Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448580--40363-2489273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
390 als Fremder zu sprechen. In Bezug auf Treue zu Kaiser und Reich uud die Liebe zum Vaterlande sind die Antisemiten doch dem deutschen Juden auch nicht über. Der Patriotismus der Juden hat sich auf den französischen Schlachtfeldern bewährt, sie haben die gleiche Ausdauer bewahrt und die gleichen Opfer gebracht. Worin sind die Antisemiten den Juden überlegen? Die Ziele der Antisemiten sind geradezu revolutionär und staatsgefährlich; der Klaffenuud Religionshaß wird geschürt. Die antisemitische Bewegung ist daher mit Recht als eine Schmach für Deutschland bezeichnet worden, sie stellt eine unsittliche Richtung in unserem deutschen Leben dar, sie ist gefährlicher als die Sozialdemokratie. Sie muß deshalb mit allen Mitteln bekämpft werden. Ich bitte Sie deshalb, die Anträge abzulehnen. Mainz, am Pnrtmfeste. Aus Lind he im in Oberheffen bringt uns der Telegraph die schmerzliche Nachricht, daß Dr. Leopold Ritter von Sachor-Masoch gestern 73/4 Uhr im 61. Lebensjahr seinen langen Leiden erlegen ist. Welcher unserer Glaubensgenoffen hätte nicht schon einmal Etwas von Sachor-Masoch gelesen! Es existirt wohl kaum ein jüdischer Kalender oder eine jüdische Zeitschrift der jüngsten 30 Jahre, die nicht irgend eine Schilderung oder Erzählung des polnisch - galizischen Lebens aus der Feder dieses bedeutenden Schriftstellers gebracht hätte. Sachor-Masoch war eine merkwürdige Erscheinung innerhalb der deutschen Litteratur. Die meisten seiner jüdischen Leser haben ihn wohl bis in die jüngste Zeit hinein, in welcher die Abwehr judenfeindltcher Angriffe die Stämmbäume aller irgendwie bedeutender Männer an das Tageslicht zerrte, für einen ihrer Glaubensgenossen gehalten. Und doch haben weder er, noch feine Ahnen, noch seine beiden Frauen dem jüdischen Stamme angehört. Sein Vater war Polizeidirettor in Lemberg und nur die Ursache, daß das jüdische Leben ihn so unmittelbar umgab und ihn in dessen tiefstes Innere blicken ließen, veranlaßte ihn seine Stoffe gerade im galizischen Ghetto zu suchen. Und mit welcher Liebe schuf er seine jüdische Gestalten. Wie wußte er, der Nichtjude, die jüdischen Helden seiner Erzählungen und Romane in ihrer ganzen Reinheit und Lauterkeit darzustellen! Es muß dies ganz besonders hervorgehoben werden als gerade jüdische Schriftsteller aus jener Gegend — wir verweisen nur auf Karl Emil Franzos, der in seinen späteren Schriften ein dem „halbasiattschen" Judenthume geradezu feindliche Tendenz bekundete — sich, nachdem sie den Kaftan und die Locken abgelegt, von Vorurthetlen gegen ihre Brüder nicht freizuhalten wußten. Daß auch der eben Heimgegangene manches geschrieben, was dem jüdischen Leser nicht sympathisch, das muß eben dem Andersgläubigen zu Gute gehalten werden und das hat wohl seinen Grund darin, daß er trotz allem innigen Zusammenleben mit unserem Volke, dessen Urquell unserer heilige Thora ferngestanden hat. Hätte er diese gekannt, so würde sich ihm manches Räthsel dessen Lösung er vergebens gesucht, von selbst erschlossen haben. Geboren am 27 Januar 1835 stndirte er in Prag und Graz Jurisprudenz. An letzterer Universität habilttirte er sich 1855, erst 20 Jahre alt, für Geschichte, sodann veröffentlichte er die historische Arbeit „Der Aufstand in Genf unter Karl V." und bald darauf anonym seinen ersten Roman „Eine galizische Geschichte." Der Erfolg dieser Publikation veranlaßte ihn, sein Lehramt auszugeben und sich ganz der literarischen Laufbahn zu widmen. Eine Unterbrechung seiner Arbeiten führte der Feldzug von 1859 herbei, den er als Freiwilliger mitmachte. Nachdem er dem Waffenhandwerk wieder Valet gesagt, lebte er in verschiedenen Städten Oesterreichs, zuletzt in Graz und wurde hier aus nichtigen Ursachen und von fragwürdigen Gegnern in eine Fehde verwickelt, die zu einer Bekleidigungsklage wider ihn führte. Man hat sich damals in Oesterreich nicht schön gegen den verdienstvollen Schriftsteller benommen, der, gezwungen, sich selbst zu exiltren, sein Vaterland seither nicht wieder betreten hatte. Sacher-Masoch begab sich 1882 zunächst nach Leipzig. woselbst er mit dem jetzigen Mitarbeiter des Pariser Figaro, W. JacqueS St. Core, der zu jener Zeit noch R. Armand hieb, eine Monatsschrift „Auf der Höhe" -ns Leben rief. Das Unternehmen währte drei Jahre. Nach vielfachen trüben Erfahrungen siedelte sich Sacher- Masoch in Ltndheim an, woselbst er, abgesehen von einer vorübergehenden journalistischen Thättgkeit in Mannheim, die letzten Jahre verbrachte. Dem Verlag seines in Mannheim erschienenen Werkes „Jüdisches Leben" das von den bedeutendsten französischen Künstlern illustrirt woben ist und von welchen Bildern auch wir im „Israelit" häufig Proben zu geben Gelegenheit hatten, war der Verfaffer so liebenswürdig zuerst uns anzubieten. Wir waren aber damals gegen anderweitiger mannigfacher Beschäftigung nicht im Stande sein Angebot annehmen zu können. Seine persönliche Bekanntschaft zu machen, hatten wir vor einigen Jahren in Frankfurt a. M. das Glück und es war ein hoher Genuß dem phantastevollen Plauderer, der soviel gesehen und gehört hatte, zuzuhören. Damals trug er sich mit dem Plane eine große illustrirte Zeitschrift in dem Geschmacke seiner frühern „Auf der Höh'" herauszugcben. Dieselbe sollte den Zweck haben, das Judenthum in vornehmer, eleganter und unterhaltender Weise zu verthetdtgen und er hatte bereits eine Reihe von hohen und höchsten Persönlichkeiten für diesen Zweck gewonnen. Leider zerschlug sich seine Absicht an dem Mangel an Mitteln für diesen Zweck. Nichtsdestoweniger stellte er seine Kraft in den Dienst unserer Sache.