Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1895)
- Date
- 1895-03-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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$Ber ^sraelit Central-Organ für das orthodoxe Judenthum. Alätter für dre israek. Schule. 21. März I89S.] [9^t. S. Inhalt: Einige Gedanken über Waisenerziehung. — Etwas über Mischna-Unterricht. — Die Organisat on des JugendunterrichtS im talmudischen Zeitalter. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Pädagogik von Dr. MagnuS Weinberg. Berlin. (Schluß.) Einige Gedanken über Wailenersiehung. Motto: Wer ein Waisenkind in seinem Hause erzieht, Der ist sein wahrer Erzeuger. Waisen sind bedauernswerthe Geschöpfe, und jeder der zur Verbesserung ihrer Lage beiträgt, hat ein großes Verdienst, jeder Schritt, der ihnen ihre Lebenslage zu verbessern geeignet ist, ist mrt Freuden zu begrüßen. Unser Jahrhundert, so materiell es geworden, ist doch besser als sein Ruf, es darf sich in Bezug auf Waisenerziehung ein gutes Zeuants ausstellen; denn überall wurden und werden Vereine gegründet, um Waisenhäuser zu gründen und überall herrscht emsiges Streben, das Mitleid für diese armen Geschöpfe zu erregen ünd wach zu halten. Und dieser Appell an das menschliche Herz war kein Ruf des Predigers in der Wüste. Aus kleinen Anfängen gingen herrliche Schöpfungen hervor, deren Erfolge von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die sociale Entwickelung der Menschheit sind. Auch die deutsche Judenheit hat diesen Zweig des *ron mit ganzem Herzen ergriffen; ohne staatliche Mithülfe haben jüdische Edle Kraft und Vermögen in den Dienst der Humanität gesellt, haben nicht geruht und gerastet, eine große Menge in heiligem Eifer zu entfachen, bis sich herrliche Gebäude erhoben, die ihre Pforten der verwaisten Jugend geöffnet. Eine Anzahl jüdischer Waisenhäuser entstand in Deutschland, gegründet und erhalten von kleinen und großen Spenden edler Herzen, und jährlich verläßt eine Anzahl Knaben und Mädchen diese Anstalten, segnend das Andenken jener Edlen, die sich ihrer angenommen, da ihnen Vater und Mutter entriffen wurde. Und doch ist es eine alte Streitfrage, die doch ewig neu bleibt und die sich den unbefangenen Beobachter unwillkürlich aufdrängt r Ist diese unsere Watsenerziehung eine ihrem Zwecke entsprechende? Wird durch diese Erziehung das erreicht, was man erreichen will? Eine obsictive Besprechung sine ira — scheint mir auch heute noch an der Tagesordnung und ohne auf specielle Institute einzugehen, w ll ich dem Leser einige Bedenken gegen die Praxis der Waisenhäuser vorsühren: Das Waisenhaus soll das Elternhaus ersetzen und für das Leben vorb er eiten! Dieser Satz wird wohl nicht auf Widerspruch stoßen. Thun das die Waisenhäuser? Ich sage: nein! Betrachten wir das Leben im Waisenhaus. a) Ein Herr, gewöhnlich Waisenhausvater, in der gebildeten Großstadt „Herr Jnspector" genannt, steht der Anstalt vor. In welchem Verhältnis steht er zu den Kindern? Selten wird man doch wohl die Behauptung wagen: es sei ein Verhältnis zwischen Vater und Kindern, ein Familienverhältnis. b) Die Lebensweise im Waisenhause! Alles nach der Glocke: Aufstehen, Gebet, Effen, Arbeiten, Schlafen. Dieses ist ein Vorzug, wird behauptet. Ja, Behauptungen sind leicht. Es wurde auch einmal behauptet „die Kaserne sei eine Feriencolonie." Zu solchen Behauptungen versteigen sich aber nur politisch unverfrorene Köpfe, der beschränkte Unterthanenverstand urtheilt hier abweichend und kühler, er rechnet mit gegebenen Factoren und packt das Leben in seiner nackten Wirklichkeit.