Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1895)
- Date
- 1895-03-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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429 bisse ruhig an stch nehmen, und sich und seine Familie aus Noth und Elend befreien. Von nun sah man unseren Jtsche allabendlich zur Zeit der Dämmerung in höchster Aufregung in das Vorzimmer des Rabbi schleichen, woselbst er sich dem Schranke gegenüber postirte, und eine Stunde lang mit gespanntester Aufmerksamkeit das verführerische Packet anstarrte. Aber niemand kümmerte stch weder um ihn noch um den Gegenstand seiner Aufmerksamkeit. So trieb es Jtsche, seinem Vorsätze gemäß, acht Tage lang, und als am achten Tage noch immer das Packet ruhig auf seinem Platze stand, nahm er es wohlgemnth an sich, und reifte damit in höchster Freude feiner Heimath zu. Er hatte nunmehr die feste Ueberzeugung. daß ihm durch des Rabbi Wirken ein Wunder geschehen sei, und tröstete sich noch überdies damit, daß wenn es stch nicht so verhalten sollte, der Rabbi, der ja alles weiß, dann einfach zu ihm schicken, und sich das Geld wieder holen würde. Für unseren Jtsche begann nun eine glückliche Zeit. Der Pachtzins wurde immer schon 10 Tage vor Verfall bezahlt, seine 7 Töchter konnten stch nunmehr Schmucksachen kaufen und Toiletten machen lassen, soviel sie wollten, an Mktgtften für dieselben fehlte es nun auch nicht mehr und so wurde eine nach der anderen an brave, tüchtige Geschäftsleute verheirathet. Jtsche selbst schaffte stch viele Pferde, Kühe und Aecker an und lebte als der reichste Mann im Orte und da er auch sehr wohlthättg war, hochgeachtet, angesehen, herrlich und in Freuden. Aber im Laufe der Zeit erwachte das Gewissen wieder in ihm und ließ ihn Tag und Nacht nicht schlafen. Wenn es nun doch kein Wunder gewesen, wenn er sich fremdes Gut widerrechtlich angeeignet und andere damit in Noth und Elend gestürzt hat, so war er ja einer der schlechtesten Menschen auf Gottes Erdboden und würde dermaleinst, wenn er von hinnen abberufen werden wird, vor dem Thron des Allmächtigen Rechenschaft für sein übles Handeln ablegen müssen. Er überlegte mit seiner Frau, was er in dieser seiner peinlichen Lage thun könne und sie beschlossen endlich, daß er zum Rabbi fahren, ihm alles mittheilen möge und wenn das Geld nicht sein eigen, ihm dasselbe bei Heller und Pfennig zurückerstatten möge. Sollte ihm aber nach Ausspruch des Rabbi das Geld rechtmäßig gehören, so wollte er diesem einen großen Betrag für die Armen der Stadt zur Verfügung stellen. Man bestimmte den nächsten Neumondstag zur Reise in die Stadt und von dieser Zeit an konnte Jtsche wieder ruhig schlafen. * * * Unsere Erzählung führt uns nun wieder zum Rabbi jener Stadt zurück. Dieser saß eines Abends im Kreise seiner vielen Schüler und disputirte mit denselben eifrig über ein besonders schweres Thema des Talmuds. Scharf gingen die Meinungen auseinander und manches heftige Wort flog in der Hitze des Gefechts herüber und hinüber. Die verschiedensten Kommentatoren wurden aus den umstehenden Regalen von den Schülern herbeigeschleppt und bereits bildeten stch ganze Berge von Folianten auf dem Tische des Rabbi. Da öffnete stch hastig die Thüre und mit hochrothem Kovfe und fliegendem Barte stürzte der Gabbai in das Zimmer des Rabbi: „Rabbi", rief er in höchster Aufregung und am ganzen Körper zitternd, „die Gensdarmerie ist vor unserem Hause aufgestellt und allsogletch wird der Gouverneur mit den drei höchsten GertchtSpersonen hier erscheinen, um bet Euch, Rabbi, eine Haussuchung zu veranstalten." Lächelnd schaute der Rabbi den seiner Sinne kaum mächtigen Gabbi an. „Und darüber erregst Du Dich, mein Freund, so lasse sie doch kommen und ruhig unser Haus durchsuchen, ich bin mir, Gottlob, keiner Schuld bewußt und wie sie gekommen, so werden sie auch wieder gehen, ohne uns in irgend einer Weise belästigt zu haben. Und es geschah, wie der Rabbi vorausgesagt hatte. Der Gouverneur und die drei Beamten durchsuchten das Haus vom Keller bis zu dem Giebel, kein Schrank, keine Kiste, kein Kleidungsstück, keine Schachtel wurde verschont, aber sie waren nicht im Stande, irgend etwas Verdächtiges zu entdecken. Nur bei einer großen Partie silberner Geräthe fragte der Gouverneur den Rabbi, wie er in den Besitz einer solchen Menge Silbers gelangt sei und der Rabbi bezeichnete die Namen derjenigen Mitglieder der Gemeinde, welche ihm das Silber, während ihrer Reise zur Messe nach Leipzig zur Aufbewahrung übergeben hatten. Befriedigt nickte der Gouverneur über die erhaltene Auskunft und war gerade im Begriff sich nach seiner resultatlos verlaufenen Untersuchung wieder zu entfernen, als der Rabbi bescheiden an ihn herantrat und stch die Frage gestattete, welches Vergehens man ihn eigentlich beschuldige. „Seid zufrieden, lieber Freund, daß Sie von der ganzen Angelegenheit nichts wtffen; ich bin nicht berechtigt, Ihnen darüber irgend welche Mittheilungen zu machen." Erst viele Monate später erfuhr der Rabbi durch einen nichtjüdischen Freund in Petersburg, dem er einmal eine große Wohlthat erwiesen, weffen man ihn beschuldigt hatte. Es war zur Zeit der stärksten judenfeindltchen Strömung in Rußland; Jgnatiew hatte den Auftrag erhalten, allenthalben im Lande Revolten gegen die Juden zu insceniren. Damit es aber vor der Welt nicht