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Der Israelit · 1895-02-28 · Heft 17 (28.2.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 17 (28.2.1895)
Date
1895-02-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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wr*\" 323 Die Geschwister hatten nun genügend Zeit sich auszusprechen. Je länger sie mit einander sprachen, um so mehr fühlten sie sich zu einander hingezogen. Willy empfand den Unterschied zwischen Greta und Anvy und er gab sich dem Zauber ihrer Unterhaltung mit Wohlbehagen hin. «Anry, ick habe Hunger." sagte Willy nach einer Wile. «Auf der nächsten Station wird wohl ein belegtes Brod zu haben sein." „So lange sollst Du nicht wagten," versetzte Anry Sie erhob sich, nahm eine Reseta^cke und entnahm derselben einige mit Fleisch belegte Brödchen. «Du hast auch an Alles gedacht," lobte er sie, indem er mit Behagen etnbtß. „Mußte ick n'cht? Wir können nirgends zum Genusie erlaubte Spetsin b« kommen, also muffen wir uns mit Vorratd vor dem Antritt der R i'e versehen." «Ack so!" versktzte W lly J'tzt fiel ibm ein, daß onck sür ibn die Sckronken des jüdischen Epeiiegesrtzes wieder existttttn, daß auch für ihn dtp schrankenlose Freihett vorüber mar. die gestattet olles zu gentes-en. was den Gaumen k tzelt und der Zu' ge schm'cki Aber er grämte sich nicht dm über. Er war glücklich in dem Gedanken, wieder Jude, so ganz gesetzestreuer Jude sein zu dürfen und äußerte dieses auch Anny gegenüber. Dbse war außer sich vor Freude, als sie solche Worte aus dem Munde des Bruders hörte und saate: «I tzt erst ist meine Freude vollkommen, seit ich weih, daß Du uns wieder ganz angrhören wirst." Die Fahrt von Berlin nach dem Rheine, die vor fünf Jahren noch eine zwölf- bis zwanzigstündige Reise beanspruchte, wird heute schon in acht Stunden zurückgelegt. Die Wagen, welche in den sog. Harmonikazüaen curstren. laufen so leicht und bieten so großen Comfort, daß selbst weniger kräftige Naturen die Reise in einer Tour machen können, ohne daß sie Schaden an ihrer Gesundheit nehmen. Willy fühlte sich gegen das Ende der Reise zwar etwas matt, aber trotzdem hatte er den Humor nicht verloren und er freute sich im Voraus auf das Wiedersehen mit seinem Pflegevater. Die Reise selbst gab Stoff zu manchen Neckereien und Anny, die selbst gerne neckte und Scherz vertragen konnte, ging gerne auf die Späffe Willy's ein. Immer näher kam man der Heimath. Jetzt packte Anny ihre Sachen zusammen und stellte dieselben zurecht. Willy sah ihr lächelnd zu und bewunderte im Stillen den herrlichen Wuchs—, die Grazie und die Anmuth Anny's. „Daß Du mir fitzen bleibst, bis sich die Menge etwas verlaufen hat," sagte Anny, ihm die Hand streichelnd. „Du sollst nicht gestoßen und gedrängt werden." „Ganz so wie meine gnädiges Fräulein befiehlt," scherzte Willy, und Anny ging ans Fenster und sah hinaus. Jetzt fuhr der Zug mit donnerndem Getöse in den Bahnhof ein. Ein Pfiff und die Wagen standen still. Anny blickte znm Fenster hinaus und sah ihren Vtter mir einem Diener auf dem Perron stehen. Jetzt erblickst der Vater auch sie und eilte herbei. Vom Diener und von Am y unterstützt, stieg W lly aus. Als dr Anwalt den bleichen, abgemagerten Pflegesohn erbl ckee, etlte er auf ihn zu, umarmte ihn v"v küßte ihn. Ee konnte nichts sprechen und auch W lly war die Kebl" wie zugeschnürt. Man besten sofort den am Portale harrenden W iq n, d'e Pferde zo-ien an und fort ging es tn flottem Trabe dem Hinse zu. E st im Wnaen hatte sich der Anwalt io weit g-s 'ßt, daß er die Hand Willy 0 ergreifen und scholaum alechem faaen konnte. Anny erzählte von der Reise, während W lly matt und erschöpft in der Wogen» cke lehnte. Z! Hause angekommen, wurde der Reconvalesc-nt wfort in sein herrlich geschmückies Zimmer geführt. Er war so müde, daß er sofort ins Bett ging und auch balo etnschlief. Anny wachte in dieser Nackt bei ihrem Bruder. Am Morgen erschien der Hausarzt und übernahm die weitere Behandlung Willys. Sein Zu- , stand besserte sich mit jedem Tage und Dank der vorzüglichen Pflege hoben sich seine Kräfte zusehends. Willy hatte sich mit dem Vater ausgesprochen und versöhnt; er hatte ihn um Verzeihung gebeten und fühlte sich im Kreise dieser braven Menschen wieder so glücklich wie in seinen Ktnderjahren. Auch Anny war eine andere geworden. Heiter und vergnügt ging sie ihren Hausmutterpfltchteu nach und fand ihren größten Stolz darin, ihren Herren das Haus gemüthlich und angenehm zu machen. Als Willy wieder ganz hergestellt und gekräftigt war, trat er als Mitinhaber in das Geschäft seines Vaters ein und erhielt die Civilsachen zur Bearbeitung, während der Anwalt nach wie vor die Strafsachen sich zur Erledigung vorbehielt. Zwei Jahre verflossen der Familie des Anwaltes in ungetrübtem Glück. Während dieser Zeit hatte sich Fanny verheirathet, und auch Anny hatte manchen Heirathsanirag erhalten, aber ohne alles Besinnen jeden zurückgewiesen. Dr. Pretorlus hatte ihr ganz freie Hand gelassen; trotzdem bangte er vor. dem letzten Augenblick, wo er die Liebe seiner Tochter mit einem fremden Manne theilen sollte.

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