Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1895)
- Date
- 1895-03-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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428 Im Vorzimmer des Rabbi herrschte reges Leben. In dem großen Warte Raume, der eher einem Saale als einem Zrmmer glich, bewegten sich Hunderte von Männern und Frauen „die alle auf den Zeitpunkt warteten, da der Gabbai sie mit ihrem Stabe berührte, was das Zeichen bildete, daß nunmehr die Reihe der Audienz an sie gekommen war. Lange, lange mußte Jtsche warten, doch endlich ward auch er zum Eintritt in des Rabbis Cheder (Studirzimmer) zugelaffen. Eine Gestalt, unserem Vater Abraham gleich mit lang herabwallendem weißen Barte und hohen Streimel (Pelzmütze) auf dem Kopfe saß, über einen Haufen Talmudbände geneigt an seinem Tische. Lang blickte der Rabbi seinem Gaste in die Augen, als wollte er auf dem Grunde seiner Seele zu lesen versuchen. Ohne daß er Jtsche zu Wort kommen ließ, sprach er zu ihm: „Gehe nur wieder heim, mein Sohn, ich weiß, was Dich bedrückt, es wird sich schon Alles zum Guten wenden", und mit einer Handbewegung deutete er dem ihn erstaunt und verblüfft anblickenden Fremden an, daß er das Gemach verlaffen möge. Jtsche gelangte wieder in das Vorzimmer, er wußte selbst nicht, wie ihm geschah. Die Antwort des Rabbi hatte ihn im höchsten Grade unbefriedigt gelaffen, wußte er doch, daß, sobald er nach Hause kam, er mit Weib und Kind von der Gutsherrin auf die Gaffe geworfen würde. Solange er in der Stadt war, hatte er noch die Beruhigung, daß während seiner Abwesenheit vom Hause den Seinigen nichts geschehen würde und er beschloß deßhalb der Aufforderung des Robbt vorerst keine Folge zu leisten, sondern denselben morgen nochmals aufzufuchen und ihm seine Lage eingehend zu schildern. Am nächsten Tage wiederholte sich derselbe Vorgang von gestern. Auch diesmal ließ ihn der Rabbi nicht zu Wort kommen und mild lächelnd bat er ihn nur ruhig nach Hause zu fahren, es werde sich schon alles machen. Als Jtsche wieder in das Vorzimmer gekommen war, in welchem es noch immer von Hunderten von Menschen wimmelte, erfaßte Verzweiflung seine Brust, er kauerte sich in eine zwischen einem hohen Kleiderschranke und der Wand befindliche Nische und begann seinem gepreßten Herzen durch lautes Weinen und Schluchzen Luft zu machen. Aber kein Mensch kümmerte sich um ihn und er mochte so vielleicht eine halbe Stunde verbracht haben, als sein Blick auf ein unter dem Schranke befindliches Packet fiel. Unwillkürlich holte er dasselbe hervor, um zu sehen, was sich in demselben befinde. Aber sein Erstaunen kannte keine Grenzen, als er es geöffnet und den Inhalt einer näheren Prüfung unterzogen hatte. Waren das nicht viele, viele, neue Hundertrubelscheine, ebensoviele neue Fünfzigrubelscheine und nachdem diese zu Ende waren, noch ein ganzes Packet mit prachtvollen violetten Fünfundzwanzigrubelscheine? Oh, wenn er diese sein Eigen nennen könnte! Die Pacht von 20 Jahren für seine Kretzschme hielt er hier in Händen — mit aller Roth und aller Sorge wäre es dann für ihn und seine Familie vorüber. Sollte das die Rettung sein, die ihm der Rabbi prophezeit hatte? Aber das war ja ganz undenkbar! Gewiß hatte der Rabbi hier, wenn auch in etwas eigenthümlicher Weise seine Ersparnisse aufbewahrt, oder das Vermögen irgend eines reichen, und eben verfolgten Mannes zur Aufbewahrung erhalten, keinesfalls gehörte das Geld ihm und er durfte, wenn die Noth auch noch so groß war, nicht zum gemeinen Diebe werden, und sich für sein ganzes ferneres Leben unglücklich machen. Er wickelte das Packet wieder sorgsam zusammen, schob es vorsichtig wieder an seine frühere Stelle unter den Schrank, und stürzte hinaus auf die Straße. Er rannte durch alle Gassen des Städtchens hin und her, aber seine Ruhe konnte er nicht wieder erlangen. Immer und immer wieder dachte er an den merkwürdigen Fund, den er heute gemacht hatte, und immer und immer wieder faßte der Gedanke Wurzel in seinem Innern, daß es vielleicht doch ein Wunder sei, welches ihm die Vorsehung in dieser Weise zur Errettung aus seiner Noth gesandt habe; denn wie wäre es sonst möglich, daß in einem Raume, in welchem täglich Hunderte und Aberhunderte von Menschen verkehrten, ein solch hoher Betrag so offen dastehen könne, ohne von irgend einem anderen als von ihm allein bemerkt worden zu sein. Denn bemerkt hatte ihn niemand anderes, das stand bei ihm fest, unmöglich waren alle die vielen Menschen, die täglich zum Rabbi kamen, so durchaus ehrlich und rechtschaffen, daß nicht ein Einziger darunter gewesen wäre, der an einer solchen Summe stch nicht vergriffen hätte. Und selbst wenn sie alle ehrlich wären, so hätte doch gewiß der Eine oder der Andere den Rabbi darauf aufmerksam gemacht, daß man in solcher Weise einen derartigen Schatz nicht aufbewahre, und der Rabbi hätte dann gewiß das Geld entfernt. Aber vielleicht hat wirklich Niemand außer ihm das Packet bemerkt, und es ist der reine Zufall, daß gerade er solches gesehen hat, und es ist seine Pflicht dem Rabbi davon Anzeige zu erstatten? Er beschloß hierüber eine Probe anzustellen. Er wollte acht Tage lang täglich eine Stunde in das Vorzimmer des Rabbi gehen und nachsehen, ob das Packet noch immer an seinem Platze sich befand. Würde es innerhalb dieser Zeit von keinem Anderen entfernt, dann war es sicherlich für ihn bestimmt, und er durfte solches ohne irgend welche Gewiffens-