Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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391 Er entfaltete in Oberhessen in dieser Beziehung eine überaus reiche Thätigkeit und wirkte in seiner decenten, vornehmen Weise wett mehr zur Unterdrückung der judenfeindlichen Strömung, als so mancher laut polternde Agitator. Die von ihm in Oberheffen gegründeten Vereine zur Volksausklärung werden hoffentlich noch lange zum Segen der dortigen Bevölkerung fortleben. Wir Juden aber haben alle Ursache seiner stets in Liebe zu gedenken. Er war Einer von den Gerechten der Nationen, welche nach dem Ausspruche unserer Weisen Antheil an der ewigen Seligkeit haben. Frankfurt a. M, 7. März. Was nicht Alles passiren kann: Man darf stch wirklich über gar nichts mehr wundern. Der antisemitischste deutsche Volksstamm, die Sachsen, die es bereits zu einem Schächtverbot gebracht haben, sind — horribile dietu — selber Juden, denn das Wort „Sachsen" das leuchtet doch jedem wissenschaftlich gebildeten Menschen sofort ein, stammt von „Jsaksen" oder „Jsaacson". In der Frankfurter Zeitung" berichtet darüber ein Herr Dr. W. aus Erlangen das Folgende: In der Bibliothek des Britischen Museums stieß ich zufällig auf eine kleine Broschüre von 27 Seiten, betitelt: „Vorlesung über den Israelitischen Ursprung der Angelsachsen, London 1834. Von John Wilson (Nisbet.) Auf Seite 11 heißt es-. „Israels Grab war des Sachsen Geburtsort. Dies sind zwei Räthsel, die die Geschichtsschreiber lange beschäftigt haben: Wo blieben die verlorenen Stämme Israels, des nach den Versprechungen und Abstch, ten Gottes wichigsten Volkes? Woher kamen die Sachsen?" Auf Seite 13 steht zu lesen: „Man pflegte den Anfang eines Namens in der Umgangssprache oder wenn man ihn mit einem anderen Worte verband, zusammmenzuziehen und so bedeutet Sachse: Jsaaksohn (8aron means 8ou ok Isaac)!“ England. B. London, 13. März. Aus Buls kommt die erfreuliche Nachricht, daß sich dort unter Leitung des Herrn Eh. Landau eine neue Dorsche Zion Gesellschaft gebildet hat, die eine Ansiedelung von 30—40 Familien russischer Juden im heiligen Lande in das Leben zu rufen gedenkt. — Hier macht sich leider der verderbliche Einfluß der Influenza, besonders bei den armen Juden des Ostends sehr fühlbar, nicht nur daß ganze Bezirke an dieser epidemisch auftretenden Geißel erkrankt sind, auch die Sterblichkeit ist nicht unbedeutend gestiegen. Während das Jahr 1894 gegen das Vorjahr eine verminderte Sterblichkeit bei den Juden des Ostends zeigte, ist in den 2 Monaten Januar und Februar 95 die Zahl der Todesfälle um ca. 30 °/0 d. h. 28 Fälle per Monat gewachsen. Es ist dies freilich kein Wunder, denn die Seuche tritt gerade in einer Zeit auf, in der die armen jüdischen Arbeiter ohnehin durch Mangel an Arbeit schwer leiden, und die Mittel des Board ok 6iaardian8, so reich sie sind, drohen stch zu erschöpfen gegenüber den furchtbaren Anforderungen, die an sie gestellt werden. Ein reges Leben entfalten die literarifchen Gesellschaften in der Provinz, so sprachen in der letzten Woche wieder: im Verein für jüdische Geschichte in Manchester Professor S. Alexander über „Spinoza," in der hebräisch-literarischen Gesellschaft in Edinburgh der Rev-Cunningham über Jerusalem und seine Umgebung und in Glasgow im Verein für jüdische Literatur. Asien. (v) Vokhara, im Febr. Wie ich in meiner letzten Correspondenz gemeldet, hat unser Herrscher, Emir Abdel Ahad Chan, beschlossen, zum Andenken an die Vermählung des Kaisers Nikolaus mit der Prinzessin Alice von Hessen eine nach europäischer Art eingerichtete Bürgerschule mit russischer Unterrichtssprache hier zu errichten, und dieselbe allen Confesstonen zuaänglich zu machen. Die erste Claffe dieser Schule (Lusebdis) wurde auch richtig schon eröffnet, doch darf dieselbe einstweilen von jüdischen Knaben nicht besucht werden, da auch diese, gleich ihren Vätern, noch eine seidene Schnur als Erkennungszeichen ihrer Confessio« um den Leib gebunden tragen müssen, und fürchtet man daher, daß es zwischen den mohamedanischen und jüdischen Schülern dieser Anstalt zu Ausschreitungen komme« werde. Uebrigens befindet stch diese Schule in einem mohamedanischen Viertel, das vom Judenviertel (Mehallet El-Jehud) hier sehr entfernt liegt und haben daher gleich von allem Anfänge her viele jüdische Eltern erklärt, daß sie ihre Kinder nicht soweit senden werden, damit sie nicht Angriffen und Schmähungen von Seite der fanatifchen Bevölkerung ausgesetzt seien. Unsere Lehrhäuser für Talmud-Thora find fast überfüllt, da auch aus den benachbarten russischen und persischen Provinzen Jünglinge hierher strömen, um hier die Jeschibah zu besuche». Da aber unser verehrter Oberrabbiner (Mulai Azim) n diese Menge von Bachurim nicht alle auf einmal unterrichten kann, so hat er dieselben jetzt in mehrere Claffeu etngetheilt, die dann verschiedene Unterrichtsstunden haben. Seit der Eröffnung der TranSkaspibahn hat auch die europäische Kletder-Mode, die man früher kannte, hier stch einen großen Anhang, besonders unter den Frauen verschafft, und viele derselben haben längst die alte bokharische Weibertracht abgelegt, und kleiden stch ganz europäisch.