Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1895)
- Date
- 1895-03-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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414 Reserve etwas früher herauszutreten. So löblich es uns erscheint, die Welt stets zur Umkehr aufzufordern und derselben ihre Verstöße «egen unsere heil. Lehre vor Augen zu führen, so sind wir doch der Ansicht, daß dies in einer gemäßigten Form geschehen muß, und ganz besonders aber darf der Pessimismus nicht so weit gehen, daß nicht Thatsachen, einer so gewaltigen Besserung in relig. Beziehuyg, wie sie G. s. D. in den letzten Dezennien dahier sich vollzogen, anerkannt werden. Wir sagen nicht zu viel, wenn wir behaupten, nicht nur hier sondern überhaupt in Bayern ist die Reform bedeutend zurückgegangen. Betrachten wir speciell Nürnberg, welches gerade in jenem Artikel so htngestellt ist, als gäbe es daselbst gar keine echten Jehudim. Es hat sich hier der Verein „Adas" aus den kleinsten Anfängen, G. s. D. zu einer Mttqliederzahl emporgehoben, daß sich der Betsaal, der vor zwei Jahren bedeutend vergrößert worden ist, nun schon wieder als zu klein erweist. Unsre Schechita der Gesammtgemeinde ist seit lange in streng orthodoxen Händen und wir wissen es der Administration der Gemeinde zu danken, daß sie auf Ansuchen neuerdings beschlossen, eine weitere streng religiöse Kraft zu engagiren, damit die Aufsicht in Schechita eine unübertreffliche wird. Wir entbehren keinerlei jüd. Institution dahier, in den letzten Jahren werden sogar verschiedene regelmäßige Schiurim gelernt, das bedeutet für Nürnberg in seiner heutigen Form gegen 20 Jahre zurück einen großartigen Fortschritt zum Guten. Wir sind sogar in der glücklichen Lage mttzutheilen, daß Geschäfte, die früher Samstag offen hatten, heute geschlossen haben, wenn das leider auch nur sehr vereinzelt ist; wir hoffen aber, daß durch stetes friedliches Streben es immer besser darin wird. Erlahmen dürfen wir allerdings nicht im Wirken für unsre heil. Gebote und hiezu halten wir als das geeignetste Mittel die echtjüdische Erziehung unsrer Kinder im Sinne unsrer heil. Thora und im fleißigen Unterrichte darin. In letzteren Punkte giebt es allerdings noch eine ruhmvolle Arbeit sowohl für jeden Einzelnen als ganz besonders für die Administration unsrer Gemeinde; denn wenn selbe auch nicht auf orthodoxem Standpunkte steht, so hoffen wir doch ganz bestimmt, daß in nicht allzuflrner Zeit man auch da Einrichtungen von Gemeindewegen trifft, daß denjenigen Eltern Rechnung getragen wird, denen es am Herzen liegt, ihre Kinder so unterrichtet zu wissen, daß sie verstehen als Juden zu leben, wenn sie der Schule entwachsen sind. Hoffen wir recht bald darüber berichten zu können. Aus Baden. Bet der heute am Montag den 11. März im Saale der Vier Jahreszeiten in Karlsruhe stattgefundenen und zahlreich besuchten Landesversammlung der nationalliberalen Partei Badens wurde ein reichhaltiges Programm ausgestellt, aus welchem wir für uns von besonderer Wichtigkeit hervorheben: „DieGleichb erechtigung aller Bekenntnisse ist in Deuschland nach schweren Kämpfen durchgeführt worden. An dieser Gleichberechtigung als einem der Hauptgrundsätze liberaler Politik muß unentwegt festgehalten werden. Die Bestrebungen, welche auf die Beeinträchtigung der staatsbürgerlichen Rechte wegen des Glaubensbekenntnisses hinausgehen, sind entschieden zu verwerfen und zu bekämpfen." st. Tiirkheim (Ober-Elsaß), 11. März. Die hiesige, seit Jahren von Tag zu Tag abnehmende israelitische Gemeinde hat nun ihre vollständige Auflösung erreicht und ist aus dem Register der oberelsässischen Gemeinden für alle Zeiten gestrichen worden. Die noch wenigen hier wohnhaften jüdischen Familien werden numehr der Gemeinde Winzenheim angehören und unsere Synagoge wird öffentlich versteigert werden. Mit betrübten Herzen sehen wir dem Schicksale, dem unsere, von unseren frommen Vorfahren mit großen Opfern erbaute Synagoge entgegengeht, entgegen. st. Dürmeuach (Ober-Elsaß), 11. März. In dem zur hiesigen Gemeinde gehörenden benachbarten Dorfe Waldighofen, in welchem im Ganzen nur 4 jüdische Familien wohnen, haben die Besitzer der daselbst bestehenden weltbekannten Weberei, unsere Glaubensgenossen „E68 Lis Emmanuel d’Lang“ für ihre zahlreichen ntchljüoischen Arbeiterinnen eme nachahmungswürdige Einrichtung getroffen. Sie haben nämlich neben den Fabrikgebäulichketten ein Haus aufführen lassen, welches Platz zum Wohnen für rund 100 Mädchen und alleinstehende ältere Arbeiterinnen bietet. Die Verwaltung dieser Pensionsanstalt ist der Leitung von Schwestern anvertraut, welche ihren Pflegebefohlenen gegen ein Entgelt von 65 Pfennigen pro Tag Kost, Logis und Wäsche besorgen. Außer dem materiellen Vortheil, den die Pensionärinnen durch diese großartige menschenfreundliche Einrichtung genießen, haben die Herren Lang durch diese ins Leben gerufene nachahmungswürdige und lobenswerthe Anstalt, besonders die Aufrechthaltung und Förderung der sittlich-moralischen Existenz ihrer, sonst der Versuchung preisgegebenen jugendlichen Arbeiterinnen ins Auge gefaßt. Während einer unserer Erzfeinde, der ehemalige antisemitische Reichstagsabgeordnete Le utz, der die Frau Dr. Schnutz, mit der er längere Zeit verabscheuenswerthen ehebrecherischen Umgang gepflogen, zum Meineide verleitet hat, vor zwei Tagen erst durch das Hannoverische Schwurgericht, wegen Verleitung zum Meineide, zu einer Zusatzstrafe von 4 Monaten verurteilt wurde, liefern unsere Glaubensgenossen, dte