Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 16 (25.2.1895)
- Date
- 1895-02-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448576--40278-2489184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bulgarien. Sofia, 3. Februar. Am 26. v. M. hatte unser Grobrabbiner Dr. M. Grünwald eine Audienz beim Fürsten von Bulgarien. Dr. Grünwald sprach in längerer wirkungsvoller Rede den innigsten Dank für daS Wohlwollen aus, das der Fürst den bulgarischen Juden stets zu Theil hat werden lassen. Dieselben würden auch fernerhin dem Fürstenhause stets in inniger Treue ergeben bleiben. Zum Schluß erflehte der Großrabbiner den Segen des Himmels für den Fürsten und Bulgarien. Der Fürst sprach in huldreichen Worten seinen Dank auS uud versicherte, daß es zu den Traditionen seiner erlauchten Familie gehöre, den Israeliten völlige Gleichberechtigung angedeihen zu lassen. Er betonte auch, daß derselbe den Sefardtm wie den Aschkenastm in gleicher Weise gewogen sei und ersuchte Herrn Dr. Grünwald, seine Schriften ihm einseuden zu wollen. Nachdem Fürst Ferdinand stch eingehend über die Verhältnisse der Juden in Bulgarien erkundigt hatte, dankte derselbe dem Großrabbiner ganz besonders für die Gründung deS Seminars und entließ denselben huldvoll nach einer mehr als halbstündigen Audienz. Rußland. St. Petersburg, 8. Februar. Das bekannte Gesetz, welches die Zahl der jüdischen Schüler in den Gymnasien auf 10 Prozent beschränkt, wird von unseren Glaubensgenossen sehr bitter empfunden. Hier hilft keine Begabung, keine Protektion: selbst Schüler, die ihre Prüfung glänzend bestanden haben, werden mit ihren Aufnahmegesuchen zurückgewtefen, und nur wenigen gelingt es, nach mehrmaliger Zurückweisung in ein Gymnasium ausgenommen zu werden. Der Vater eines jüdischen Knaben in Jelisawetgrad, der stch mehrere Jahre hindurch vergebens bemüht hatte, sein Kind im Gymnasium unterzubringen, wandte sich kürzlich mit einem diesbezüglichen Gesuch an den Kaiser, uud schon nach verhältnißmäßtg kurzer Zeit traf die allerhöchste Antwort ein, daß dem Knaben die Ausnahme in das Gymnasium gewährt sei. — Nach dem neuesten statistischen Berichte wohnen im Gouvernement Wilna allein 206,274 Juden und 508 Karäer. Es muß doch mehr als ein bloßer Zufall sein, daß, während die Zahl der rabbtnischeu Juden trotz aller für sie bestimmten Ausnahmegesetze immer mehr zuntmmt, die Seelenzahl der Karäer bei aller Gleichberechtigung immer mehr zurückgeht. -£• Vermischtes. < f&ttlin, 18. Febr. Eine Gäule des Antisemitismus war, der „gtalffjtg.*; zufolge, der Dieb d«8 GeldfaffeS in Spandau, der Postsekretor Städtke. Er saß neben dem Hauvtmann Harter im Vorstande des Reformvereins. Jüdische Kaufleute haben wiederholt Klage geführt, daß er sie im amtlichen Verkehr grob behandle. ZtzerriHeto«. Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 23.) (Me Rechte Vorbehalten. Noch hatte sie nicht vollendet, da stand wieder seine Mutter an der Thüre, weinend und mit vergrämten Zügen. Sie winkte ihm, sie bat und flehte, er möge doch der Verführung, die ihm in solcher Gestalt entgegentrete, nicht folgen. Er sah stch schwanken. Da fühlte er zwei weiche Arme sich um seinen Hals legen und hörte süße, einschmeichelnde Worte, und von jeglicher Fessel befreit, stürmte er durch die Welt. Ueber Berge und Thäler, durch Fluren und Wälder, über rauschende Ströme und jähe Abgründe ging sein Lauf fort in die Unendlichkeit des Weltenraumes. An seiner Sette das hübsche Mädchen mit der süßen Stimme und dem verführerischen Lächeln. Da stellte sich ihm ein Htnderntß in seinem Laufe entgegen. Ein offenes Grab gähnte in weiter Haide gen Himmel. Schon hatte es Tausende verschlungen und noch immer war es nicht gefüllt und wurde nicht geschloffen. Da erfaßten auch ihn die unsichtbaren Boten deS Schattenfürsten und wollten ihn von der Seite jenes schönen Mädchens hinweg in den dunklen Schoß der Erde betten. Er schien verloren. Da stellten stch zwei Frauen, seine Mutter und seine Pflegemutter vor das Grab und hielten gemeinsam die Todesboten mit ihrer Beute auf. Ihren vereinten Bitten gelang es, jene zu bewegen von ihm abzulassen. Sie ließen ihn los und er fiel aus schwindelnder Höhe herab auf die Erde. Er stieß einen gellenden Schrei aus und — erwachte. In Schweiß gebadet lag er in seinem Bette. Jetzt kam der Wärter herbei und fragte besorgt, was ihm fehle. Willy sah ihn erstaunt und verwirrt an. Es war tiefe Nacht und nur das zitternde Licht der Kerze in der Hand des Wärters erhellte nothdürftig das Zimmer. Willy kam jetzt erst zur Besinnung. Jetzt erst wußte er, wo er sich befand. Er dankte dem Wärter für seine Sorge und sagte, er habe einen bösen Traum gehabt. „Sie dürfen stch noch nicht so sehr aufregen," sagte dieser, „sonst könnte leicht ein Rückfall eintreten oder ein Nervenfieber dazu kommen, und dann, ja dann wäre jede Kunst zu Ende," Der Wärter suchte sein Lager auf uud auch Willy schlief wieder ein uud erwachte erst spät am