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Der Israelit · 1895-03-21 · Heft 23 (21.3.1895) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 23 (21.3.1895)
Date
1895-03-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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460 Synagogendiener, sind freigegeben. Verwehrt oder mindestens erschwert ist ihnen der Eintritt in den Kaufmannstand, in den Handwerker- und Gelehrtenberuf. Die russischen Gymnasien und Universitäten nehmen in den Ansiedelungsrayons nur 10 %, außerhalb derselben nur 5 °/0, in Moskau uao Petersburg nur 3 °/0 auf. Beschränkt ist auch der Ackerbau und es braucht kaum erwähnt zu werden, daß ihnen die Advokatur, der Ossigersrang, der Staaisdienst verschlossen ist. Die Ausnahmegesetze umfassen so ziemlich alle Beziehungen des Lebens. Daß die jüdische Religion als solche nicht geschützt ist, ist bekannt, desto reicher hat man die Juden mit besonderen Steuern bedacht, da giebt es Fleischsteuer, Lchlsteuer, Druckretsteuer, Erbschaftssteuer, Fabriksteuer, Kleidersteuer. Auch im Gerichtswesen sind sie mannigfachen Beschränkungen unterworfen. Ein Jude kann nicht als Zeuge auftreten gegen einen getauften Juden, es giebt einen besonderen Judeneid und kein Jude kann das Ehrenamt cines Geschworenen bekleiden. Daß aus alledem schwere rechtliche und materielle Schädigungen den Juden erwachsen, sieht man leicht ein. 700 O0O Seelen, also 12 °/0 der Juden, leben vom niederen Handwerk. 80 000 treiben Ackerbau, nur wenige haben einen Gelehrtcnberuf, die Hauptmasse der Juden ist arbeitendes Proletariat, die ärmste Menjchenklasse in Rußland. Der Direktor des militärisch juristischen Institut, gewiß ein einwandsfreier Gewährsmann schildert in den dustersten Farben das Elend der Juden: „In elenden Häusern wohnen sie so eng und dicht, daß es jeder Beschreibung spottet. 5 Kammern bergen oft 12 Familien. In ewiger Sorge, wie und womit sie ihr Dasein fristen sollen, verbringen sie ihr Leben. Ganze Familien leben täglich von 1 Pf Brot, einigen Häringen und Zwiebeln. Ihre Kleidung ist zerrissen und schlecht und stempelt sie schon äußerlich zu den Aermsten Rußlands. Der Jahresverdienst einer solchen Familie beläuft sich bei angestrengtem Fleiße höchstens auf 100 Rudel. Trotz aller Mühe, die sich auch die Frau giebt, um durch Markthandel die Roth der Familie zu lindern, sind Fälle langsamen Hungertodes nicht selten." Als nun vor einigen Jahren in die Ansiedelungsrayons selbst diejenigen zurückgcwiesen wurden, die ihre elende Hetmath nie gesehen, da war es ihnen natürlich unmöglich, dorthin zurückzukehren und sie sahen sich zur Auswanderung genörhtgt. Keiner aber von den Hunderttausenden, die den Wanderftab ergriffen, hatte die Absicht in Deutschland zu bleiben. Palästina, England, Amerika, Holland war das Ziel ihrer Reise. Das einzige Radikalmittel, die russische Judenfrage zu lösen, liegt nach Ansicht des Redners in der Emancipation der Juden. Die russischen Juden müssen Russen jüdischen Glaubens werden, ihre zionistischen Träume ablegen und eine strenge Selbsterziehung an sich vollziehen. Die Emancipation der Juden ist nicht nur ein Postulat des Rechts und der Humanität, sondern ein Erforderntß der Staatsraison. Im Jahre 1890 wurde in Rußland eine Antologie aus amtlichen Zeugnissen, aus der nationalen Lliteralur und aus den Journalen herausgegeben. Trotzdem die Censur ihre Zustimmung gegeben hatte, wurde das Buch doch gleich nach seinem Erscheinen so gründlich konfisciert, daß nur noch wenige Exemplare vorhanden sein dürften. Auf Grund der christlichen Zeugnisse, die jene Antologie enthält, weift nun der Reder zunächst überzeugend nach, daß dis russische Regierung lediglich einer konservativen Politik folgen würde, wenn sie die Inden emanc'lpierte, jener Politik, die von Katharina der II. — Alexander II. von der Regierung betrieben wurde. 1772 har der Statthalter Tschernischkff eine feierliche Versicherung in ihrem Namen gegeben, daß den Juden vollständige Freiheit in der Wahl von Beruf und Wohnsitz gewährt werden sollte, mit der Begründung, daß dies zum Wohle Rußlands nöchig sei und mit der Betonung, daß die christliche Liebe es so verlange. Freilich hat es dann der großen Kaiserin ihre Menschenliebe doch gestattet, das Versprechen nicht einzulösen. Auch der Ukas von 1800 und der Staatsrath von 1802 riet die Juden der Cultur zuzuführen. Graf Schuwaiow sagt, es widerspreche dem Geiste der Zeit, wenn man die Juden noch länger abschlietze. Es müßte ihnen zum Heile Rußlands gestattet sein, überall zu wohnen. Im Jahre 1870 trat mit dem Regierungsantritt Alexander III. die Reaktion ein. Neben der westeuropäischen Judenhetze, die damals wieder lebendig wurde und auch nach Rußland hinüberflutete, hatte die russische Reaktion vor allem ans konservativ agrarischem Bewußtsein sich gegen die Judenemancipation gewendet. Die Juden waren die Träger des mobilen Capttals. Der Handel und das Kleinhandwerk waren in ihren Händen. Nationalökonomische Gesichtspunkte wirkten mit. Christlich: Kaufleute und Eoelleute, die von Juden Geld geliehen hatten und di. Rückforderung fürchteten, gaben der Regierung immer deutlicher zu verstehen, wie zweckmäßig ihrem Geldbeutel die Degradierung der Juden zu Menschen zweiter Klaffe wäre. Wie zweischneidig und thörtcht solche Maßnahmen sind, sah aber schon während der Reaktionszeit mancher russische Staatsmann ein und ein Minister war freimüthig genug, die gewaltige Bedeutung der Juden für Handel und Industrie zu betonen. „Bei ihrer mäßigen und einfachen Lebensweise", sagt er wörtlich, „ist es ihnen möglich, die Waaren

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