Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1895)
- Date
- 1895-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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452 leicht kein zweites, das seinen Ertrag so schwer und widerwillig gibt, als der Weinstock. Die Rebe mutz aetreten, zerquetscht und mitzhandelt werden, die Traube mutz „weinen," um den „Wein", der Gott und Menschen erfreut, aus ihr zu gewinnen. Heute gibt nicht der Weinftock seine Frucht ste mutz ihm entrissen und cowp!ic>rten Manipulationen unterworfen werden, gerade weil er die Freude in den Kreis der Menschen bringt, denen doch der freudige L bensgenutz durch den Schw iß ihres Angesicht erschwert werden sollte. Er gibt ste erst wreder. wenn jene Zeit naht, in welcher „die Berge von Most träufeln und die Hügel zerfließen, in welcher das heimkehrende Israel seine verheerten Städte wieder ausbaut und bewohnt, arme n« rr.« nryi m" n» wn D’Dis ipvri wo es nur „Weinberge zu pflanzen braucht und sofort ihren Wein trinken, Gärten anlegt und ohne weiteres ihre Frucht gentetzen kann." (Amos IX. 13.) Dann erfüllt sich die alte Verheißung: an nnrn sjy „der Traube Blut trinkst du als geklärten Wein (V. B. M., C. 32, R. 14.) Das ist der ursprüngliche Zustand des Wcinstocks, der nwa 'v' dwd tmyz "lawan p, der den Wein, welchen die Beere fertig umschließt und ihm als seine Frucht spendet, wie es zur Zeit der Schöpfung war. Wenn es daher gilt den Gottespreis in Worte zu kleiden by, für unsere einstige Erlösung aus sozialem Druck und Leid, iivbj nns tyi und für die Befreiung von dem Alp, der den Schwung unserer Seele zu lähmen drohte, wenn die Säuger mit neuem Lied jene neue Zeit besingen, dann erheben sie als Garanten für das sichere Eintriffen jener Z il ihre Pokale, und sprechen ihren großen Meistern den Segen nach, der unbeirrt durch alle gegentheiligen Erscheinungen, in dem Weine die unmittelbare Frucht des Weinstoäs erblicken lehrt, wie es zur Zeit der Schöpfung war und wie es zur Zeit der Erlösung wieder sein wird. qszn ns »na 'n nn« *po Um die erhöhte Bedeutsamkeit des Händewaschens und der nwji ro-o, besonders vor dem Mazmgenuß an den Sederabenden zu würdigen, bedarf es eines orientirenden Blicks auf die Bedeutung dieser Institutionen an und für sich. Ursprünglich war die Anordnung des Händewaschens nur auf den Genuß der Opfer und anderer durch das Gesetz geheiligten Spenden festgesetzt. Ihre später angeordnete Erweiterung auch vor dem gewöhnlichen Brodgenuß erhebt das tägliche Brod zu der Höbe der Heiligtbümer. Der Jude, der kein Stück Brod zum Genuffe ergreift, ohne vorher die Hand zu waschen, wiederholt sich durch diese symbolische Handlung Tag für Tag die Mahnung, daß die Hand rein sein müsse, die ein Stück Brod dem Lkben zum Genuffe abgerungen hat. Die diese symbolische Handlung begleitenden und deutenden Segenssprüche heben daher den Gottessegen hervor, der, nicht etwa dem Waschen an und für sich — D’-r nxm — sondern in der dadurch zum Ausdruck gelangten „Erhebung" der Hände o’T sich ausspricht. Während sonst der Genuß nicht zur Erhebung, sondern zur Ueberhebung und Überschätzung der menschlichen Hand und Kraft führt, wiederholt sich der jüdische Mund vor dem Genuffe gerade des täglichen Brodes. die tröstliche Wahrheit, daß er daffelbe nicht menschlicher Intelligenz verdankt, sondern, „daß Gott es ist, der das Brod aus dem Schooße der Erde hervorbringt." Wer v rmöchte die beseeligende Trostesfülle dieses einen Gedankens in ihrer ganzen Bedeutsamkeit zu schildern, wenn er in allen seinen Conseqaenzen begnffm und verwirklicht würde! Bor dem Bewußtsein, daß derselbe Gott, der das Leben gewährt, auch die Mittel zum Leben reicht, schwände die Sorge um Erhaltung des Lebens, die Millionen zu Boden drückt und ihres Daseins nicht froh werden läßt. Diese Sorge überließen sie Gott und nur die eine, nicht ntederbeugende, sondern daS Haupt freudig erhebende Sorge füllte jede Brust, die Hand rein und würdig zu erhalten, um das von Gott gereichte Brod hinzunehmen. Bor diesem Gedanken senkte sich die zum Kampfe ums Dasein erhobene Bruderhand. Denn in dem Lichte dieses Gedankens erschiene der Bruder nicht länger als Concurrent und Nebenbuhler. Er nimmt kein Brod und gibt keines, die Erde, die alle trägt, nährt auch alle. Nicht wir sind es; Gott ist es, der das Brod aus ihrem Schooße hervorbringt. Dieses Bewußtsein würzt das kärglichste Stückchen Brod und prägt dem gewöhnlichen Genuß das Gepräge der Göttlichkeit auf. Es wandelt jedes Haus in einen Gottestempel, jeden Tisch in einen Gottesaltar und jedes Stück Brod in ein von Gott gewährtes und im Dienste Gottes zu genießendes Heiligthum um. Bon ihm durchdrungen wird der Jude zum Priester, und wenn eine ganze Welt ihn um das Stück Brod beneidet, das er in seiner priesterlich geweihten Hand erst zu Gott emporhebt, bevor er sich den Genuß gestattet; diesen Aufblick zu Gott ersetzt ihm alles, was ihm eine scheelsüchtige Umgebung lieblos versagen möchte. Zu besitzen und zu genießen, zu essen und zu trinken und für jeden Besitz und Genuß, für jeden Btffen und jeden Trunk Gott als den alleinigen Spender zu bekennen und ihn als Zeugen für die Reinheit unseres Erwerbens und Genießens in unseren Kreis zu laden, wie es täglich der Jude thut, wenn er vor jedem Brodgenuß die Hände weiht, dieses er-