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Der Israelit · 1895-03-07 · Heft 19 (7.3.1895) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 19 (7.3.1895)
Date
1895-03-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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866 Inbrunst zu sprechen, anjdenen Jahrtausenden die Juden sich erbaut und trotz allen Abfalls Jahrtausende sich noch erbauen werden. — Doch noch aus einen anderen Punkt müssen wir bei einer richtigen Stellungnahme zu den Bestrebungen des Berliner Gemetndevorstandes unser Augenmerk richten. Dte Herren betonen nämlich aller Orten ihre edle Absicht, allen Parteischattirungen innerhalb der Gemeinde gerecht werden zu wollen. Daher erscheint es ihnen als Pflicht, selbst den Kreisen, dte dem praktischen Judenthum fernstehen, eine Cultusstätte zu errichten, um dadurch zugleich eine Verständigung mit der hiesigen Reformgemeinde, die jetzt ebenfalls einen neuen Tempel bauen will, mit der Hauptgemetnde anzubahnen. Nun sollte man meinen, was gegen dte reichen Reformjuden von Berlin W. oder NW. recht ist, wäre billig gegen die zwar weniger begüterten, aber nicht weniger guten Juden in den andern Stadtvierteln, von denen, zumal im Centrum, Norden und Osten, sehr viele einen streng konservativen Charakter aller Gemetndeinstituttonen gewahrt wissen wollen. Doch da heißt es mit einemal in kühner Variation eines bekannten Wortes: Ja lieber, Jude von der 8.—11. Steuerstufe, das ist ganz was anders. Du glaubst zwar in der alten trauten Synagoge, der einzigen Andachlstätte, die man ihres reinjüdischen Charakters zu berauben noch nicht gewagt hat, einen deinen heiligsten Ueberzeugungen entsprechenden Gottesdienst zn finden. Doch mußt du dtrs bei aller Vorstandsgerechtigkeit gefallen lassen, daß ein Mann dir das Gotteswort an geweihter Stätte auslegt, der all das in Leben und Lehre negirt, was dir theure Glaubenswahrheit und hehre Gottesoffenbarung ist. Uebrigens ein ganz wunderbarer Gestnnungsernst im Cult und seinen Trägern! Dieselben Rabbiner, die jene tiefempfundenen Stellen von Zion und Jerusalem, vom Messias und der zukünftigen Erlösung Israels aus dem Gebetbuch kaltsinntg und pietätlos ausgemerzt haben, sprechen mit ebenfalls wunderbarer Gemüthsruhe den Schlußsegensspruch nach der Hasthora. „Erfreue uns, Ewiger unser Gott, durch Elias den Propheten und durch das Reich des Hauses Davids deines Gesalbten. Möge er bald herbeikommen, ... auf daß auf seinem Thron kein Fremder sitze!! Was ist eigentlich dte wahre Ueberzeugung dieser Herren, die Lehranschauung der alten oder neuen Synagoge? Und das ist gerecht gegen die allgläubigen Besucher des ehrwürdigen Gotteshauses in der Haidereutergaffe!? Doch weiter. Die jüdische Religtonsschule soll doch gewiß auch für die Kinder gesetzestreuer Juden vorhanden sein und doch lehren an den Gemeindeanstalten Männer, die oft genug mit frivolem Wort statt Glauben Zweifel in's junge KindeSgemüth säen. Dte heiligsten Satzungen des Judenthums werden oft einer vernichtenden Kritik unterzogen, die Wunder der heiligen Schrift werden in einer übrigens sowohl pädagogisch wie sachlich verwerflichen Weise rationalistisch erklärt dte überirdische Offenbarung der schriftlichen, wie die Existenz der mündlichen Ueberlieferung wird kurzer Hand geleugnet. Es ist nur ein kleiner, aber bezeichnender Umstand, wenn wir erwähnen, daß bet der Lektüre der heiligen Schriften jene alterherwürdige Sitte, bedeckten Hauptes zu sein, außer acht gelassen wird. Heißt das auch Gerechtigkeit den Conservativen gegenüber? In dem Waisenhaufe der Gemeinde werden die Zöglinge gezwungen den Sabbat durch Arbeit zu schänden, damit sie den Sonntag feiern können. Es wird ihnen gewehrt frühmorgens die hochheilige Reltgtonspfltcht der Thephltn zu erfüllen. Heißt das jenen Kreisen Rechnung tragen, denen der Sabbat und die Tephilin noch heilige Gottesvorschrtften sind? Wir brechen für heute hier ab. Wir werden nächstens einmal dte jüd. Jugend, aus die es ja in erster Linie die Berl. Vorstandsreform will abgesehen haben, betrachten, um dann zu sehen, daß sie sich nach des Dichters Wort in ihrem dunklen Drange dcs rechten Weges bet weitem bewußter gezeigt hat, als beamtete Zionswächter uud dekortrte Commerzienräthe. Zum Schluß noch eines. Wir hätten unsre heutige Darstellung gern unterlassen, hätten wir aus aufrichtige Selbstkritik im Lager der Berliner „Glaubensfirmler und Reltgionsformler" rechnen können Allein, wie die Verhältnisse nun einmal liegen, galt für uns der kernige Dtchterzuruf, den wir nach Kräften zu erfüllen strebten: „Wenn Wahrheit ruft nach Zeugen Doch Hang kein Mund das Schweigen Zu brechen wagt, — Beschäme Du die Feigen, Sprich unverzagt." X. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. Bnrgpreppach, 4. März. Zu einer seltenen Kundgabe der Liebe und Verehrung, die als ein D»n mp im eminentesten Sinne des Ausdrucks zu bezeichnen ist, gestaltete sich heute dte Wahl eines Nachfolgers für den scheidenden Distriktsrabbiner Herrn Dr. Deutsch. Der mit der Wahlhandlung betraute kgl. Bezirksamtsaffeffor Dr. Kopp leitete dieselbe vor versammelten Beztrksaugehörigen, worunter zahlreiche Nichtjaden, mit einer Ansprache ein, in welcher er in seinem eigenen Namen, sowie

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