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Der Israelit · 1895-03-07 · Heft 19 (7.3.1895) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 19 (7.3.1895)
Date
1895-03-07
Page
– (sequence 20)
Language
German
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380 lttz, am ganzen Leibe bebend vor dem Erzherzog Albrecht. „WaS ist Euer Begehren, meine lieben Leute?" hob der kaiserliche Prinz mit der ihm eigenen Leutseligkeit im Tone an, als die Petenten wortlos vor ihm dastanden. „Kaiserliche Exellenz!" . . . Königliche Majestät! . . . begann der Rabbi stotternd, dann versagte ihm die Stimme vollends, Helle dicke Thränen perlten ihm über das schmerz' verzerrte Gesicht und den langen, weißen Bart hernieder. Der Dechant verneigte sich tief vor dem Erzherzog und begann: „Kaiserlich königliche Hoheit wollen mir gestatten, daß ich für meinen armen Amtsbruder da unterthänigst das Wort nehme, sein schweres Leid vorbringe." „Sprechen Sie, Hochwürden!" erwiederte der Erzherzog, die hohe Priestergestalt wohlwollenden Blickes musternd. * Der Dechant begann nun, die Bedrangn'tz des jüdischen Seelsorgers mit steigender Wärme zu schildern. Er erzählte, wie der Rabbiner vor 36 Jahren durch den damaligen berühmten Landrabbiner, den Ofener Rabbi Moses Münz, dessen erster Schüler und Seminarleiter der Petent gewesen, in das Seelsorgeamt eingesetzt wurde. Um jene Zeit waren noch keine rechtsverbindlichen Bestallungsbriefe im Brauch. Auf Empfehlung des Landrabbiners angestellt, waltete der Rabbiner in Eintracht und Frieden mit seiner Gemeinde des Amtevolle 36 Jahre, wie gesagt, bis ein ganz neues Geschlecht herangewachsen und der Rabbi wegen einer rituellen Controverse mit dem Borstande von diesem angefeindet wurde. Der Borstand hetzte die"Gemeinde auf, bis diese den alten, im aufopferungsvollsten Diensteifer zum Greis gewordenen Seelsorger eines Tages kurzweg die Entlastung mit vierwöchentlicher Kündigung in's Haus schickte und sofort auch einen jungen Prediger in'S Amt berief. „Kaiserliche Hoheit!" schloß der Dechant mit gesteigertem Eifer der Rede, von innerlicher Glut bewegt, sein Plaidoyer, — „Kaiserliche Hoheit! Wir Beide, ich und hier mein College von der evangelischen Gemeinde, haben mit unserem armen Freund, dem Rabbiner, die ganzen 36 Jahre her zusammengelebt, zusammen dem allmächtigen Herrn im Himmel, unserem gmnnsamen Bater, treu gedient! Hier" — aus den Bauersmann hindeutend — „unser Bicebürgermeister, hier die beiden Aeltesten der Jsraelitengemeinde, wir Alle bezeugen vor Eurer kaiserlichen Hoheit, wie wir's vor Gott bezeugen wollen, daß unserem armen Freund schweres grausames Unrecht geschehen. Wir hatten Erbarmen mit seiner Hilflosigkeit undj haben ihn ermuntert, mit uns vor Eurer kaiserlichen Hoheit zu erscheinen und um Gerechtigkeit zu bitten, u« Schutz und Hilfe!„ Der Erzherzog batte die Schutzrede aufmerksam angehört, ließ dann seine Blicke schweigend von dem Sprecher der Reihe nach zu dem schmerzgebeugt dastehenden Petenten und dessen übrigen Fürsprechern hinübergleiten, wortlos sinnend, als wollte er in der tiefsten Tiefe ihrer Seelen lesen. Nach einer geraumen Pause wendete sich der Erzherzog an den Dechanten, mit dem Finger auf das Ordenskreuz des greisen Priesters hintupfend: „Hochwürden tragen da einen Huldbeweis unseres allergnädigsten Herrn, aus welchem Anlaß ist Ihnen diese Auszeichnung zutheil geworden?" m-,Ach, kaiserliche Hoheit! DaS verdanke ich eigentlich hier meinem armen Freund, dem Herrn Rabbiner. Ohne feine aufopfernde Treue hätte ich den Gnadenbeweis Sr. Majestät gar nicht erlebt!" „Sprechen Sie deutlicher!" „ES war im April 1849," erwiederte der Priester in sichtlicher Verlegenheit niederblickend, „ich wollte als katholischer Priester, dem-von Debreczin her — gekommenen Befehl aus — einem gewissen Anlaß eine — Kirchenfeier abzuhalten, nicht gehorchen. Und — die Zeiten waren damals sehr schlimm, die Leidenschaften waren entflammt — die aufgeregte Menge hätte mich sicherlich in Stücke gerissen, wenn mein wackerer Freund da mich nicht in seiner Behausung verborgen hätte, bis er mich dem Schutze der Behörde übergeben konnte, die mich unter Militärbedeckung nach Szegedin hinüber in die Festungsha ft überführte. Rach der Schlacht bei Szöregh dann wurde ich befreit, wieder in's Amt eingesetzt und von Sr. Majestät hoch über mein Verdienst mit diesem stolzen Ehrenzeichen beglückt." Wiederum trat eine lange Pause ein, während welcher der Erzherzog den Blick nicht abwendete von dem schlichten Judenpriester, der, dar greise Haupt noch tiefer niedergebeugt, sich abwechselnd die hellen Schweißtropfe von der Stirne und die schweren Thränen aus den Augen wischte. Endlich unterbrach der hohe Herr daS Schweigen, indem er dem Schwergebeugten leutselig auf die Schulter klopfte und sagte: „Trösten Sie stch, mein guter Alter! Gehen Sie ruhig nach Hause. Ihre Sache ruht nun in meiner Hand, es soll Ihnen kein Haar gekrümmt werden! Mein Wort darauf!" Dem Dechanten zunächst, denn jedem Einzelnen die Hand darreichend, fügte der Ezherzog die folgenden denkwürdigen Worte hinzu: „Ich danke euch Allen vom Herzen, die Ihr mir da ein er hebe ndes Bild religiöser Eintracht und Brüderlichkeit vor Augen geführt habt, das mir im Innersten der Seele wohlthut! — Geht beruhigt heim, fahret fort in Eurem edlen Friedensstreben und lehret Euren Glaubensbrüdern Eurem Beispiele folgen, kündet ihnen, daß sie Gott im Himmel, sowie unserem Allergnädig sten Herrn hienieden auf dies« Weise am besten dienen können. Ich danke Euch nochmals von ganzem Herzen! Ziehen Sie hin in Frieden!" Es erübrigt uns nur wenig mehr hinzuzufügen. Die Audienz, welche wir soeben geschildert haben, hatte am Montag stattgefunden, und am Freitag Abend bereits hatte der Cultus Vorstand der gegen ihren Seelsorger rebellischen Israelit en-Gemeinde die behördliche Weisung erhalten, die gesammte Gemeinde zu dem TagS darauf folgenden Sabbar-GotteSdienste in die Synagoge einzuberufen, um eine vom General gouverneur herabgelangte wichtige Entscheidung entgegenzunehmen. Diese Entscheidung, zu deren Promulgation der Stuhlrichter im Amtskostüm, zwei Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett hinter sich, persönlich im Tempel erschienen war, enthielt den strengen Befehl, den verabschiedeten Rabbiner wieder in sein Amt zurückzuberufen, in welches er für Lebenszeit kraft der Autorität des Landes» gouverneurs installirt wurde. Es wurde ferner der Gemeinde anempfohlen» das ärmliche Gehalt von wöchentlich 10 fl. Wiener Währung, das der Rabbiner durch die 36 Jahre seiner Amtswirksamkeit bezogen hatte, fortab in Conventionsmünze auszubezahlen, ferner wurden die Gebühren, welche dem Rabbiner bis dahin, je nach dem Belieben der Partei bezahlt oder auch nicht bezahlt wurden, genau fixirt und deren Abtragung dem Cultusvorstande von Amtswegen aufgetragen. Es wurde der Amts- und Rechtskreis des Rabbiners überhaupt in Allem und Jedem auf's Umständlichste festgestellt und der Kreisbehorde zur Pflicht gemacht, über die pünktliche Einhaltung des Normativs mit aller Strenge zu wachen. So geschehen, wie gesagt, in den Septembertagen des Jahres 1853. Die interessirten Hauptpersonen der Audienzscene sind vor 25 — 30 Jahren bereits der Reihe nach in's Grab gestiegen. Nun hat die göttliche Vorsehung auch den erlauchien und hochherzigen Audienzgeber zur ewigen Ruhe gebettet. Die Zeugen der im Obigen dargelegten Geschichte eines armen Dorfrabbiners befinden stch nicht mehr unter den Lebenden.

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