedoch nicht die Reinheit, sondern die Macht der Hand, welche das Schwert führt. Ein Feldherr, der wie Josua, Gott dafür dankt, daß sein Schwert nicht gewaltthättger Eroberung, sondern der Wiedererlangung des von Gott selber zu gesicherten Vätererbes zu dienen berufen ist, und ern ganzes Volk, das diesen Dank täglich seit Jahrtausenden seinem großen Führer nachbetet, dürsten noch heute vereinzelt daftehen. Von diesem Lande werden drei Etgenthümltchkeiten hervorgehoben, es ist nami naw ,rntsn, begehrt , gut und geräumig. Die Bedeutsamkeit, welche der Betonung dieser dreifachen Eigenart beiaelegt wird, -ioh Nb» ns bs non* -iTybN 'n mn) (iroin pN.i ponaa narni naiö man pw legt die E wägunq nahe, daß sie allein genügt, um die göttliche Fürsorge zu konstatiren, welche diesem Lande mehr als allen änderen Theilen der Erde zugkwendet ist. Errz Israel war zunächst zu allen Zeiten ein viel umworbenes, begehrtes Land, auch ohne Rücksicht auf die einzig dastehende Fruchtbarkeit seines Bodens. Schon durch seine geographische Lage, im Mittelpunkt dreier Erdthetle gelegen, war es zu allen Zeiten wegen der commerciellen und strategischen Vortheile, die eine solche Lage naturgemäß b etet, der Zankapfel aller Völker und Zetten. Dazu kommt noch, daß die Bekenner aller monotheistischen Religionen an diesem Lande mit ihren schönsten Erinnerungen hängen, so daß es bis auf den heutigen Tag vielleicht kein zweites- Land auf weitem Erdenrund giebt, um drssen Besitz so viel Menschenblut geflossen ist, als um dieses unser Vätererbe. — Dieser merkwürdigen Erscheinung reiht sich dann als zweite die Thatsache an, daß dieses Land in Wirklichkeit auch an und für sich ein gutes Land ist. Die nirgends sonst erreichte Fruchtbarkeit feines Bodens ist uns ja außer unseren heiligen U künden auch in den historischen Berichten anderer Völker überliefert. Besonders die römischen Schriftsteller geben dem Erstaunen Ausdruck, das die römischen Legionen erfüllt, als sie beim ersten Betreten des heiligen Bodens die Größe und Maffe der ihm entsprossenen Früchte gewahrten. Ja, diese außergewöhnliche Fruchrbarkett ist dem Lande noch heute eigenthümltch, wo sie nicht durch Miß-