Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1895)
- Date
- 1895-03-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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343 müssen wir bessern. Jene sind nur das mächtige Werkzeug in Gottes Hand, uns zur gottgebotenen, treulos verlassenen Pflicht zurückzuführen. Der Geist der Zusammengehörigkeit und solidarischen Haftbarkeit muß wieder geweckt und gekräftigt werden, wenn solche Ausschreitungen für alle Zukunft ausgeschlossen sein sollen, wie sie in der Vergangenheit niemals vorgekommen sind. Dieser Geist kann aber nur geweckt werden, wenn das einzige, uns verbrüdernde Band wieder neu geknüpft wird, nachdem es im Drange der Zeit so vielfach gelockert und gerissen wurde. Mit einem Worte unsere Thora und ihre Mizwoth müssen wiederum ihren Einzug halten in die Rethen unserer französischen Brüder und Schwestern, und diejenigen, die den Abfall heraufbeschworen, sie sind in aller erster Reihe berufen und verpflichtet, ihn wieder zurückzudämmen. Wohl ist es wahr, daß die Anklagen, welche die Judenfeinde aller Zeiten gegen Juden und Judenthum erhoben haben, unbegründet waren. Dies schließt aber nicht aus, daß nichtsdestoweniger jeder Bedrückung und Verfolgung, welche Israel erfahren hat, eine Verschuldung zu Grunde lag, die durch die Leiden gesühnt werden sollte, welche seine Feinde über es häuften. Von diesem Bewußtsein durchdrungen, fragten die von Gottes Schicksalschlägen Betroffenen nicht nach den äußeren Veranlassungen jeder Mtsöre. Sie erblickten sie nicht in den schlechten Zetten, nicht in der Fülle und dem Mangel, überhaupt nicht in äußeren Verhältnissen und Constellationen. Sie fragten daher auch niemals, was hat den Judenhaß veranlaßt, denn sie hätten schon durch diese Fragestellung bekundet, daß sie die Anlässe nicht bei sich und in dem eigenen Verhalten, sondern in anderen, äußeren Zuständen und Zufälligkeiten suchten. Sie fragten, womit haben wir verschuldet, daß uns solches trifft, und haben durch diese Frage schon sich zur Selbstprüfung und Rückkehr gemahnt. Wenn die atn li. Februar auf einen Monat verschobenen Verhandlungen in der französischen Kammer wirklich um diese Zeit stattfinden werden, so fallen sie mit den Purimtagen und somit mit dem Gedächtniß einer Episode der jüdischen Geschichte zusammen, die ungemein viel Aehnlichkeit mit unserer Zeit hat. Was thaten unsere Väter in jener schweren Zeit um die Gefahr abzuwenden? Der einzige Rath, den Esther durch Mordechat ihrem Volke ertheilen läßt, lautet: *6y low D’XüDin □nirrn bi n« di» *\b mn DN Di'i 717^ D'v' int?n tonn vm .p d'isn ’nnyji „Gehe sammle alle Jehudten. die sich in Schuschan finden und fastet mit mir; esset und trinket nichts drei Tage, Tag und Nacht, auch ich mit meinen Mädchen will so fasten" u. s. w. (Esther IV, 16.) In Tagen schweren Verhängnisses Fasttage anzuordnen, war seit undenklichen Zeiten nuDix rnrax Sitte und Gepflogenheit unserer auch im Unglück großer Ahnen. Wie weit müssen wir uns von ihrer erprobten, und tausendfach bewährten Lebensanschauung entfernt und entfremdet haben, wenn keiner von denen, welchen das Weh der Zeit zu Herzen geht, der Befolgung dieses Beispiels öffentlich das Wort redet. Noch viele Jahrhunderte nach den Geschehnissen der Purimrolle vertieften sich die Weisen deS Talmud in die Frage, womit die damalige Generation den Untergang verschuldet hat. nv mdb »«nt* p pyoff »zn nt* rrotoi “ibn?rr^3 nnn lmtotp Vr trraitr »"nm .«nwnx bw mij/DD urw mdo iV iondok müh nr6 Es fragten die Schüler Rabbi Schtmeon ben Jochais ihren Meister: Wodurch hatte Israel in jener Zeit seine Vernichtung verschuldet? „Sagt ihr es selber", erwiederte er ihnen. „Weil sie", lautete die Antwort, „von dem Gastmahl des Achasveros genossen hatten." (Talmud Megtllah fol. 12 a.) Das erste was unseren Weisen so nahe liegt, daß es dafür nicht erst des Meisters bedarf, daß es die fragenden Schüler selber sagen können, ist: Sie hatten die jüdischen Speisegesetze verletzt, ste hatten an der königlichen Tafel theilgenommeu; sie hatten rfaji nD'iö gegessen! Als König Ahasveros der ganzen Residenz Gastmähler herrichtete und auch die Juden zur königlichen Tafel zog. da mögen die sogenannten Gebildeten und Fortgeschrittenen, damals wie heute, sich in die Brust geworfen und ihren Abfall gar als rettende That für die Judenheit ausposaunt haben. Für das bischen Hofgunst gaben ste die Gunst ihres Gottes und sein Gesetz Preis und mochten nun jedem erklärt haben, daß diese Satzungen jetzt nicht mehr zeitgemäß seien, jetzt sei das my*n definitiv für alle Zetten begraben, jetzt handle man illoyal und staatsfeindlich, wenn man sich in Speist und Trank so ostentativ abschließe. Umsonst posttrte sich Mordechai — nach der Ueberlieferung des Midrasch — an den Pforten des Königspalastes, mahnte und warnte jeden Einzelnen vor dem verhängntßvollen Schritt, zählte jede einzelne Seele, welche dem Lockruf unterlag, zählte 18,500 Juden, die öffentlich nsnv aßen. rwjm iwH bi nx yT woi Mordechat wußte, daß solche Verkennung und Verleugnung des jüdischen Lebensberufs nicht ungesühnt bleiben könne.