Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1895)
- Date
- 1895-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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342 hat ebenfalls erklärt, daß die Verleihung der Staatsbürgerrechte an die Juden ein großer Fehler gewesen sei. Die Forciolische Anekdote hat tiefen Eindruck gemacht. Wenn ihr nicht von berufener Seite widersprochen wird, so wird man sie wohl immer als Beweis für den oft behaupteten geheimen politischen Einfluß der jüdischen Geldmächte anführen. Wir haben bereits in vor. Nummer darauf hingewiesen, daß die Veranlaffung der traurigen Vorgänge, unter welchen gegenwärtig die französische Judenheit leidet, in der Geringschätzigkeit und Pietätlosigkeit derjenigen zu suchen ist, welche das Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zu jüdischen Gesammtheit verloren und damit jedes Gefühl der Verantwortlichkeit eingebüßt haben, das sie mit ihren Brüdern und Schwestern verbindet. Dieses Band der Zusammengehörigkeit, dieses Bewußtsein der schweren Verantwortung hätte allein genügt, um den davon Durchdrungenen vor einem solchen ChtÜul Haschem zurückfchrecken zu lassen. Dieses Band haben diejenigen gelockert, dieses Bewußtsein haben diejenigen untergraben, welche vor nahezu 40 Jahren den ersten Schritt thaten, um die Autorität unseres Gottesgesetzes durch willkürliche Abschaffung und Abänderung anzutasten. — Wir haben eine der warnenden Stimmen cttirt, welche damals schon auf das Bedenkliche und Gefährliche dieses Unterfangens htnwiesen. — Wie die Abschaffung dieser durch Jahrhunderte geheiligten Formen die Pietät verletzt und wie ihre Beibehaltung fie erhöht, hat damals ein anderer Mahnruf in so beredten Worten dargelegt, daß wir dieselben hier gerne folgen ließen, wenn ihr Umfang nicht den Rahmen dieses Aufsatzes weit überschritte. Es war kein geringerer als Rabbt Salomo n W o l f K l e i n, der als Oberrabbiner und Consistorialprästdent des Bezirks Colmar unterm 6. October 1856 sein diesbezügliches Rundschreiben, in welchem er diese Neuerungen seiner scharfen Kritik unterzog, mit folgenden Worten schloß: „Traurige Täuschung I Trügerische Hoffnung! „Die Menge wird vielleicht für einen Augenblick „dort (in den reformirten Tempeln) erscheinen, „wäre es auch nur um die Neuheit des Schau- „spiels zu genießen; bald aber wird wieder die „Macht der Gewohnheit die Oberhand gewinnen „und man dann zu spät gezwungen sein, nicht „nur die Unwirksamkeit, sondern auch die Gefährlich- „keit des Mittels anzuerkennen. Denn diese „Veränderungen werden eben so viel Merkstäbe, „die zu anderen Aenderungen führen und so „kommt man dann von Ruin zu Ruin, bis man „einen Zustand erreicht, der nichts mehr mit der „Religion gemein hat. Wir haben es daher für „unsere gemessene Pflicht erachtet, diese Maßregeln „mit der ganzen Kraft unserer Ueberzeugung zu- „rückzuweisen." Wie sich diese prophetischen Worte in so überaus trauriger Weise verwirklicht haben, ist in diesen Blättern wiederholt nachdrücklich durch Ortginalberichte aus Frankreich betont worden. Der Abfall, der von den Tempeln seinen Ausgang nahm, hat immer weitschichttgere Dimensionen angenommen, hat die erschreckende Gleichgiltigkeit und Gewissenlosigkeit großgezogen und nun Zustände geschaffen, wie sie vielleicht einzig in der Leidensgeschichte der jüdischen Diaspora dastehen. Der Judenhaß ist so alt als der Gegenstand desselben. Aber er war, Gott sei Dank, immer unbegründet. Unsere Feinde mußten immer zur List und Verleumdung ihre Zuflucht nehmen, um durch täuschende Vorwände ihren Haß dürftig zu verbrämen. Von der ersten ägyptischen Verfolgung, unter welcher Israel sich zum Volk entwickelte, bis auf den heutigen Tag, war, Gott sei Preis und Dank, Israel das schuldlose Opfer der gegen e8 angezettelten Ränke. „Wir wollen ihnen mit List beikommen, damit es nicht so groß werde;" war die Parole der ersten Feinde Israels, weil fie auf gerade, redliche Weise nichts an Israel zu finden vermochten. Diese Unschuld hat uns stark gemacht und ließ uns alles im Vertrauen auf Gott ertragen, welcher dem gekränkten Recht und seinen Vertretern überall so sicher zum Stege verhilft, daß ein jüdischer Weiser sich danach sehnte, zu denjenigen zählen zu dürfen, die grundlos verdächtigt werden. .(rp"p rov) in pm im« 'öd 'p^n w Aber in Frankreich haben allem Anscheine nach die Treulosigkeit und Verwerflichkeit einiger Pflichtvergessenen unfern Feinden einen plausiblen Vorwand zu Maßregeln gegen die gesammte französische Judenheit geboten. Unter diesen Umständen scheint es als erste Pflicht der Selbsterhaltung, der Entrüstung, welche alle Glaubensgenossen deshalb erfüllt, lauten und feierlichen Ausdruck zu geben. Die Solidarität, welche jene vereinzelten Treubrüchigen verleugnen, sollte auch seitens der Gesammtheit klar und bündig als gelöst bezeichnet werden. Einen solchen Schritt gebietet die Pflicht, selbst dann, wenn die Wogen der Erregung bereits so hoch gingen, daß man sich von ihm keinen praktischen Erfolg verspräche. Wichtiger als dieses aber bleibt die Pflicht, das Uebel an der Wurzel zu ergreifen und die Quellen zu schließen, aus welchen es allein fließt. So lange wir uns an einzelne Persönlichkeiten und Aeußerlichkeiten halten, werden wir von dem inneren eigentlichen Sitz des Uebels und seiner erfolgreichen Bekämpfung abgelenkt. Nicht unsere Feinde, uns