Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 20 (11.3.1895)
- Date
- 1895-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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889 ihrem Geschick waren sie selber Zeugen dieser Umwandlung, wie sie stch in ihrem eignen Ich vollzog. Ja, ste waren es nicht nur, sie sind es noch, die Glieder des Jakobshauses, die in den Sedernächten auf weitem Erdenrund ihren Sang und Gottes- Preis in die Nacht Hinausrufen. Wie ein Serubabel dürfen ste ausruftn: 'v iw'cb üani ue6 ->n nnw. Und wenn sich berghoch die Hindernisse und Schwierigkeiten ihnen entgegenstellten, vor den Gotterlösten weichen ste und ebnen sie sich. Sie zogen von keiner Strömung der Zeit, vor keiner noch so hochgehrnden Brandung ihrer Fluthen zurück, fliehend weichen ste zurück vor dem Gotte Jakobs und seinem Volke, wenn es mit dem Gottvertrauen und dem Heldemnuth an sie herantrtlt, mit dem Jehuda den Sprung ins Meer wazte. Feinde im Rücken, die feindliche Stömung vor den Augen, von allen Setten umstarrt von der Wüste, war es Jthuda's Stammesfürst Nachschon den Aminadab, der den ersten Schritt in das drohende Element wagte, und das Gottesvolk war gerettet. Deßhalb begeistern die Sangesweisen der alten, heiligen Singer die Festgenoffen am Sedertisch zu neuem Math und neuem Vertrauen auf Gott. Von diesem Geiste erfüllt, singen sie ihr Hallelied und erheben nun von neuem die Pokale, um die Erlösung zu feiern, die Gott an den Vätern vollzogen und die den späten Enkeln in gleicher Weise verbürgt und verbrieft ist. (Fortsetzung folgt.) Zeituugsuachrichten und Correspoudeuze«. Deutschland. Mainz, 8. März. Wir versprachen in unserer vorigen Nummer die Rede des Herrn Abg. Hermes, des Dtrectors des Berliner Acguariums, welche die weiteste Verbreitung verdient, nach dem Stenogramm zum wörtlichen Abdruck zu bringen. Wir kommen hiermit unserem Versprechen nach: Herr Hermes (freis. Volks.) sagte: Die Anträge sind wohl nur zu dem Zwecke gestellt, um iubifät Mitbürger in unerhörter Weise anzugreifen: sie sind eines Kulturstaates unwürdig. Man hat den Eindruck, als wenn man dem Antisemitismus im Lande eine besonders gepfefferte Speise vorsetzen wollte, weil er an Zugkraft verloren hat. Die Zahl der Juden in Deutschland hat abgenommen. Es befinden stch nur 567,000 Juden im deutschen Reiche gegenüber 49,500,000 Christen. Die jüdische Masteneinwanderung ist lediglich ein Fabel, die zur Stellung solcher Anträge keinen Anlaß gibt. Der Antrag ist aber auch gar nicht durchführbar, denn bei den internationalen Beziehungen kommt schließlich nur die Staatsangehörigkeit in Frage, nicht die Konfesston. Eine verschiedenartige Behandlung ihrer Staatsangehörigen nach der Konfession werden unsere Nachbarstaaten sich nicht gefallen lasten. Eine Regierung könnte eine solchen Antrag niemals annehmen, denn sie kann den Grundsatz der Gleichberechtignng nicht Verlusten. Mit welchen Gründen wird der Antrag befürwortet? Herr JacobSkötter führt alle schlechten Dinge auf die Juden zurück; er spricht davon, daß es eine Sünde und Schande sei, daß die Juden alle möglichen Dinge zur Reklame benutzen. Ich muß es auch als eine Sünde und Schande bezeichnen, daß auf der Tribüne des Reichstages solche Reden gehalten werden können. (Präsident v. Levetzow bezeichnet diese Aeußerung als unparlamentarisch.) Wir betrachten die Menschen nicht von ihrem konfessionellen Standpunkte aus, sondern wir