Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1895)
- Date
- 1895-03-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448579--40351-2489260- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Hand, ohnmächtig nieder. — Wie mancher Invalide vom 2. Bataillon verdankt die Erhaltung seines Lebens diesem hingebungsvollen Manne. Nicht minder glänzt sein ritterliches Verhallen, da er dem Feinde schutzlos entgegen trat. Nach dem unentschiedenen Kampfe vom 9. Dezember blieben unsere Verwundeten, 83 an der Zahl, unter dem Schutz des Genfer Kreuzes in der Ferne Petit Boynes zurück. Am frühen Morgen des neuen Tages naht wuthentbrannt die feindliche Colonne. DaS rothe Kreuz wird nicht beachtet. Der brutale Haufe trotzt den Befehlen der eigenen Officiere. Gegen jedes Völkerrecht erklärt man die Verwundeten zu Gefangenen und entreißt ihnen die geringe Hab«'. Wer sich diesem rohen ehrlosen Treiben widersetzt, wird mit der blanken Waffe bedroht, und mit Gewalt bezwunaen. Dieser empörende Vorgang wird dem Oberstabsarzt in der deutschen Linie gemeldet. Nur von einer Ordonnanz begleitet, begiebt er sich sofort zur Stelle und verlangt unter Berufung auf die Genfer Convention die Freilassung der Verwundeten. Als Antwort erhoben zehn, zwölf Mann ihr Gewehr schußfertig gegen den kühnen Sprecher. Die deutschen Krieger und Lazarethgehülfen zittern um sein Leben. Er aber blickt verachtend auf die drohende Gefahr und ruft den gewissenlosen Schützen im fließenden Französisch kaltblütig entgegen: „Ihr Erzherzog Albrecht i ES war in den ersten Septemberlagen des Jahres 1853. Im Borsaal des Audienzgemaches der Ofener Königburg wimmelte es von vornehmen Würdenträgern. Prälaten, Hohe Militärs und Magnaten kamen und gingen, tauschten untereinander Händedrücke aus, plauderten im Flüstertöne zu Zweien oder in Gruppen, des Momentes harrend, wo sie zum Erscheinen vor dem Generalgouverneur und General- Commandirenden von Ungarn, dem Erz herz o g Albrecht, aufgerufen werden sollten. In einer Fensternische stand stumm aneinander gedrängt eine Gruppe von Audienzbewerbern, welche gar seltsam abstach von dem glanzstrahlenden, buntbewegten Gesammtbilde der Gesellschaft. In der Mitte die hochausragende Gestalt eines betagten katholischen Priesters, das breite rothe Band um den Leib kennzeichnete seinen Rang in der kirchlichen Hierarchie, der Franz Joseph-Orden schmückte seine Brust, sein kluges Augenpaar blickte, von schneeweißen, buschigen Brauen überschattet, sinnend durch die hohen Bogenfenster über den Donaustrom hinüber nach dem damals noch sehr bescheidenen Pest. Enggefchmkegt an den Dechanten, ein gebeugter Greis im Rabbinertalar, ärmlich gekleidet, die Zobelmütze in der einen Hand, die andere krampfhaft an'S Herz gepreßt, als sollte sie den Jammer und Schmerz, die grenzenlose Angst bändigen, die darinnen lobten und in dem gramgebleichten Antlitz lebhaft zum Wkederschein gelangten. Noch ein dritter Diener des Herrn, ein ebenfalls hochwollt Soldaten sein? Ehrloses, erbärmliches Gesindel, feige Canaillen seid Ihr. Weiter Nichts! Schießt doch, wenn Ihr den Muth dazu habt." Kein Schuß fällt. Langsam senken sich die Gewehre. Der überwältigende sittliche Ernst, die kalte Unerschrockenheit hat die fanattstrten Marodeure entwaffnet. Bis zum commandtrenden General Cüaney dringt Dr. Rosenthal vor, und seiner unbeirrbaren Energie gelingt es, wenigstens die Verwundeten vor der Gefangenschaft zu bewahren, die nicht mehr marschiren können. Mit Gewißheit läßt sich sagen, daß diese, ohne Rosenthal's ruhmwürdiges Verhalten, ihr deutsches Vaterland nie wieder gesehen. Chancy verweigert dem deutschen Arzt den Rückweg durch die französische Stellung, er läßt ihn, von Pöbelhaufen und der fanatistrten Bevölkerung arg belästigt, nach England escortiren. In der schwersten Zeit des Regiments ward unseren blutenden Kameraden die schützende Hand entrissen. Zum zweiten Male erleidet das 2. Bataillon etnrn schweren, schier unersetzlichen Verlust. So lebt im Herzen aller Augenzeugen das flüchtig sktzzirte Bild des Mannes, dessen heldenmüthiges Wirken in Hellem Glanze strahlt, so oft der Ehrentag von Loigny wiederkehrt. Oberstabsarzt Dr. Rosenthal, der Held am Schmerzenslager." — id der Dorsrabbincr. betagter protestantischer Prediger, lehnte dem Rabbiner zur Seite am glänzenden Marmorgetäfel der Wand neben dem Fenster. Um dieses Kleeblatt bewegten sich ruhelos zwei graubartige Juden, während ein kernmagyarischer Bauer, das Haupt mit den wallenden, schneeweißen Haar stolz zurückgeworfen, mit verschränkten Armen dastand, die glänzende Gesellschaft mit sichtlichem Interesse musternd. Diese sieben Männer waren weit hergekommen von der unteren Theiß und harrten gleichfalls der Audienz vor dem Ohm de- Kaisers. Endlich öffneten sich die Flügelthüren des Audienzfaales abermals, ein Magnat im prunkvollen Nationalkostüm, die Brust mit Orden behängt, verließ den Saal unter ehrfurchtsvollen Bücklingen. Der diensthabende Adjutant winkte die geschilderte Siebenergruppe herbei, sie war nun an der Reihe zur Audienz. Ein schwerer SchmerzenSseufzer entrang sich der Brust des Rabbiners, wie Schutz und Hilfe suchend., irrte'dessen flehender Blick vom Dechanten zum evangelischen Priester, zu den einzelnen übrigen Deputations-Mitgliedern umher, welchen übrigens augenscheinlich auch sehr bänglich zu Muthe war. „Rur Muth, Bruder!" hauchte der Dechant dem Rabbiner zu und schob ihn in den Bordergrund/'an die.Spitze der kleinen Gruppe. Im nächsten Augenblicke stand der Rabbiner, den Dechantenlzur Rechten,"den Pastor zur Linken, TodeSbläfle im An-