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Der Israelit · 1895-03-14 · Heft 21 (14.3.1895) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 21 (14.3.1895)
Date
1895-03-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
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480 aussehe, als wenn die Regierung selbst überall die Juden ntederzumetzeln suche, wurden allerhand Manöver veranstaltet, nach welchen es den Anschein haben sollte, als wenn die judenfeindliche Bewegung vom Volke selbst ausgegangen wäre. So wurde arbeitsscheues Gesindel in die großen Städte des russischen Reiches entsandt, um daselbst in Wirthshäusern und auf öffentlichen Plätzen gegen die Juden zu agitiren. Denunzianten wurden überall aufgestellt und wo irgendwie bei einem Gerichte eine Denunziation einlief, gleich fiel man den armen Glaubensgenoffen in das Haus, das bestellte Gesindel und der übrige Pöbel, den man noch dazu ermunterte, begannen zu rauben und zu plündern. Bet dieser Gelegenheit hatte auch ein übereifriger Petersburger Beamter den teuflischen Plan ausgeheckt, unserem Rabbi eine große Partie falschen Geldes in das H^us zu schmuggeln. Es lief sodann eine Denunziation gegen den Rabbi wegen Falschmünzerei bei dem Gouverneur der Stadt ein. Dieser war beauftragt, eine Haussuchung bet dem Rabbi zu veranstalten und sobald sich die falschen Rubelschetne in dem Hause des Rabbi vorgefunden, sollte diese Thatsache der Ausgangspunkt für eine große Judenrevolte in Orte bilden. Wie das falsche Geld aus der Behausung des Rabbi verschwunden und wie die gegen ihn eingelettete Untersuchung sich gestaltet hatte, haben wir oben gesehen. Mit Hellem Glockengeläute fährt eines Tages Jtsche's Troika mit drei prächtigen Rappen bespannt, vor dem Hause des Rabbi vor. Jtsche springt ab, begiebt sich in das Haus, und wird auch sogleich vor den Rabbi vorgelassen. „Rabbi!" redete Jtsche diesen an, „ich habe fett Wochen und Monaten keine Ruhe mehr, mein Gewissen quält mich Tag und Nacht. Erinnert Ihr Euch, daß ich vor Jahren in höchster Noth bei Euch war, und Euch um einen Ausweg in meinem Unglück bat. Damals sagtet Ihr mir, ich sollte nur ruhig nach Hause gehen, es würde sich schon Alles zum Guten wenden. In Eurem Vorzimmer fand ich zu jener Zeit ein großes Packet mit vielem Gelbe vor, und ich glaubte damals in meiner Verblendung, daß durch ein Wunder, das Ihr bewirkt, das Geld für mich bestimmt gewesen sei. Gewiß habt Ihr durch diesen meinen Diebstahl große Unannehmlichkeiten zu erdulden gehabt, und ich bin gekommen Euch jetzt mein ganzes Vermögen, welches heute gewiß zehnmal soviel beträgt, als dieser Fund von damals, zu Füßen zu legen. Lieber arm sein, und im größten Elende, als mit einem solchen Verbrechen belastet durch die Welt zu wandern." Mit gespanntester Aufmerksamkeit ^hörte der Rabbi unseren Jtsche an, lange Zeit sprach er kein Wort, endlich umarmte und küßte er ihn ttefgerührt. „Du hast mir nicht nur kein Ungemach bereitet, mein Sohn, Du hast im Gegentheil schweres Unglück von mir abgewendet. Ich werde von jetzt ab täglich ein Gebet für Dein Wohl und das Wohl Deiner Familie verrichten." „Wie, Rabbi, ich sollte durch meine Untreue Unglück von Euch abgewendet haben, wie ist das zu verstehen?" „Dringe nicht in mich, ich kann Dir das nicht erklären. Die Wege Gottes sind oft wunderbar." „Und muß ich mein Vermögen Euch abltefern?" fragte Jische jetzt in höchster Aufregung. „Besitzet Ihr noch dieselben Scheine, welche Ihr damals aus meinem Vorzimmer mit fortnahmet? " „Wie könnt Ihr denken, Rabbi, daß ich einen solchen Betrag ein so lange Zeit zinslos liegen laffen werde? Für einen großen Tbeil des Geldes kaufte ich mir damals Aecker und Wiesen, Pferde und Rinder und den Rest legte ich in guten Staatspapteren an." „Und Euer Vermögen ist heute, wie Ihr sagt, zehnmal so groß als jener Betrag ausmachte?" „Ich denke wohl, vielleicht auch noch etwas mehr." „So liefert jenen Betrag, der dem Werthe Eures damaligen Fundes entspricht ohne Euren Namen zu nennen, an die Staatskasse in Petersburg ab, alles Uebrige ist Euer unantastbares Eigenthum." „Aber Rabbi", entgegnete Jtsche, „die russische Krone bedarf doch meines Geldes nicht. Euch und den Euerer Obhut anvertrauten Armen bin ich gern bereit jeden gewünschten Betrag zur Verfügung zu stellen. Wie kommt Ihr dazu, eine solch merkwürdige Entscheidung zu treffen?" „Fragt mich nicht weiter, es bleibt bet dem, was ich gesagt habe, und mit einer entsprechenden Handbewegung entließ er den verblüfften Jtsche Veideistetn. Kopfschüttelnd entfernte sich dieser aus des Rabbis Gemach, aber im Herzen war er froh, das er sich auch ferner Neun-Zehntel seines Vermögens erfreuen durfte. Er glaubte von nun an bestimmt, daß der Rabbi ein Wunder für ihn bewirkt habe und zeichnete sich von jetzt ab noch mehr durch gottgefälligen Lebenswandel und große Wohlthätigkeit aus. Den vom Rabbi festgesetzten Betrag sandte er sofort den anderen Tag anonym an die Kaiserliche Reichsbank in St. Petersburg. Ob die russische Bank thatjächlich die falschen Scheine, wofür der Rabbi ihr nunmehr Ersatz 'bieten wollte, eingelöst hat? Wir bezweifeln es.

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