sehen auf die Handlungen. Schlechte Menschen giebt es in allen Berufen und in allen Standen. Man wirft den Juden materielle Bestrebungen vor, aber die 'Konservativen sollten doch an ihren großen Führer Stahl denken. Sollten denn die Meisterwerke jüdischer Musiker nicht mehr deutsche Herzen erfreue»? Herr Bindewald hat am vorigen Mittwoch behauptet, daß die Juden das 'Handwerk nicht treiben und dabei kann ein Verein zur Verbreitung des Handwerks unter den Juden nicht einmal alle Leute unterbringen, die sich melden. Die Juden sollen die Produzenten und die Konsumenten durch ihre Preisdrückerei schädigen. Durch hohe Preise können doch nur die Konsumenten geschädigt werden, durch Preisdrückerei kann doch immer nur ein Theil geschädigt werden. Die Juden sollen die Brotvertheurer sein; sind ste etwa auch jetzt Schuld an den billigen Preisen? Die armen Juden wissen nicht, wie sie eS anfangen sollen, um es den Antisemiten recht zu machen. Lasten sie stch taufen, so ist es nicht recht; und wenn sie einmal Aemter erhalten, so heißt es: ste drängen sich in alle Stellungen. Kaufen die Juden Güter, so klagt man über den Uebergang der Güter in fremde Hände; wenven stch die Juden den höheren Schulen zu, so klagt man über den Zudrang der Juden zu den Hochschulen. ES bleibt also keine Existenzberechtigung für die Juden; eS bleibt nichts anderes übrig alS: Der Jude wird verbrannt. Herr Sachse lobt besonders den sächsischen Antisemitismus. In ganz Sachsen gibt es überhaupt nur 9000 Juden gegenüber 3,500,000 anderen Einwohnern. Herr Sachse müßte, wenn er sein Land genau kennen würde, den Juden dankbar sein, denn überall, wo es Juden dort giebt, hat sich der Wohlstand gehoben Die nothleidenden Distrikte sind diejenigen, wo es keine Juden gibt. (Große Heiterkeit rechts.) Es ist gesagt worden, daß gewisse Leute in das jüdische Horn stoßen müßten, wenn ste Kredit haben wollten. Ich kenne in Berlin keinen solchen Hornisten (Heiterkeit); heraus mit dem Namen! In Berlin soll die Verjudung besonders groß fein, so daß die Christen nur noch geduldet seien. In Berlin gibt eS fünf Juden auf 1000 Einwohner; wir freuen uns darüber (Heiterkeit), denn wir wirken gemeinsam mit den Juden, die größte Harmonie ist vorhanden. Wenn wir einen Wunsch haben, so geht er dahin, daß Andere, auch wenn sie auS Sachsen kommen, diese Harmonie nicht stören möchten durch unbegründete Anträge wie die vorliegenden. Man spricht von Christenthum und Dentschthum; die Menschen, die von den Parasiten sprechen, mögen sich wohl Christen nennen, aber das wahre Christenthum haben sie noch nicht erkannt, namentlich nicht den Hauptsatz: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst! Die Antisemiten erkennen in den Juden nicht ihre Nächsten, sie machen vielleicht einmal bei einer Jüdin eine AuSn-thme. ES gibt eine Menge Adeliger, die sich mit jüdischem Golde ihr Wappenschild aufgefrischt haben! (Zuruf rechts: Leider!) Die Christen vergessen ganz und gar, daß der Stifter ihrer eigenen Religion ein Jude gewesen ist. (Rufe rechts: Pfui!) Und nun das Deutschthum! Wer ist ein Deutscher? Jeder in Deutschland Geborene. Rach der Konfession kann man nicht unterscheiden zwischen guten und schlechten Deutschen, das wäre der baare Unsinn. Die deutschen Juden sind ebenso gute Deutsche und Patrioten wie andere Deutsche. In einem Staate, der die Freiheit der Religion garantirt, ist es ein Widersinn, von dem deutschen Juden