Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1895)
- Date
- 1895-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448581--40390-2489301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
416 vom Standpunkte der Humanität eher als Thierquäleret und daher als strafbare Handlung anzusehen, gesunden, lebendigen Ziegen, aus Strafe, weil sie von jungen Eichenbäumen die Rinde abnagten, durch einen Schlosser die Zähne ausziehen zu lassen, oder reine, gesunde Thtere mittelst des uns Juden religtonSgesetzltch vorgeschriebenen von den ersten Koryphäen der Wissenschaft approbirten Schlachtverfahrens, behufs Genusses zu schlachten? Nachträglich erfuhren wir zu unserer großen Freude, ein barmherziger mitleidsvoller Bauer MogadinoS weigerte sich ganz entschieden, seine armen Tieren derart mißhandeln zu lassen, worauf ihm der Gemeinderat untersagte, dieselbe in die Gemetndewaldungen zur Weide zu führen. Der Bauer kümmerte sich jedoch nicht um das Verbot und der Gemetnderath strengte einen Prozeß gegen ihn an, den er jedoch in allen Instanzen verloren hat. Die junge Ziegengeneratkon in Mogadino wird also ihre Zähne behalten dürfen. Ob auch die alten Ziegen sich neue Zähne einsetzen lassen dürfen? Rußland. Aus dem Gorrv. Wilna wird dem „Mtnski List." berichtet, daß die Zahl der jüdischen Emigranten von Jahr zu Jahr abnehme. Ihren Eulminattonspunkt erreichte die Emigration in den Jahren 1888—1891, seitdem nimmt sie stetig ab, so daß die Zahl der rückkehrenden Auswanderer die der neu AuSwandernden fast übersteigt. In letzter Zeit ging der Strom der Auswanderer mehr nach Afrika, doch auch dort war das Leben zu schwer und so wächst denn das jüdische Proletariat in den Städten und Flecken des Gouv. Wilna, wo bereits viele Familien nur deshalb nicht Hungers sterben, weil der Kahal und die Philanthropie ihrer Glaubensgenossen es so wett nlcht kommen lassen. > vermischtes. < Der Preußische Major a. D. Pauli, der in Lima verhaftet war, weil er mit den Aufständischen in geheimen Beziehungen gestanden haben soll, ist der bekannte Zeuge im Prozeß gegen Paasch und einer der schlimmsten Antisemiten. AuS der Haft ist er auf Verwendung der deutschen Vertretung entlassen worden, soll aber das Versprechen abgelegt haben, Peru schleunigst zu verlassen. Feuilleton. 4^5 Uur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 35.) (Alle Recht« Vorbehalten. Anny hatte über dem Mißgeschick, welches den Pater getroffen hatte, stch ganz vergessen. Sie dachte und lebte nur noch für den Vater und war glücklich, wenn ein Lächeln den Ernst seines Antlitzes milderte. Wohl empfand auch sie das veränderte Wesen Willys und sie war glücklich über diese Aenderung; aber sie schrieb sie dem wiederkehrendcn Zugehörigkeitsgefühl zu, womit stch Willy wieder als einen der ihrigen betrachtete. Daß andere Gefühle Willys Herz erfüllen könnten, daran dachte sie nicht. Herr von Gilsa war über die ganze Sache von dem Rechtsanwalt unterrichtet worden, und aach hier bewährte er sich von Neuem als Freund. Er wußte die Beamten des auswärtigen Amtes für diesen Fall zu tnteressiren, und er selbst scheute weder Zeit noch Geld noch Mühe, um dem Anwälte gefällig zu sein. Die Correspondenz, die Anny mit ihm führte, war ihm ein Bedürfnitz geworden, so daß er, wenn einmal ein Brief verzögert erschien, ganz unruhig wurde. Mit größtem Interesse hörte er von Willy und die Art und Weise, wie Anny unbewußt über den Bruder schrieb, nölhigte ihm oft ein Lächeln ab, und er sagte alsdann zu sich selbst: Wann werden sich diese beiden Menschen endlich finden? Es war an einem Freitag Mittag. Anny hatte alles für den Sabbat zurecht gemacht und saß, mit Fanny plaudernd, im Zimmer. Fanny hatte einen Brief von den Ihrigen erhalten, und war glücklich über die Nachrichten, die man ihr von Hause mttgetheilt hatte. „Du bist zu beneiden," sagte Anny; „die Deinigen sind alle wohl und munter und leben glücklich und zufrieden. Keine Sorge drückt ste und wenn ..." „O, sprich nicht so," entgegnete Fanny. „Auch die Metnigen haben Sorgen und wenn ich daran denke, welch' schwere Sorgen auf m. lieben Eltern lasteten, als wir noch zu Hause waren, so scheint mir die Sorge, die uns jetzt bedrückt, klein, denn keine Sorge lastet schwerer auf dem Menschen, als die um das tägliche Brot. Das ist eine Sorge, die den Muth und die Kraft zum Leben lähmt." „Ich will lieber hungern, als entehrt vor meinen Mitmenschen dastehen," sagte Anny. „Es gibt immer barmherzige Menschen, welche ein Stück Brot für den Armen haben und ihn vor dem Hungertode schützen. Wenn es aber gilt einen Menschen vor Entehrung zu schützen, da finden sich Wenige, die das Wort unserer Weisen bethätigen: Es sei die Ehre Deines Nächsten Dir so teuer als die Deintge." „Darin gebe ich Dir Recht. Man kann stch eher vor dem Hungertode, als vor den bösen Zungen