Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1895)
- Date
- 1895-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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412 Sinnlichen, desto mehr werden wir überzeugt don der Kraftfülle des Ideals; mit einem Worte, das Ideal wird erst mittelst Rückschlusses aus seinen idealen Produkten gefunden. Das Ideal der Thora wird nur derjenige verwirklichen, der in allen Lagen und Verhältnissen des Lebens dem Göttlichen sich zuwendet, der ihm zu jederzeit huldigt, nicht durch leere Herzenswünsche oder phrasenvolle Hymnen, sondern durch Hineintragung desselben in all sein Thun und Lassen; nur derjeniae, welcher durch genaue Erfüllung des göttlichen Willens das Ideal in der religiösen That zur Verwirklichung bringt. DaS religiöse Ideal zeigt sich erst in der religiösen That. Wie die Kraft, welche den Baum aus dem Boden emporwachsen läßt, ohne dieser im Baume gewonnenen Verwirklichung nie Früchte getragen hätte, so wenig vermag eine ausschließlich im Herzen weilende und nie in einer religiösen That zur Aeußerung gelangte Idee Heilsames zur Reife zu bringen. Die Antwort auf unsere Frage: was sei das Ideal des Judenthums, lautet nun: Unabhängigkeit des Geistes vom Irdischen, Selbstständigkeit des Göttlichen im Menschen, welche in der steten Veredelung und Vergeistigung des Sinnlichen und dessen Erhebung zum Geistigen, sich äußert. Hier haben wir einen eklatanten Beweis dafür, daß Gedanken und Ideen durch nichts so sehr der Entstellung und Verdrehung ausgesetzt sind, als indem man sie aus ihrem natürlichen Zusammenhangs reißt und aus ihrem Rahmen herausnimmt. Sie gewinnen dadurch eine Bedeutung, die von ihrem ursprünglichen Sinne himmelweit entfernt ist. „Vom Baume des Judenthums gepflückt führte die Unsterbltchkettsidee in ntchtjüdtschem Kreise zu dem trostlosen Gedanken, den der Geist dem Menschen erdacht, zu den Gedanken, daß die Menschenseele auf Erden der Gewalt des Bösen verfallen sei und erst in der jenseitigen Unsterblichkeit Erlösung findet", dadurch wurde die Unsterblichkeitsidee unbegreiflich, da es nicht einleuchtete, wie die hienieden dem Sinnlichen verfallene, in den Feffeln des Bösen seufzende Seele zur vollen Freiheit im Jenseits sich emporschwingen könne. Ganz anders tritt uns die Unsterblichkeitsidee im heimischen Kreise des Judenthums entgegen. „Hier ist Unsterblichkeit nur eine Fortsetzung in's Jenseits des Großen schon auf Erden zu verwirklichenden Ideals des Judenthums, der Vergeistigung alles Irdischen durch die selbstständige vom Irdischen unabhängige göttliche Seele des Menschen." „Unsterblichkeit heißt Freiheit der Seele nach ihrem Scheiden aus der Hülle des irdischen Körpers, Judenthum heißt Freiheit der Seele selbst während ihrer hieniedigen Vermählung mit dem irdischen Körper, Unsterblichkeit verheißt, daß dereinst der Tod keine Gewalt haben werde über die der Erde enthobene Seele, Judenthum gibt die Gewißheit, daß schon auf Erden keine Macht der Natur Gewalt habe,7„über die in ihrer irdischen Hülle reine, freie Menschenseele, ja daß dieser die göttliche Energie, die freie Kraft verliehen wurde, den Körper selbst zu sich empor zu heben und ihn als Werkzeug ihres Willens, als Boten ihres Gedankens und ihrer Zwecke zu gebrauchen." „Unsterblichkeit lehrt den einstigen, jenseitigen Aufschwung der Menschenseele in die beseligende Gottesnähe. Judenthum lehrt den schon hieniedigen Seelenbund des Menschen mit Gott; lehrt schon die hientedige Paradtesesseltgkeit der Seele." Wer das Heiligkeitsideal der Thora auf Erden verwirklicht, wer sein ganzes Können und Wollen Gott unterordnet, wer schon hienieden die sonst der Vergänglichkeit anheimfallenden Gestaltungen des Lebens in die beseligende Gottesnähe emporhebt, der nicht blos die Hoffnung in seinem Herzen trägt jenseits zu einem seligen Leben zu erwachen, sondern schon auf Erden ein Gottergebenes zur Freiheit über das Irdische emporgehobenes Leben führt, dem wird die Unsterblichkeitstdee einleuchten, der wird sie als Thatsache der Erfahrung seines eigenen Lebens von selbst finden, für den bedurfte es der ausdrücklichen Erwähnung der Idee der Unsterblichkeit seitens der Thora nicht, für ihn genügten die leisen Winke und zarten Andeutungen der Thora, um dasjenige, was sein Herz ihm schon längst diktirte, als unumstößliche Wahrheit der Thora anzuerkennen. Für denjenigen hingegen, dessen Seele auf Erden dem Irdischen untergordnet ist, und deren Aufschwung zum Göttlichen durch die Bleigewichte des Sinnlichen verhindert oder gehemmt wurde, würde ja die hochheiligste Betheuerung der Unsterblichkeilsidee von Seiten der Thora fruchtlos sein, sie würde ihm nie einleuchten, er würde ihr nie folgen können, sie müßte ihm ein ewiges Räthsel bleiben, so unverständlich wie dem geborenen Sklaven der kühne Jdeengang des Freien. Von der Idee der Unsterblichkeit gelten die Worte des Profeten: p'-nv ipdj rrw» i*b r6s>y nn •vt» mnöio (gedunkelt) und getrübt ist sie nur für den, dessen Seele nicht redlich, der Fromme hingegen lebt in s e i n e m Glauben, in dem vom eigenen Leben dictirten Glauben an Unsterblichkeit.