Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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392 Biele Israeliten hier schicken daher jetzt ihre Töchter nach Samarkand oder Taschkend, damit sie dort daS Modistinnen-Handwerk erlernen. So hören auch in Bokhara die alten Trachten und die alten Sitten auf! > Vermischtes. 4 Berlin, 24. Februar. Der Stadtverordnete Louis Sachs und seine Gattin sind vom Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, dem, sie wie wir bereits mitgetheilt, ein Grundstück zur Errichtung eines Schwesternheims gespendet, in der Generalversammlung am 17. d. M. zu immerwährenden Ehrenmitgliedern ernannt word:n. BreSla«, 22 Februar. Die „Deutsche Ostwacht", das Organ der schlesischen Antisemiten, hat zu erscheinen aufgehört. Karlsruhe, 19. Febr. Gegen den antisemitischen ReichStagSabgeordneten Ahlwardt hat der Karlsruher Stadtrath sehr scharf Sstellung genommen. Der Statdrath hat eL verweigert für die hiesigen Vorträge drS Herrn Ahlwardt die Festhalle zur Verfügung zu stellen. In seiner Erwiederung auf daS Gesuch um Ueberlasiung der Festhalle hat der Stadtrath ausdrücklich betont,daß das Gesuch nicht aus Animosität gegen den deutsch-socialen Verein, der den Vortrag Ahlwardt'S veranlaßt hat, sondern im Hinblick auf die Persönlichkeit Ahlwardt'S abschlägig beschieden worden sei. Das jetzt veröffentlichte Schreiben des Stadtraths lautet nämlich „Dem verehrlichen Vorstand des deutsch.sorialen Vereins dahier erwidern wir auf die Eingabe vom 16. d. M. ergebenst, daß an und für sich der Abgabe des Festhallesaales an den deuffch-socialen Verein zur Abhaltang einer Volksversammlung nichts im Wege steht, daß wir aber ein städtisches Lokal zu einer Versammlung, in der Herr Ahlwardt als Redner auftreten soll, nicht zur Verfügung stellen können. Wir müsien daher die Abgabe des Saales davon abhängig machen, daß der geplante Vortrag des Herrn Ahlwardt unterbleibt.^ — In Pforzheim ist eS übrigens Herrn Ahlwardt ähnlich ergangen, dort wurde ihm auch der Saal verweigert, in dem er sprechen wollte. Wie«. (Kundgebung für UniversitätS-Profeffor Dr. Menger.) Herrn Universttäts-Professor Dr. Karl Menger, der von antisemitischer Seite angegriffen worden war, wurde gestern beim Erscheinen im Hörsaale von den zahlreich erschienenen Studenten eine stürmische Ovation bereitet. Professor Menger dankte für die herzliche Sympathiekundgebung und widerlegte in sachlicher Weise die gegen ihn gerichteten Angriffe. Insbesondere legte er Verwahrung gegen die Behauptung ein, daß er junge Talente unterdrücke, und erklärte, Nachweisen zu können, daß er mehr National-Oekonomen zu Privatdocenten habilitirt habe, als irgend ein Professor in Deutschland, darunter auch Schüler, welche Gegner seiner Richtung sind. Einen derart unqualificirten Angriff öffentlich zu berichtigen, hält er unter seiner Würde Als Professor Menger geendet, legte donnernder Applaus dafür Zeugniß ab, welche Sympathien der beliebte Lehrer in der Wiener Studentenschaft genießt. Dem Lehrer der israelitischen Gemeinde in GerSfelb «. d. Rhö« ist seitens der königlichen Regierung die Beibehaltung einer Agentur der Lebensversicherungs-Gesellschaft »Victoria" untersagt worden. Das französische Budget enhält den israelitischen Kultus im Kap. 20 und zwar für daS Personal des isr. KultuS 138,580 FrS., für das iSr. Seminar 22,000 Frs, Unterstützung zu Evnagogenbauten 58,000 FrS. Diese Posten deS Budget sind in der Kammersttzung vom 18. Februar auch angenommen worden. Herr F. OelSner in Amsterdam ist zugleich mit seiner Gattin zum „Chevalier de Vordre de saiute Cathferine du Mont Sinai“ ernannt worden. Gewiß eine Seltenheit, daß Mann und Frau zugleich dekorirt werden. ES ist dies ein französischer Orden, der dem des Louisen-OrdenS für Damen resp. dem des Johanniter für Herren entspricht. AuS Maroceo kommt abermals die Nachricht von der Ermordung eines Juden, Namens Jsaac Ouahnen in Fez, und wieder müss n wir hören, daß der Gouverneur in Fez sich weigert, gegen den stadtbekannten Mörder einzuschreiten. Warschau. Die Warschauer „Provinzial Zeitung" berichtet, daß bei der letzten Recrutirung in Warschau 1335 Christen und 1170 Juden ausgelost wurden. Von diesen wurden 326 Christen und 381 Juden eingereiht, ein Beweis, daß Juden in verhältnißmäßig größerer Zahl zum Militär genommen werden. Feuilleton. Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 24.) (Alle Rechte Vorbehalten. Die Verhaftung des Rechtsanwaltes setzte die ganze Stadt in Erstaunen. Keiner glaubte an eine Schuld desselben und man war fest überzeugt, daß seine Freilassung noch an demselben Tage erfolgen würde. Von allen Setten erhielt Anny Beweise wirklicher Theilnahme und man stellte ihr enorme Summen als Caution für ihren Vater zur Verfügung. Dieser saß in seiner Zelle, ein gebrochener, geschlagener Mann. Sein guter Name, seine Ehre war dahin und er wußte stch frei von Schuld. Getrost konnte er das Ergebnitz der Untersuchung abwarten; sie konnten nichts finden, was strafbar gewesen wäre. Er hoffte auf Gott, den Heiser Israels, den gerechten Richter der Welt. Ueberzeugt, daß den Menschen kein Unheil trifft, das er nicht verschuldet hat, sann er nach, wcßhalb Gott ihn wohl so gestraft habe. Er ließ sein ganzes Leben vor seinem Geiste vorübergehen und fand nichts, welches ihm Strafe bringen, Buße und Sühne erheischen würde. Er lebte stets strenge nach den Gesetzen der heiligen Lehre und wich nicht vom Pfade des Rechts weder nach rechts noch nach links. Er sann und sann. Sollte er doch gefehlt, unwissentlich sich vergangen habend Seinen Lippen entrang sich das große Sündenbekenntnttz, und getreu dem Rathe unserer Weisen, die Ursache jedes Uebels in stch selbst zu suchen, hielt er Einkehr bet stch selbst und innere Umschau. Getröstet und gestärkt durch die Kraft des Gebetes sah er dem Kommenden mit größter Ruhe entgegen. Willy hatte durchgesetzt, daß der Vater stch selbst bekösttgen durfte und so kam es, daß obschon keine Zeile an denselben gerichtet werden durfte,