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Der Israelit · 1895-03-18 · Heft 22 (18.3.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 22 (18.3.1895)
Date
1895-03-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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441 Feuilleton. 4^3 Hur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 26.) (Me Rechte Vorbehalten. Es ist etwas Eigenthümliches um den Freitag Abend in dem Kreise einer frommen jüdischen Familie. Wenn die Sorge während der Wochen« tage noch so sehr drückt, wenn Jammer, Noth und Elend ihre Runen noch so tief in das Antlitz der Menschen graben, am Sabbat haben sie keine Macht über Israel. Mit dem Erscheinen der holdseligen „Prinzessin Braut" hat alle Noth, aller Jammer ein Ende und ein Abglanz des himmlischen Friedens erscheint auf dem Antlitz ihrer Getreuen. Alle Widerwärtigkeiten des Lebens sind vergessen, man lebt und denkt und sinnt und trachtet nur noch für den hohen Gast, die fürstliche Braut. Die Bedeutung des Sabbats kennt nur der, der ihn nach den Vorschriften der heiligen Schrift heiligt; nur er aber auch kennt seine Wonnen, kennt das Glück, welches er denen bringt, die ihn gebührend empfangen. Bei Dr. Pretorius wurde er gebührend empfangen. Der Gram und die Sorge, die sich in den Mienen der Familienmitglieder in der ganzen Woche nicht verbergen ließen, hatten am Sabbat keine Macht über sie. Freundlich leuchtete das Sabbatglück aus ihren Augen, und warm drang der Strahl in das Herz hinein und entzündete daselbst die Flamme der Religion und des Glaubens, welche vom Sabbat sagen: Er ist ein Zeichen zwischen Gott und Israel. Das Glück, den Sabbat feiern zu können, leuchtete denn auch aus dem Antlitz des Rechtsanwaltes und sprach aus jedem Worte der Unterhaltung. Wohl feierten die Eltern der Freundin in Berlin den Sabbat auch nach streng gesetzestreuer Weise, aber eine solche Weihe, wie er hier drm Hause und den Menschen gab, kannte sie nicht. Sie wähnte in einem Gotteshause zu sein, wo jedes Wort, das den Lippen entschlüpft, ein Gebet sein muß, wo jedes profane Wort sich von selbst zurückdrängt. Während des Mahles unterhielt man sich über verschiedene, das Judenthum betreffende Tagesfragen, dann sprach man von der Sidra, die am folgenden Tage in der Synagoge verlesen wird, und manches gute „Wort" hörte die erstaunte Berlinerin hier am Tische, welches sie sonst wohl einmal als in dem Lehrhaus gefallen, vernommen hatte. j Willy besonders war schier unerschöpflich in guten - Einfällen und paffenden Vergleichen und Anny sah mit Stolz auf den Bruder. Sie hatte das Wort, das sie der Mutter auf dem Sterbebett gegeben, voll eingelöst, hatte mit Gottes Hülfe eine irrende Seele dem Judenthum wiedergewonnen. Jetzt stimmte Willy die Lieder an, welche man Semiraus nennt und welche am Freitag Abend und am Sabbat in frommen Häusern Israels erklingen, und den Sabbat und sein Verhältniß zu Israel zum Gegenstände haben. Es sind wahre Perlen der jüdischen Poesie und es ist sehr zu bedauern, daß unser gewöhnliches Gebetbuch, der Stddur, dieselben nicht enthält. Nachdem auch diese Gesänge beendet waren, unterhielt man sich gemüthlich, wobei der Zufall es wollte, daß Anny und Willy, der Vater und die Fremde mit einander sprachen. Letztere verwandte keinen Blick von den Geschwistern und es gehörte die Unbefangenheit der Beiden dazu, keine Veranlassung zu Neckereien zu geben. Der Anwalt erkundigte sich nach den Berliner Gemeindeverhältniffen und das Fräulein, ein echtes Berliner Kind, wußte überall Bescheid. Der Anwalt fragte, was für gute Folgen der Antisemitismus für die Berliner Juden gehabt habe und als das Fräulein lächelnd erwiederte: „Davon kenne ich auch nicht eine einzige," fuhr der Anwalt fort: „Es gibt keine noch so große Geseroh/) die nicht ihre towoh3) hat." „Uns hat die „Schmach des Jahrhunderts" fester aneinandergeschloffen und die Gegenströmungen, die sich im Judenthum bemerkbar machten, haben sich gemildert und wir stehen, wo es den äußeren Feind zu bekämpfen gilt, geschloffen da. „Und doch ist der äußere Feind nicht so schlimm wie der innere. Indifferenz und große Unwiffenheit, wie sie unter der jetzigen Generation herrschen, scheinen mir noch gefährlicher als das Bischen Radau, welches die Antisemiten verursachen." „Das Bischen Radau ist gerade genug; hat es doch das Schächtverbot in der^Schwelz iund in Sachsen herbeigeführt und unsere Glaubensbrüder gezwungen, unter großen Opfern ihren Fleischbedarf aus der Ferne sich zu verschaffen." „Ich betrachte auch diese Geseroh als eine verdiente göttliche .strafe. Die ,Juden stnd^in Bezug auf koscher und nicht koscher so leichtsinnig geworden, daß der liebe Gott ihnen erst wieder 1) Unheil. 2) gute Seite.

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