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Der Israelit · 1895-03-11 · Heft 20 (11.3.1895) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 20 (11.3.1895)
Date
1895-03-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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896 Judengesrtze 1843 anstellen ließ, bilden ein so werthvolles bisher unbenutztes Material in der Rüstkammer gegen den Antisemitismus, daß wir die Zahlen hier folgen lasten. Von den 206000 Juden Preußens waren danach 62000 selbstständige Kaufleute oder Gewerbetreibende, 1666 waren Aerzte, Lehrer, Künstler oder sonst in wistenschaftlicher Beziehung thätig, 2998 waren Gast- und Schankwirthe, 8420 Handwerker und 639 Landwirthe, während von 1000 Juden, je 42 Tagelöhner waren. Die Departements- und Obergerichtsgutachten lauteten nicht gerade günstig für die Juden, sie zeichneten sich übrigens auch n'cht durch allzu große Objektivität aus, der Talmud und das lüdtsche Gesetz mußten herhalten, um zu erweisen, daß die Juden nicht emancipationswürdtg seien. Man sprach von der Abneigung der Juden gegen jede andere Beschäftigung außer dem Handeln — obige Zahlen widerlegen dies schlagend — und hielt sie aus all diesen Gründen nicht für geeignet zu preußischen Vollbürgern. Der Minister Mühler stellte sich trotzdem auf den Boden der Emancipatkon. Die Debatten im Landtage waren, von einigen Ausnahmen abgesehen, von großem Wohlwollen gegen die Juden erfüllt. Judendebatten unserer Tage würden ein ganz anderes Bild geben. 1847 waren die meisten Redner voll Lobes gegen die Juden, ihre Nüchternheit und Sparsamkeit, ihre Menschen ltebe und Gutherzigkeit, ihre Sittlichkeit und Familtenreinheit, ihre Aufopferungsfreudigkeit und Vaterlandsliebe fand volle Würdigung. Natürlich das edle Herrenhaus, woran der Feudaljunker Graf Bismark von Schönhausen, sprach sich gegen den Entwurf aus. Und so blieb es denn im großen und ganzen so ziemlich beim alten. Der Staatsdienst und die richterliche, sowie polizeiliche Saniere blieb den Juden verschlossen. Da kam das tolle Jahr 1848 und fegte gründlich die alten Vorurtheile aus. Endlich am 3. Juli 1859 wurde den Juden volle Gleichberechtigung — wenigstens auf dem Papier. Mit Worten der Hoffnung und Zu verficht, daß die Zeit bald komme, wo auch tm Leben und in der Wirklichkeit die Inden als gleichberechtigte Bürger von Allen angesehen werden, schloß Redner seine einstündigen meisterhaften Ausführungen. X. ZeitnugSnachrichteu n«v ^Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 7. März. (D e u t s ch er Reich sta g). Präsident von Levetzow ruft den Abg. Ahlwardt wegen der gestern gebrauchten Ausdrucke wie Raubthiere u. s. w. gegen die das deutsche Staatsbürgerrecht besitzenden Juden nachträglich mit folgenden Worten zur Ordnung: „Ich möchte noch auf einen Vorfall aus der gestrigen Sitzung zurückkommen. Wenn hier verlrtzende Äußerungen fielen gegen Personen, Gemeinschaften, gegen politische Parteien, Sozialdemokraten, Konservative, Antisemiten, gegen Berussstände oder Interesteugenosten,Junker, Pfaffen, Albeitgeber — es ist alles dagewesen, — dann ist immer stillschweigend oder ausdrücklich vorausgesetzt worden, daß damit eine Allgemeinheit gemeint sei, die nicht wohl beleidigt werden könnte, nicht aber eine Person außerhalb oder innerhalb des Reichstages. Ich habe das immer bedauert, aber mich nicht für im Stande gehalten, der einmal entstandenen Gewohnheit entgegenzutreten. Ich möchte aber in keinem Falle, daß diese Gewohnheit noch weiter um sich greift. Nun hat gestern der Abg. Ahlwardt von der zur Gewohnheit gewordenen Lizenz nicht nur einen übermäßigen Gebrauch gemacht, sondern auch Ausdrücke gebraucht, die mit der Würde des Hauses nicht verträglich sind. Ich erinnere nur an den einen Ausdruck „Raubthiere", den er ganz ausnahmslos anwandte auf die das deutsche Bürgerecht genießenden Juden. Um nun solchen Vo kommniffen für die Zukunft vorzubeugen und den übrigen Konsequenzen, die fich daran knüpfen könnten, rufe ich den Abg. Ahlwardt nachträglich zur Ordnung. (Beifall links.) Ich bin hierzu veranlaßt auf Grund eigener Erwägung, keinesweges aber etwa auf Grund einer geschäflsoidnungSwidrigen und deswegen von mir zurückgewiesenen Bemerkung, die in der gestrigen Sitzung gemacht worden ist. (Beifalls links.) Berlin, 7. März. Die ausgesprochenen Antrsemitenbtätter wie die „Staatsbürgerztg.", „Deutsche Tagesztg." und die „Kreuzztg." triumphiren über die gestrige Debatte im Reichstag und feiern Ahlwardt als Helden. Nur nebenbei versichert die „Kreuzztg.", nachdem ihre Gesinnungsgenossen dem Ahlwardt zugejubelt haben, daß sie dessen Geschmacklosigkeit nicht vertrete. Zu einem Ordnungsruf des Präsident sei aber keine Veranlassung gewesen, noch hätte der Präsident das Recht dazu gehabt. Inzwischen hat aber Herr v. Levetzow selbst einen Ordnungsruf nachträglich für nothwendig gehalren. Ueber die Ablehnung der Anträge tm Reichstage ist die „Kreuzzeitung" böse. Sie appelltrt an die Masten und schreibt: „Soviel ist gewiß, daß die Mehrheit des Reichstages auch am 6. d. Mwieder bewiesen hat, wie völlig außer Fühlung sie mit den Anschauungen des Volkes steht, das sie nach Berlin entsendet. Daß sich an diesem Tage unter Andere» auch der Zuschauerraum an dm Kundgebungen -etheiltgte, welche das Auftreten des Abg. Richter hervorrtef, kann Zufall gewesen sein: eine gewisse

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