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Der Israelit · 1895-03-21 · Heft 23 (21.3.1895) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 23 (21.3.1895)
Date
1895-03-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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468 So gibt es ja auch wohl geschulte Köpfe, die fich das Knaben-Watfenhaus als Vorbereitungsanstalt für die Kaserne denken und militärischen Schliff als die höchste Leistung erkennen. Ein schwacher Sterblicher hat hier wieder eigene Gedanken. Für das Leben erziehen wir. GehtS im Leben, geht im geregeltsten Elternhaus alles nach der Uhr? Treten nicht Umstände und Verhältniffe ein, wo der gewöhnliche Gang unterbrochen und das Kind gewungen wird, sich diesen Umständen anzupasscn! DaS ist ein wichtiger Erziehvngsfaktor, der der Waisenhauserziehung abgeht. — Theorien: Praxis — c) Die Uniformen. Ist das das Elternhaus, das Leben? Nein! Ist es jüdisch, eine Schaar uniformirter Kinder durch die Straßen zu führen, daß auch die Welt nicht vergesse, daß es Waisenkinder sind und ihre Glossen darüber schneidet. Wird dadurch das stttliche Gefühl im Kinde nicht abgestumpft? Jede Familie kleidet ihre Kinder nach ihren Verhältnissen. Hierbei treten Momente ein, wo die Noth, der Mangel einen sittigenden Einfluß auf den Charakter ausübt. Welcher Lehrer hat es nicht erlebt, daß eine Mutter zu ihm kam und ihn zum Vertrauten ihres Kummers machte: Bitte mein Kind zu entschuldigen, das einzige Paar Schube war beim Schuster, das einzige Kleid bet der Näherin. Nun versetzte stch der Lehrer in die Famtlienstube der armen Mutter. Welche Scenen haben sich dort abgespielt, was hat die Mutier zu ihren Kindern gesprochen, welche Eindrücke haben sich in das zarte Kinderherz geprägt. Ja, das ist Leben, Wirklichkeit. Aber nur Unverstand kann behaupten, daß dieses demoralisierend auf das Kind wirke; im Gegentheil, diese Momente sind für die Charakterbildung von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Sie schützen vor Ucberhebung, lehren Genügsamkeit und Freude am kleinen, halten das Herz offen für Mitleid und Barmherzigkeit. Kennt der Schwelger Hunger, kennt der reiche Verschwender den Sinn des Dichterwortes: Wer nie sein Brot in Thränen aß; oder den des Psalm- Verses : Ich danke Dir, daß Du mich arm gemacht. Kann das Waisenhaus einen Ersatz dafür geben?*) ä) Ist im Waisenhaus überhaupt ein Familienleben? Leidet der Vater, wird die Mutter krank, muß der Bruder in die Fremde, stirbt die Schwester; treten Geschäftsstockunaen ein, kommt die Noth als gewappneter Mann? Lernen die Kinder des Da¬ *) Der Herr Verfasser verlangt doch am Ende nicht, daß die Kinder im Waisenhause, des sittigenden Einflusses wegen, der Noth und dem Mangel preisgegeben werden? Red. d. „Jsr." seins Schmerz kennen? Kommen sie mit fremden Kindern in Berührung und lernen so sich schicken und fügen und anpassen? Ist ihre Ueberwachung eine elterliche Liebe mit Strenge gepaart, oder werden Heuchler erzogen? Ich habe es oft gefunden, daß gerade die verworfensten Kinder, weil sie zu heucheln verstanden, die größte Gunst des Jnspectors besaffen, der die Kinder ja nur inspicirt, nicht Elternstelle vertritt. Daher kommt es ja auch, daß so viele Kinder wegen sittlicher Deseete entlassen werden müssen. Warum schickt man solche Kinder weg? Es muß geschehen — nach den Statuten, heißt es. Schön gesagt! Statuten! richtet ihr euch sonst nach den Statuten? Kennt ihr auch die Statuten, die unser Lehrer Mose gegeben? Kennt ihr auch die Statuten, die unsere Weisen aufgestellt und habt ihr eure Statuten nach diesen geregelt? Gerade auf solche verkommene Kinder sollte man einzuwirken suchen. Verstößt ein Vater sein Kind, wenn es einen groben Fehler begangen, oder sucht er nicht vielmehr alle Hebel in Bewegung zu setzen, um es auf den Weg des Rechts zurückzuführen? Die Erziehung in den Waisenhäusern ist eben nicht dcm Leben angepaßt, nicht paffend, in viel zu hohem Stile gehalten, angekränkelt von einer Gefühls- und Humanitätsduselei, die dem Leben fremd ist. Körperliche Züchtigung ist bei uns strengens verboten, erklärte mir einst mit Stolz ein „Herr Jnspector"! Dann haben Sie Engel zu inspizieren, Herr Jnspector, versetzte ich. Vier Wochen später erfuhr ich, daß aus der Anstalt, ein „Engel" wegen wiederholten Hausdiebstahls entlassen worden sei. Hätte dieser „Engel" bei der ersten Veruntreuung die Rurhe gekostet, vielleicht wäre wieder ein anständiger „Junge" aus ihm geworden. Wer seinem Sohne die Ruthe entzieht, haßt ihn! Welche- Vater, welcher Erzieher wird diesen Satz nicht vollinhaltlich unterschreiben? Die Waisenkinder gehen aus einfachen Verhältnissen hervor; man lasse sie in diesen Verhältnissen, in Kleidung, Wohnung, Speise, Umgebung, bilde sie im Leben — nicht in Kasernen — für das Leben, daß sie befähigt und geeignet werden, ihr Brot durch ihrer Hände Fleiß stch selbst zu erwerben; erwecke nicht Wünsche in ihnen, die das Leben ihnen später nicht gewährt. Pflanze den Keim der Unzufriedenheit nicht in ihr junges Herz. Und — last not least — komme ich auf den Geldpunkt. Die Waisenhäuser verschlingen eine Unmasse Geld — Gebäude, Beamten u. s. w. — das zu den erzielten Resultaten nicht in Einklang steht. Ein competenter Beurtheiler gab mir die Versicherung : Für das Geld, welches die Waisenhäuser in den Städten verschlingen, kann eine fünffach

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