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Der Israelit · 1895-03-11 · Heft 20 (11.3.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 20 (11.3.1895)
Date
1895-03-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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393 Anny dreimal des Tags Nachricht über sein Befinden erhielt. Willy gönnte fich keinen Augenblick Ruhe. Er drängte und trieb, daß die Untersuchung gegen seinen Adoptiv-Vater beschleunigt werde und der Staatsanwalt that sein Möglichstes. Schon am dritten Tage konnten die Akten der Beschlußfassung der Strafkammer unterbreitet und dem Untersuchungsrichter übergeben werden. Dieser ein junger Herr von adeliger Abstammung und antisemitisch angehauchten Weltanschauungen — er war noch nicht lange von der Hochschule weg — wollte die gute Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, um die Sache zu einer Cause celfebre aufzubauschen. Er lehnte jede Unterredung mit Willy ab und verwies ihn auf den schriftlichen Weg. Auf diese Weise wurden die Tage der Haft für den unglücklichen Rechtsanwalt verlängert und auch seine Proteste, seine Beschwerden führten zu nichts, da es dem Ermessen des Untersuchungsrichters anheimgestellt bleibt, den Untersuchungsgefangenen größere oder geringere Freiheiten zu gewähren. Für Auny und Willy waren diese Tage eine Zeit der Trauer und des tiefsten Schmerzes. Aber auch solche Zeiten haben ihr Gutes. Sie bringen die Menschen einander näher als Jahre des Glücks und führen sie zu dem. in dessen Händen das Geschick der Welt, der Nationen und Völker ruht. Willy und Anny lernten sich gegenseitig immer mehr schätzen, traten täglich einander näher. Die Sorge um den Vater war daS Band, das sie verband, ihn zu retten, daS Ziel ihres gemeinsamen Strebend. Auch Menascheh war von dem Untersuchungsrichter vernommen worden und hatte der Wahrheit gemäß ausgesagt. Aus seiner Aussage wollte der Richter dem Verdacht deS Fluchtversuchs ableiten und wies die angebotene Caution zurück. Wieder war Willy auf den langsamen schriftlichen Weg der Beschwerde an die Strafkammer gedrängt, den er auch unverweilt beschrttt. Als Anny diese Verzögerung erfuhr, war ihr Entschluß gefaßt. Ohne Willy ein Wort zu sagen, ließ sie sich beim Präsidenten des Landgerichts melden und sie wurde auch angenommen. Mit beredten Worten schilderte sie das Unglück, das ihren Vater betroffen und die Widerwärtigkeiten. die sich seiner Haftentlassung entgegenstellten und bat denselben, er möge doch seinen gewiß nicht geringen Einfluß aufbieten, daß der Vater gegen eine beliebige Caution auf freiem Fuß belassen werde, da sich feine Unschuld ja doch Herausstellen müsse. Der Landgerichtspräsident, ein würdiger alter Herr, dessen strengste Rechtlichkeit und Unparteitschkeit selbst von allen Angeklagten anerkannt und gerühmt wurde, blickte mitleidsvoll auf das schöne Mädchen, welches thränenden AugS dastand und Glück oder Unglück aus seinem Munde zu vernehmen erwartete. Endlich sagte er: „fOtdn Einfluß, mein Fräulein, kann Ihnen nichts nützen, da das Recht keinen Einfluß duldet und die Richter unbeinflußt Recht sprechen müssen. Wenn es Sie ab:r beruhigt, so darf ich Ihnen sagen, daß, wie ich Ihren Herrn Vater kenne, ich im Voraus jede Schuld für ausgeschlossen halte. Ob er auch fehlerlos dastehe muß die Untersuchung zeigen; ich hoffe und wünsche es'" „So läßt sich für meinen armen Vater gar nichts thun?" fragte Anny, während dicke Thräuen über ihr Antlitz glitten. „Gar nichts, als in Ruhe das Ergebnis der Untersuchung abwarten." „Armer Vater", sprach Anny. „Du mußt unschuldig leiden und ich kann und darf nichts zu Deiner Befreiung thun! O, könnte ich statt Deiner im Gefängntß sitzen, Du würdest schon Mittel und Wege finden meine Unschuld zu beweisen, mir die Freiheit wiederzugeben." „Auch Ihr Vater wird wieder frei werden", tröstete der Präsident und wird fein tapferes braves Töchterchen dann doppelt lieb haben." Ein Neigen mit dem weißen Haupte und Anny war entlassen. Weinend stand sie vor der Thüre und konnte es nicht begreifen, daß das Beste sein sollte den Verlauf der Untersuchung ruhig abzuwarten. Ruhe! ja, wer diese haben könnte, wenn ihn so etwas betroffen! Ist nicht jede Minute, da man der Freiheit beraubt ist, am Leben verloren? Und der Vater sab schon einige Tage im Gefängnis und es war nicht abzusehen, wann er der Freiheit wiedergegeben würde. Was ist das Leben, wenn man der Freiheit beraubt ist? Sie konnte keinen Vogel im Käfig der Freiheit beraubt sehen und jetzt sperrte man ihr den Vater ein! Die Revision der Bücher des Anwaltes war beendet und alles mit Ausnahme eines einzigen Falles in Ordnung gefunden worden. Es handelte sich um Mündelgelder im Betrage von 40,000 Thalern, welche die Bücher als an die Mündel ausgezahlt ausführten, wofür sich jedoch keine Quittung als Beleg fand. Dagegen fand man im Privatbuch des Anwaltes M. 20.000 notiert und als Lotteriegewinn bezeichnet. Das Schlimmste an der Sache war, daß die Mündel, um die es fich handelte, ausgewandert waren, und der Colleeteur, bei dem Dr. Pretorius den Lotteriegewinn gemacht hatte, war gestorben, so daß ein Beweis für die Behauptungen des Anwaltes schwer zu erbringen

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