Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Mage ju M 20 des „Israelit“. Leiteuder Artikel. WerNner Briefe. Berlin, 6. März. II. Die Emaneipation der Juden ist ein überaus lehrreiches Blatt für die gesammte Menschheitsgeschichte. Die nimmer erlöschende Sehnsucht nach Freiheit und Erhebung, der unermüdliche Kampf fürRecht und Duldung sind die geistigen Kräfte, welche die Gleichstellung der Juden herbei geführt haben, kein großmüthiges Geschenk, kein bewundernswerther Gnadenakt war die Judenemancipation, ste war eine historische Nothwendtgkeit geworden. Das Gewissen der Völker mußte eines Tages erwachen und gebieterisch die Sühne heischen all jener furchtbaren Verbrechen, die zwei Jahrtausende hindurch im Namen der Liebe gegen die Juden ausgeübt worden sind. Hatte Israel in den finsteren Zetten der Abgeschlossenheit feine stille Duldergröße bewährt, so kam jetzt, als die Ghettomauern fiesen, die Zeit, wo die Juden die ihnen eigene Frische und Fähigkeit auf allen Gebieten des modernen Kulturlebens bewährten. Doch nur unter den schwierigsten und mühevollsten Kämpfen ward die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden errungen. Die stufenweise Erfolge in diesem Emancipationskampfe darzustellen und die allmähliche Gleichstellung der Juden in Deutschland zumal in Preußen zu schildern, war die schwierige aber überaus dankenwerthe Aufgabe, die im „Verein zur Unterstützung jüdischer Gelehrte" der rühmlichst bekannte Stadtverordnete Dr. H u g o Sachs sich stellte. Der nach Inhalt und Form vollendete Vortrag, dem nicht endenwollender Beifall das zahlreich erschienene Publikum lohnte, bot so viel des Interessanten und Wtssenswerthen dar, daß wir es uns nicht versagen können, ausführlicher über ihn zu referiren. Redner gab zunächst in der Einleitung ein knappes aber markiges Bild von der trüben Lage der Juden vor der Emaneipation. Er zeigte, wie selbst die intelligenten Kreise der Handelsstädte Bremen, Frankfurt. Leipzig in den traurigsten Vorurthetlen über ein Volk befangen waren, das kennen zu lernen und in seinem ureigensten Wesen zu verstehen, man sich nicht bemühte. Aber allen Bedrückungen zum Trotz haben die Juden, wenn ste sich auch ob aller Berfchmähung und Verachtung von außen, desto inniger nach innen zusammrnschlossen, unablässig an ihrer sozialpolitischen Erhe^ bung gearbeitet.iVor allem war es Moses Mendelssohn, jener große Reformator der Juden heit, nicht des Judenthums, der durch seine aufklärende und versöhnende Thätigkeit auf der einen Seite die Juden aus ihrer Abgeschlossenheit und Eingefchloffenheit erweckte und ste für deutsches Geistes- und Culturleben zu gewinnen suchte, und auf der andern Seite durch Lehre und Leben die Christen gemahnte, ihre beklagenswerthe Unduldsamkeit und unberechtigten Borurtheile gegen Juden und Judenthum endlich aufzugeben. Mendelssohn, der erste, der den Weg zur Verständigung anbahnte, fand in Dohm einen treuen christlichen Mitarbeiter an dem schwierigen Werke, die bürgerliche Gleichstellung der Juden durchzusetzen. Doch nur langsam und allmählich schritt die Erhebung der Juden vor. Der große König und seine Nachfolger haben die Emaneipation der Juden nicht sonderlich beschleunigt. Erst das schwere nationale Unglück, das alle Kräfte zu des Vaterlands Befreiung zu sammeln gebot, besserte die gedrückte Lage der Juden. Die jüdische Jugend, die in großer An. zahl sich den freiwilligen Freiheitskämpfern anschloß, besiegelten mit ihrem Herzblut die Liebe zum Vaterlande, das eben erst begann, sie als treue Bürger anzuerkennen. Jüdische Frauen zeigten sich als leuchtende Vorbilder selbst verleugnender Vaterlandsliebe und der Minister Hardenberg, durchaus kein ausgesprochener Judensreuud, weiß manches Wort der Anerkennung für die treue Vaterlandsliebe der Juden zu sagen. Doch als die Gefahr vorüber, der Feind zu Boden geschlagen war, da bereute man bald, die drückenden Fesseln der Juden etwas erleichtert zu haben. Der deutschtümelnde Judenhaß mit seinem Hirngespinste von christlich-germanischem Staate kam damals in Blüthe. Aus jener Zeit stammt Börnes Wort: „Weil ich als Knecht geboren, lieb' ich die Freiheit mehr wie ihr, . . . ich bitte euch, verachtet mir meine Juden nicht, wäret ihr nur wie sie, ihr wäret besser. Ihr habt ihnen die Luft geraubt, das hat sie vor Fäulniß geschützt, ihr habt ihnen das Salz des Hasses ins Herz gestreut, das hat ste frisch und freudig erhalten. Der aufgespeicherte Judenhaß fand seinen kräftigen Ausdruck in der scheußlichen Lügenanklage zu Damaskus , die aber mit einem Triumph der jüdischen Unschuld endete. Endlich wollte man sich mit einer durchgreifenden Lösung der jüd. Verhältnisse befassen. Die Judenfeinde beantragten die Aufhebung des Toleranzdtkt von 1812. Die Hoffnung, die man daran geknüpt hätte, hätten sich angeblich nicht erfüllt. Die statistischen Erhebungen, welche die preußische Regierung behufs Neuordnung der