Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1895-03-25 · Heft 24 (25.3.1895) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 24 (25.3.1895)
Date
1895-03-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448559-2448584--40462-2489376
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

477 Er, der daS ganze Universum in jedem Augenblick mit neuem Leben und verjüngtem Dasein ausstattet, er sollte nicht Brod für seine Menschen, für jedes Lebewesen bereit haben, das er aus Fleisch und Blut gewoben? Nein, nein, der Gedanke wäre unmöglich! bzh or6 itra ton Dbiyn nw „der Gott, der das ganze Universum nährt, der gibt auch Brod jedem Fleische!" Es wird uns im Midralch erzählt, daß Moscheh diese ewig weise unablässige Fürsorge Gottes nicht begriffen und daher im Herzen bezweifelt habe. Da habe ihm Gott befohlen zwei brennende Lampen in beide Hände zu nehmen und sie so lange zu halten, bis ihm Gott gestatte, sie wieder abzustellen. Den ganzen Tag und tief in die Nacht hinein stand der treue Diener da, um dem göttlichen Willen zu genügen. Aber als ihm in später Nachtstunde für eine Sekunde die müden Augenlieder sich senkten, fielen die Lampen klirrend zu Boden. Stehst Du nun, sprach der Allmächtige, welche Folgen es hätte, wenn sich Gottes Fürsorge einen Augenblick nur von ihrem Gegenstände abwendeie? Ich halte zwei Lampen, die Sonne und der Mond und zahllose Sternenwelten, sie alle stürzten zusammen, wenn ich einen einzigen Augenblick mich ihnen entzöge! „Du bist's allein," sagt in diesem Sinne ein Prophetenwort (Nechemja IX.), „Du hast den Himmel und der Himmel Himmel geschaffen und all ihr Heer, die Erde und alles, was auf ihr, die Meere und alles, was in ihnen ist nx rmo nrw nb)2 und Du gibst ihnen die Mittel zum Leben d. h. daffelbe, was unser Tischgebet in die Worte: öViyn nx yr. faßt, daß Gott das ganze, große Universum versorgt, um daran die Ueberzeugung zu knüpfen, daß er auch alle Lebewesen mit Brod zu versorgen wiffe. Die grenzenlose, dem menschlischen Fassungsvermögen unfaßbare Güte Gottes — mta — ist das Motiv und die Signatur seiner ganzen Liebeswaltung. (Auch die deutsche Bezeichnung „Gott", leitet sich von seiner Güte ab.) Sie waltet trotz ihrer Fülle nicht blind, sondern stuft sich je nach der Würdigkeit und Dürftigkeit derjenigen ab, denen ste sich zuwendet. Den Pflichttreuen äußert sie sich als Gewährung und Anerkennung ihrer Würdigkeit — in — den Verdienstlosen als Gnade — non und selbst denjenigen, die den Anspruch auf sie verscherzt oder nie besessen haben, als Erbarmen. — D'Dm — Seine gütige Waltung knickert nicht mit ihrer Liebe, sondern sie erstreckt sich nvi bob unterschiedlos auf alle, wenn auch in verschiedenem Maatze. Es ist das etwas was nur Gott eigenthümlich ist, von Menschen, selbst von den Edelsten kaum begriffen und noch weniger verwirklicht wird. So wird uns (Baba Bathra fol. 8) von Rabbi erzählt, daß er in einem Hungerjahre seine Vorräthe darbenden Thorakundtgen öffnete, aber rohe Unwiffende von dieser Wohlthat ausschloß und sich darüber grämte, als er irriger Weise glaubte, er habe auch einen solchen Unwürdigen mit Brod unterstützt. Rabbi, von dem uns besonders ergreifende Züge ungewöhnlicher Herzensgüte überliefert sind, die sich nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Thiere und selbst auf schädliche Thkere erstreckte; Rabbi sah sich zu dieser ungewöhnlichen Maßregel — wie xoon zur Stelle bemerkt — allerdings nur deshalb genöthigt, weil er nur über beschränkte Mittel verfügte, so daß jede Berücksichtigung eines Unwürdigen einen Würdigen verkürzt hätte. Dieser Umstand fällt eben bet Gott weg, weil seine Liebe in ihren Mitteln unbegrenzt ist. Er kann jedem Geschöpf Brod geben, weil seine Gnade keine Grenzen hat. nvn d -wa bzb DnV p3 xin Wenn nun bei dieser großen Gottesgüte sich bei uns dennoch Mangel fühlbar machte und noch je fühlbar machen sollte, so kann die Ursache jeden Mangels nur in uns, nimmermehr aber bet Gott liegen, itf iDiT nb non t*b Ton brnn njn ubiyh Tön „Bei seiner großen, beständig waltenden Güte hat Er uns nichts fehlen laffen, und wird Er uns auch in aller Ewigkeit keinen Mangel leiden lassen." Den Mangel haben wir verschuldet. „Rabbi Schimeon ben Eleasar sagt: Alle meine Tage sah ich keinen Hirsch im Sommer Früchte sammeln, keinen Löwen Lasten tragen, und keinen Fuchs der Kaufmann war; sie ernähren sich alle ohne Sorge und sind doch nur geschaffen mir zu dienen. Ich aber bin geschaffen, um meinem Schöpfer zu dienen, wie müßte ich mich ohne Sorge ernähren können! Aber mein verfehltes Handeln ist es, das mir dir Nahrung entzieht." (Ktdduschin fol. 82.) Es ist aber eine bedeutsame, auf Gottes unergründlicher Liebe beruhende Eigenthümlichkett aus dem Umstande, daß uns Gott bis jetzt nicht Mangel leiden ließ, zu folgern, Gott werde uns auch in Zukunft keinen Mangel leiden lassen. Nach beschränkter, mit ihrer Liebe geizenden menschlichen Anschauung ist das Gegenlheil der Fall. Je mehr Wohlthaten wir bereits von Menschen empfangen haben, desto weniger Recht und Aussicht haben wir, die in der Vergangenheit erwiesenen Wohlthaten nun auch für die Zukunft zu beanspruchen. Nur be^Wöttes unerschöpflicher Vaterliebe sind die bereits empfangenen Wohlthaten die Bürgschaft für ihre Fortsetzung auch in der Zukunft. Es ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.