Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1895)
- Date
- 1895-03-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang Erste Mage M M 19 des „Israelit". Leitende Artikel. Uertiner Mriefe. Berlin, 6. März. I. Kecke Justizrathsweisheit im Bunde mit geistlichem Hochmuth vermißt sich, wieder einmal das Judenthum retten zu wollen. Das soll nach dem alten, wenn auch nicht bewährten Rccept von anno 1800 geschehen. Man will nämlich eine Synagoge natürlich im W. oder NW. der Stadt errichten mit vollständig deutschem, womöglich nicht sabbatlichem, sondern sonntäglichem Gottesdienst. Unwillkürlich fällt unS bei dieser reformerischen Quacksalberet das viel gebrauchte und viel mißbrauchte Wort des römischen Satirikers ein, dem es schwer fiel bei dem thörichten Beginnen seiner Zeitgenoffen seinen herben Spott zu unterdrücken. Was ist denn in Wahrheit die Maxime und der Grundcharakter dieser viel gepriesenen allrettenden Reform? Wir glauben, daß die rationalistische Gedankenwelt und der aufklärungslüsterne Liberalismus nur die sehr fadenscheinige Hülle ist. hinter der sich Bourgeois-Bequemlichkeit und kindische Modesucht, feile GestnnungSschwäche und gemeine Oberflächlichkeit birgt. Man hat leider selbst in ernsten konservativ-jüdischen Kreisen eine viel zu hohe Meinung von diesem „jüdisch kirchlichen" Freisinn. Man sehe sich nur die Reformbewegung einmal mit dem Auge deS ruhig prüfenden Psychologen und des besonnenen Historikers an. Man erkennt dann leicht, daß der ganze Reformschwindel fast nichts weiter ist, als eine keineswegs sehr pfiffig ersonnene Methode sich recht bequem und billig mit seiner Religion abzufinden. Leider geht es nicht wohl an, ganz ohne Religion zu sein. Die christlich-deutschen Kreise der Finanz- Welt und des kleineren Adels, um deren Gunst man ohne jüdisches Selbstbewußtsein und ohne das geringste Gefühl für Stammesehre buhlt, legen ja in nicht mißzuverstehender Weise einen gewissen Nachdruck und Werth auf Religion uud Kirchenthum. Da gilt es denn flugs mitzuhalten. Man bleibt Jude — im besten Fall — aber in möglichst bequemen, möglichst christlicher Form. Schnell fanden und finden sich ein paar auch nicht immer geistreicher Systemmacher, um in aller Eile ganz nach den Anforderungen der Zeit, oder wie man so schön sagt, nach dem Geiste der Zeit, der leider, wie der selige Rabb. Dr. Sachs so treffend sagt, in dem Munde der Reformhelden nur zu oft zu einem Geist der Geistlosigkeit wird, ein lustiges Glaubensgebäude zusammenzuzimmern unter dem nothigen Aufwand volltönender Schlagwörter und berauschender Redewendungen. Man findet da nichts originelles, alles ist abgeborgt aus den längst überwundenen Zeiten einer seichten Aufkläreret, alles ward ohne jede Kritik aus unjüdischen Anschauungen und Bräuchen ins arme Judenthum hineingetragen. Hatte man doch in xraxi nur einen Gesichtspunkt im Auge, immer lustig dem Judenthum alles Charakteristische und Wesenhafte zu nehmen, alles kräftige und historisch gefestigte zurückzudrängen und nur das wenige zu lassen, was nicht — stört. So entstand allem wahrhaft Pofitiven entkleidet das Salonjudenthum, das Judenthum der schönen Phrase, jener smtt liberal-manchesterltchem Firniß übertünchte Unglaube, der die traurigste Erscheinung am modernen Judenthum bildet. Uebrigens ist man — und das ist bezeichnend für das Afterjudenthum — schwach genug, auch nur das kleinste Opfer für die Religion des Judenthums, zu der man sich äußerlich immer noch bekennt, zu bringen. Höchstens, daß man stch durch eine Reihe von größeren — natürlich interkonfessionellen — Spenden auf einem rentablerem Wege, auf dem Kommerzienrathstitel und andere schöne Dinge zu finden find, mit seinem Gewiffen abfindet. Und dabei brüstet man stch noch mit seiner Liebe zum Judenthum. Doch vermögen fie bei all ihrer Liebe nicht, stch wöchentlich einige Stunden abzuringen, um die heilige Sprache ihres Volkes, die ste nicht verstehen, zu lernen. Lärmende Vergnügungen, Concerte und Theater, zumal die Ronachervorstellungen und den französtsch-prickelnd angehauchten Musentempel in der Blumcnstraße zu besuchen, hat man Zeit und Muße, doch um seines Volkes Sprache und Geschichte kennen zu lernen, fehlt mit einemmal trotz aller Begeisterung alles. Diese feige Heuchelei darf nicht länger geduldet werden, solche Gesinnungslosigkeit darf nicht geschont, ste muß gebrandmarkt werden. Man hat nicht das Recht jenen ein Gotteshaus zu errichten, die ihre Kinder früh genug in alle Geheimntffe des Salonlebens kinführen, ihnen aber die Kenntnitz der heiligen Sprache und unserer Volksgeschichte vorenthalten. Der schwachherzigen und mattsinnigen Selbsttäuschung gebührt kein Tempel. Wäre es ihnen ernst mit ihrem Judenthum, so dürften ste seinen Lebensnerv nicht durchschneiden, so müßten sie Reltgionsschulen schaffen, in denen ihre Kinder durch eifrige Beschäftigung mit der heiligen Literatur wieder in den Stand gesetzt werden, die altehrwürdigen und ewig jungen Gebote aus Herzens-