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Der Israelit · 1895-03-04 · Heft 18 (4.3.1895) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 18 (4.3.1895)
Date
1895-03-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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350 snya gebetet, und dann allen Wohlthätern der Chevroh und etwa iw Laufe des Jahres verschiedenen Mitgliedern ein Todengebet (o»Dm 'k) gewidmet, welchem unmittelbar der gemeinsame Gesang der Psalmen IN und 112 folgt. Nun wird Kaffee getrunken und bald darauf der dampfende Punsch aufgetragen, der den neu eingetretenen Mitgliedern iu alten, großen filbernen Humpen servirt wird. Jetzt stellen sich auch die Ehrengäste ein (soweit dieselben nicht schon am Mittagessen sich betheiligt haben) unter denselben regelmäßig auch der Rabbiner, von dem man natürlich eine dem Abend angepaßte Rede erwartet. Aber das Reden beschränkt sich nicht aus ihn. Die ungezwungene Art des Beisammenseins löst fast allen Thetlnehmern die Zunge, und man sollte es kaum glauben, wie viel gesunder Humor und urwüchsiger packender Witz selbst minder redegewandten Lippen dabet entströmt. Die Reden wechseln mit jüdischen Gesängen, wie sie auch anderwärts üblich sind. Aber früher wurde noch ein alterthümltches Lied mit eigenartiger Melodie gesungen, das der hiesigen Chevroh vielleicht allein gehörte. Es ist leider in Vergeffenheit gerathen, weil es mit der deutschen Grammatik auf schlechtem Fuße stand, und die jüngeren Mitgliedern ihm deßhalb nicht so sehr hold waren. Der Anfang lautete: Allmächtiger Gott, wie schlummert's mir! Allmächtiger Gott, wie schlummert's mir! Wenn Menschen schlafen, thust Du wachen, Behütst Dein Volk JiSroel, “OP DU» N1? run iw«?» 1DW Nach Mitternacht wird noch ein einfaches Abendbrod gereicht, das Trinken aber noch lange fortgesetzt. Früher ging man gar nicht zu Bett, sondern unmittelbar von dem Festgelage zum Morgengebete nach der Synagoge. Jetzt trennt man sich in der Regel um 2 oder 3 Uhr, aber die Mehrzahl hält es für eine Ehrenpflicht, doch nicht beim Morgengebet, trotz des geringen Schlafes, zu fehlen. Den Vorsitz bei dem Festmahle haben die beiden Gabboim, welche ihres Amtes ein Jahr lang walten, aber in der Regel immer von Neuem wieder gewählt werden. Lange Zeit bekleideten dieses Amt der Gemeindevorsteher Moses Falck bn, der biedere Greis Jesajas Marcus rry und der noch rur 2'p ny lebende Jacob H. Lissauer, bis derselbe wegen zunehmenden Alters eine Wiederwahl entschieden ablehnte. Die jetzigen Gabboim sind die Herren Marcus Goge und Anton Fürst. Auf ganz ähnlichen Grundlagen ist die Chevroh Kadtschoh der Frauen basirt. Auch diese nehmen nur streng religiöse Frauen in ihren Verein auf, als allgemeines Zeichen dafür gilt das Tragen eines „Scheitels." Dadurch find freilich viele, recht wackere Frauen, die sich sehr gerne an den Liebeswerken betheiltgen möchten, ausgeschlossen, aber es fehlt doch gottlob noch nicht an Frauen, bei welchen diese Forderung kein Hinderniß zum Eintritt bildet. Es ist auch schon vorgekommen, daß sich Damen dieser schönen, züchtigen, jüdischen Stlte beguemten. hauptsächlich aus dem Grunde, um dem Drange ihres nach solchen Liebesthaten sich sehnenden Herzens zu genügen. Der Bußtag der Frauen ist dsp n"ny; aber sie fasten nicht selbst, sondern taffen das von 10 bezahlten Männern besorgen. Dagegen haben sie auch alle 2 Jahre ein Festessen, am v2v2 iwy nvvn, und geht es bei demselben nicht minder gemürhltch und religiös-erhebend zu, wie bei den Männern. Auch sie fangen Mittags an und hören spät in der Nacht auf. Nach der Mittagstafel erzählt oder verliest, in der Regel, die Frau Rabbiner Dr. Carlebach eine Geschichte, mit Vorliebe eine der vielen schönen Erzählungen aus dem „Israelit," wobei die Frauen mit atemloser Spannung zuhören. Je rührender die Geschichte ist und je mehr Thränen die guten Frauen dabei vergießen können, um so behaglicher fühlen sie sich. Der Kaffe und die „Buttermeltnchen" schmecken dann noch einmal so gut. Bei dieser mwd haben die Damen auch einmal Gelegenheit, für sich svnv zu „benschen." Natürlich schicken die weichherzigen Frauen, ebenso wie die Männer — p*n, den Armen von ihren guten Bissen eine Probe ins Haus. — An der Spitze des Vereins stehen augenblicklich Ftau I. Schlomer Wittwe und Frau Dr. Adler. Mögen beide Vereine immer weiterblühen und gedeihen! Oesterr.-Ungar. Monarchie. Prag, 1. März. Die zahlreichen Freunde des in den jüdischen Kreisen der ganzen Welt durch seine herzergutckenden, unterhaltenden und belehrenden Schriften so sehr beliebten Herrn Schriftsteller S. Kohn, Verfasser des „Gabriel," dürfte es interessiren, daß derselbe am 14. d. M. sein 70. Wiegenfest bei völliger Gesundheit in noch ebenso großer geistiger Regsamkeit, wie in seinen besten Jugendjahren, feiern wird. Zahlreiche Ovationen von Seiten seiner Verehrer sind geplant. Auch der „Israelit," in welchem ein sehr großer Thetl der Kohn'schen Meisterwerke zum Abdruck gelangt ist, wird einen Vertreter zur Ueberbringung seiner Gratulation an Herrn Kohn abordnen. Wir werden zur Zeit nicht verfehlen, über die Feierlichkeit ausführlich zu berichten.

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