Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1895)
- Date
- 1895-03-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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WMWWWWWWWD 378 und Aechzen der Schwerverwundetcn, ihren Jammerruf nach Hilfe. Ein grausig, fürchterliches Bild des Krieges! Rathlos blickt die kleine Schaar der hilfbereiten Sanitäts-Colonne auf das ungeheure Zerstörungswerk. Wo zuerst beginnen? Welchem Klagerufe folgen? Zuviel des Elends ist's für die wenigen rettenden Hände. Das von allen Seiten hörbare Jammern der stöhnenden Menge droht die Tbatkraft der wenigen Menschen zu erdrücken. Nur Einer ist's. der mit hoheitsvoller Hingabe und erhebender Nächstenliebe dem Schmerz gebietet, eine fast übermenschliche Anstrengung entwickelt, dessen unendlich segensreiches Wirken die wenigen Männer „vom rothen Kreuz" zur höchsten Anspannung und Hülseletstung entflammt, der Qual und Schmerzen soweit es menschliche Kraft vermag, zu lindern und zu mildern sucht — dem nahenden Tode die sichere Beute noch entreißt. Euch Kameraden vom zweiten Bataillon, die das feindliche Geschoß auf der eiserstarrten Wahlstatt niederstreckte, Euch bleibt der Name Eures Retters unvergessen. Aber auch in den Herzen aller Augenzeugen lebt die dankbare Verehrung fort, für unfern Oberstabsarzt Dr. Rosenthal, den siegreichen Held am Schmerzenslager. — Der Mann der Wissenschaft glänzt nicht durch eine stattliche Erscheinung; er giebt auch Nichts auf Aeußerltchkeiten. Ein militärisches Auge wird von dem Anblick des kleinen, unscheinbaren Mannes kaum befriedigt. Die größte Schwierigkeit bereitet dem Gelehrten das andauernde Reiten. Lächelnd schaut die Mannschaft dem unbeholfenen Besteigen seines großen starkknochigen Pferdes zu. Von manchen L'ppen tönt es bei diesem nicht allzu leichten Streben harmlos scherzend: „Wenn he mau erst boben is — denn her de Schimmel ok das Sltmmste öberstahn". Doch wenn der Kampf beginnt, die heilige Pflicht gebietet, dann vollzieht sich in dem gelassenen Wesen des hochverehrten Arztes eine kaum geahnte, Willensstärke Umwandlung. Gletchgtltig gegen die schwirrenden Geschosse lenkt er sein Pferd bis in die Schützenlinie, um dort die ersten Verwundeten mit Gefahr des eignen Lebens sogleich zu verbinden und fortzuschaffen. General v. Kottwitz muß es wiederholt befehlen, bevor Dr. Rosenihal aus dem Sattel steigt. Jndeß zum Ntederlegen kann er sich nicht entschließen, obgleich der General fürsorglich gebietet: „Aber lieber Doctor, ich muß ernstlich bitten." — „Es ist wirklich einerlei, Herr General, ob liegend oder stehend. Ist's einmal so bestimmt, dann schützt doch keins von Beiden." Niemals sah man Dr. Rosenihal während des Gefechts in gebückter Haltung oder gar im Schutz der stcheren Stellung. Gleich dem unerschrockensten Führer blieb er aufrecht stehend vorne in der Front, — im stärksten Kugelregen. Solch tapferes Benehmen des „Nichtcombattanten" läßt schon annähernd die tiefourchdrungene Pflichttreue und volle Hingabe erkennen. Allein in ihrer gaizen bewunderungsvollen Größe zeigt sie sich erst Jenen, die dem edlen Mann in namenlos schwerer Arbeit nahe standen. Kaum hat der Kampf vom 2. December begonnen, da liegen auch schon die blutenden Opfer gleich dunklen Punkten, auf der weiten Runde. Dem ärztlichen Mühen gilt zunächst die hülflose Anzahl in schützende Räume, und sei es auch nur ein Stall oder Schmne, zu schaffen. Der eisige Wind und bittere Frost droht Jedem sicheren Tod, der blutend auf der Wahlstatt liegen bleibt. Erst die erstürmten und nicht vom Feuer zerstörten Häuser gewähren den erwünschten Raum. In fieberhafter Thätigkeit, schweißtriefend, suchen die wenigen Männer den klaren Anordnungen ihres Commandeurs zu entsprechen. Die kläglichen Rufe der Verwundeten tönen bald aus jedem Hause und vermischen sich mit den Verzweiflungsklagen der ihrer ganzen Habe beraubten Einwohner m dem unbeschreiblichen Stimmengewirr von Freund und Feind, von.Mensch und Thier im crassen Selbsterhaltungstriebe. Wie ein Fels im brandenden Meer steht Dr. Rosenthal inmitten dieser schauerlichen Verheerung. Sein tröstend Wort und segensreiches Wirken erfüllt selbst Jene noch mit neuer Hoffnung, die der unerbittliche Tod bereits als Beute sich erkoren. Wenn auch die Jammerrufe auf der weiten Ebene nicht ganz verstummen, so mindert sich doch noch nach Stunden heißer Arbeit, das herzerbebende Aechzen der Schweiverwundeten; sie wenigstens sind nothdürftig unter Dach und Fach geborgen. Zunächst gilt des Oberstabsarztes heilige Pflicht naturgemäß den eignen Landesktndern: doch gleichen Anthrtl haben auch die ganz verlassenen französischen Verwundeten auf sein, von wahrer Menschenliebe bewegtes Herz. Ein gräßlich Wüthen ist der Krieg; — doch solch' hellstrahlend humanes Wirken mildert seine größeren Schrecken. — Dem edlen Manne gilt es gleich, in welcher Sprache der Angstruf von den bleichen Lippen dringt. Es ist ja meistens nur die eine Bitte, ein einzig Wort, aber so todtestraurig, so angstvoll flehend wie Menschenlippen e8 nur je gesprochen. Bis zum frühen Morgen währt die schwere, die zehnfache Hülfe erfordernde Arbeit des VerbindenS und der Amputation. Inmitten des qualvollen, ärztlichen Berufs, unter den wimmernden und jammernden Haufen der blutenden Krieger bricht Dr. Rosenthal körperlich und seelisch vollständig erschöpft, das hülfebrtngende Instrument noch krampfhaft tn